"Heißer Sommer" mitten im WahljahrStudenten rufen zu Streiks auf
"Wie Hamster im Laufrad": Das beschreibe am ehesten die Situation der Studenten nach der Bologna-Reform. Die wollen sich das jetzt nicht länger gefallen lassen und drohen der Politik mit einer neuen Protestbewegung.
Es rumort an den Hochschulen. Die in vielen Studiengängen überhastet und von den Professoren oft nur mit Unlust eingeführte Bologna-Reform mit den Bachelor- und Masterabschlüssen wird in vielen Hochschulstädten in dieser Woche die Studenten auf die Straße treiben. Die Initiatoren eines bundesweiten "Bildungsstreiks 2009" hoffen gar auf den Anfang einer neuen Protestbewegung und drohen der Politik mit einem "heißen Sommer" an den Hochschulen mitten im Wahljahr.
In über 70 Hochschulstädten sind Demonstrationen, Vorlesungsboykotts, Seminarbesetzungen und sogar symbolische Banküberfälle angekündigt. Und auch in vielen Schulen sucht der Ärger über die inhaltlich schlecht vorbereitete gymnasiale Schulzeitverkürzung immer noch nach einem Ventil.
Der CDU-Bildungspolitiker Michael Kretschmer warnte am Wochenende nach Lektüre verschiedener Streikaufrufe vor gewaltsamen Schüler- und Studentenunruhen mit brennenden Barrikaden à la Frankreich und Griechenland. "Diese Veranstaltung trägt den Geist der Destruktion in sich", urteilte der Bundestagsabgeordnete und sieht dabei vor allem Stimmungsmache der Linken. Und der unionsnahe Ring Christlich Demokratischer Studenten (RCDS) - einer der wenigen Studentenverbände, die die Demonstrationsaufrufe nicht unterstützt haben - mahnte, man dürfe "Bildungsthemen nicht dem Mob überlassen".
"Wir wollen Druck machen"
"Wir wollen Aufsehen erregen, Druck machen und eine andere Bildungspolitik einfordern", sagen dagegen die Sprecher des breiten Aktionsbündnisses verschiedener Studenten- und Schülerorganisationen. Während Politiker für die Banken in der Krise innerhalb nur weniger Tage Milliarden-Beträge mobilisieren könnten, seien Kindergärten, Schulen und Hochschulen seit Jahren chronisch unterfinanziert. Die gerade von der Politik für 2011 bis 2015 in Aussicht gestellten zusätzlichen 18 Milliarden Euro sehen sie als Tropfen auf den heißen Stein. Und über die sogenannten Bildungsinvestitionen im Konjunkturpaket freue sich vor allem die Bauindustrie. Durch Neuanstriche von Kindergärten, Schulen und Hochschulen werde aber die Betreuungs- und Bildungsqualität nicht besser.
Ver.di und auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) unterstützen zum Teil die Proteste. Und auch so manche Hochschulleitung blickt derzeit eher wohlwollend auf die Aktionen und erhofft sich dadurch mehr Aufmerksamkeit der Politik.
Am Anfang stand ein Traum
Die angekündigten Proteste fallen mit dem zehnten Jahrestag der Bologna-Erklärung zusammen. Am 19. Juni 1999 verabredeten die Erziehungsminister von 26 europäischen Staaten in der italienischen Hochschulstadt Bologna die Einführung einer einheitlichen Studienstruktur mit den gestuften Bachelor- und Masterabschlüssen, vergleichbaren Studienmodulen und einem "Credit-Point-System". Am Anfang stand der Traum von einem Studium ohne Grenzen, von einem Hochschulwechsel ohne lästigen Anerkennungsstreit bisheriger Leistungen.
Doch oft ist das Gegenteil von gut nur gut gemeint. Vor allem in Deutschland überwiegt bei Professoren wie Studenten die Kritik. Dabei gelten gerade die deutschen Probleme als hausgemacht. Die Hauptkritik: Die erste Studienphase bis zum Bachelorabschluss - in Deutschland anders als in vielen anderen Bologna-Unterzeichner-Staaten auf nur sechs Semester zusammengestutzt - gilt als total verschult. An manchen Hochschulen wurden die Inhalte der früheren acht- bis zehnsemestrigen Diplomstudiengänge fast komplett in die neue Studienstruktur hinein gepfropft.
"Wie Hamster im Laufrad ..."
Die Folge: Dichte Stundenpläne mit Anwesenheitspflicht sowie die Fülle von Praktika und Klausuren lassen vielerorts den Studenten weder Zeit fürs Jobben nebenher noch für die Vertiefung des Stoffes. Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, beschreibt die Studiensituation der jungen Menschen in Zeiten von Bologna provokativ mit dem Satz "Wie Hamster im Laufrad...".
Weiteres Problem: Bachelor-Absolventen haben hierzulande - anders als in vielen anderen Staaten - nicht automatisch Anspruch auf Fortsetzung ihrer Qualifikation in einem Master-Studiengang. Die Hochschulen können sich ihre Studenten dafür nach eigenen Kriterien auszuwählen. Das verschärft, so klagen die Studenten, bereits in den ersten Semestern den Leistungsdruck erheblich. Denn mit dem Bachelor allein hat man in vielen Berufen noch keine gute Karriereperspektive.