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Stephen Gough am Ziel seiner ersten Großbritannien-Durchquerung. Damals konnte er sich relativ unbehelligt bewegen.
Stephen Gough am Ziel seiner ersten Großbritannien-Durchquerung. Damals konnte er sich relativ unbehelligt bewegen.(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Lieber im Knast als bekleidet: Stephen Gough will einfach nackt sein

Von Isabell Noé

Die meisten Nudisten lassen nur zu Hause oder am FKK-Strand die Hüllen fallen. Stephen Gough zieht sich überall aus. Im Flugzeug, beim Wandern, vor Gericht - Gough sieht Nacktheit als Freiheit. Und um die zu verteidigen, geht er auch ins Gefängnis.

Für Stephen Peter Gough hat Nacktsein nichts mit sexueller Befriedigung zu tun. Er ist kein Exhibitionist, der im Gebüsch Frauen und Kindern auflauert. Er ist auch kein Gelegenheits-Nudist, der die Hüllen nur am FKK-Strand fallen lässt. Für Gough ist Nacktheit Berufung, wann immer sich die Gelegenheit bietet, zieht er sich aus. Denn die Freiheit von Textilien ist für den 54-Jährigen auch persönliche Freiheit. Um die zu verteidigen, lässt sich Gough auch einsperren. Insgesamt hat er fast sieben Jahre in schottischen Gefängnissen verbracht, rund 30 Mal stand er in Großbritannien vor Gericht. Seine letzte Verhandlung war seine größte Niederlage: Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat die Klage des radikalen FKKlers abgewiesen. Ein Recht auf öffentliche Nacktheit gibt es nicht, entschieden die Richter.   

Stephen Goughs Mission beginnt im Jahr 2003. Damals beschließt der Lkw-Fahrer und frühere Marinesoldat, von Land's End nach John o'Groats zu wandern, vom südwestlichsten Zipfel Englands zum nordöstlichen Punkt Schottlands. Die Inseldurchquerung haben schon viele vor ihm in Angriff genommen, doch Goughs Trip sorgt für Aufsehen. Er trägt dabei nämlich nur Wanderschuhe, Socken und einen Rucksack. Aus dieser Zeit stammt sein Spitzname: The Naked Rambler, der nackte Wanderer. Die Engländer lieben ihre Exzentriker, viele reagieren freudig oder amüsiert, wenn sie den hüllenlosen Abenteurer treffen. Einige Male wird er verhaftet, immer kommt er schnell wieder frei.

Nackt vor Gericht

Zwei Jahre später wiederholt der Nacktwanderer seinen Marsch, diesmal in Begleitung seiner Freundin. In Schottland häuft sich der Ärger mit der Polizei. Als Gough nackt vor einem Richter erscheint, wird er wegen Missachtung des Gerichts zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Der Nudist beruft sich auf die Menschenrechtskonvention: Der Kleiderzwang beeinträchtige sein Recht auf ein faires Verfahren. Es ist der Beginn einer jahrelangen Fehde mit der Justiz. Gut einen Monat ist Gogh auf freiem Fuß, da wird er am Edinburgher Flughafen festgenommen, weil er sich während eines Fluges ausgezogen hat. Es folgt ein Kreislauf aus Gerichtsprozessen, zu denen Gough in der Regel unbekleidet antritt, und Haftstrafen, die er in Einzelhaft verbüßt, weil er auf seine Nacktheit besteht.

In den letzten Jahren saß der Nacktwanderer meistens im Gefängnis.
In den letzten Jahren saß der Nacktwanderer meistens im Gefängnis.(Foto: AP)

Als er 2008 nach 20-monatiger Haft vorzeitig entlassen wird, legt man ihm nahe,  in den nächsten drei Monaten nicht mehr hüllenlos in der Öffentlichkeit aufzutauchen. Dann würden die restlichen Anschuldigen gegen ihn fallen gelassen. Zwei Stunden später ist der Nackt-Kämpfer wieder hinter Gittern. Als er später nach einer weiteren Haftstrafe das Gefängnis im schottischen Perth verlässt, währt seine Freiheit nur 30 Sekunden. Noch in der Gefängnistür hat er sich seiner Kleidung entledigt.

Gough sieht sich nicht als Provokateur. Er sieht sich als Märtyrer im Kampf um persönliche Freiheit. Der menschliche Körper an sich sei schön und nichts, wofür man sich schämen müsste. "Ich trage auch gerne Kleidung, aber ich möchte das anziehen dürfen, was ich anziehen will", sagte Gough in einer BBC-Dokumentation. "Wir bezeichnen unsere Gesellschaft als frei und demokratisch, aber wie weit geht diese Freiheit? Hier steht eine größere Sache auf dem Spiel."

Bekleidung ist nicht vorgeschrieben

Tatsächlich ist Nacktsein in der Öffentlichkeit nicht ausdrücklich verboten, in Großbritannien nicht und in Deutschland auch nicht. Die persönliche Freiheit hat aber dort ihre Grenzen, wo sich andere Menschen gestört fühlen. Dann wird aus der Nacktheit eine Ordnungswidrigkeit. "Belästigung der Allgemeinheit" kann mit einer Geldstrafe geahndet werden. Doch wann ist Nacktheit illegal? Oft regeln das die Polizeigesetze der einzelnen Länder. Fest steht: Wer hüllenlos einkaufen geht, muss eher mit dem Vorwurf rechnen, dass er die öffentliche Ordnung stört als jemand, der auf einem abgelegenen Wanderpfad die freie Natur genießt. Was man auf dem eigenen Grundstück und in der eigenen Wohnung trägt – oder eben nicht trägt – ist ohnehin Privatsache.    

Exhibitionismus ist keine Ordnungswidrigkeit, sondern eine Straftat. Allein das Nacktsein macht einen Mann aber nicht zum Exhibitionisten. Entscheidend ist hier der sexuelle Aspekt. Exhibitionisten präsentieren ungefragt ihr Geschlechtsteil, allein um sich sexuell zu erregen.

Recht auf Privatleben verspielt

Stephen Gough ist kein Exhibitionist, das sehen auch die Richter des Menschenrechtsgerichtshof so. Seine öffentliche Nacktheit könne durchaus eine Form von Meinungsäußerung sein. Und seine verbüßten Freiheitsstrafen seien zweifellos hart, in Anbetracht der eher geringfügigen Vergehen. Allerdings habe Gough die Gefängnisaufenthalte selbst provoziert, indem er über Jahre hinweg immer wieder vorsätzlich gegen Gesetze verstoßen habe. Und was die Meinungsfreiheit angeht, so könne er nicht für sich selbst Toleranz beanspruchen und sich gleichzeitig über die Ansichten anderer Menschen hinwegsetzen, die seine Nacktheit als beängstigend und unangenehm empfinden könnten. Mit seinen Nackt-Auftritten habe er die "guten Sitten" verletzt, die in jeder "modernen demokratischen Gesellschaft" gültig seien.  

Gough sieht nicht nur seine Meinungsfreiheit verletzt, sondern auch sein Recht auf Privatleben. Doch in diesem Punkt sprachen die Richter Gough jegliche Ernsthaftigkeit ab: Wer mit zahllosen Nackt-Auftritten die Öffentlichkeit konfrontiere, könne sich kaum noch auf seine Privatsphäre berufen.    

Der Nackt-Wanderer, der in den letzten Jahren nur noch selten zum Wandern kam, bleibt jetzt weiter im Gefängnis. Enttäuscht sei er von dem Urteil. Er habe aber keine Wahl: "Ich werde weitermachen".

Quelle: n-tv.de

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