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Eigentlich dürfte sich in den Hamptons niemand mehr bewegen. Die New York vorgelegerte Inselkette gilt als evakuiert.
Eigentlich dürfte sich in den Hamptons niemand mehr bewegen. Die New York vorgelegerte Inselkette gilt als evakuiert.(Foto: REUTERS)

n-tv Wetterexperte erklärt den Monsterhurrikan: "Sturmflut wird extrem gefährlich"

An der Ostküste der USA bereiten sich die Menschen auf Hurrikan "Sandy" vor. Schon jetzt halten viele Experten den Wirbelsturm für historisch. Doch was macht "Sandy" eigentlich so außergewöhnlich? Wie schlimm wird es wirklich? Diese und alle anderen wichtigen Fragen rund um den Hurrikan beantwortet n-tv Wetterexperte Björn Alexander.

n-tv.de: "Sandy" wird als historisch bezeichnet. Warum?

Björn Alexander: "Sandy" ist zum einen ein enorm großer Sturm. Rund 1500 Kilometer im Durchmesser machen ihn zu einem der größten Hurrikane seit Beginn der Beobachtungen. Außerdem hat er eine Zugbahn, die sehr selten auftritt und dadurch bedroht "Sandy" die US-amerikanische Ostküste sehr weit im Norden. Verstärkt wird diese Situation durch kalte Luft, die über dem Festland auf die tropische feuchte und warme Luft wartet. Das wird die Niederschlagsintensität  nochmals verstärken.

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Die US-Ostküste zittert vor "Sandy". Wie schlimm wird es denn werden?

Aus meteorologischer Sicht lassen sich die Gefahren zumindest ein bisschen sortieren. Der Wind ist schon mal heftig. Die weitaus größere Gefahr geht aber aus derzeitiger Sicht vom Wasser aus. Da ist zum einen der Regen. In der Fläche wird es Regenmengen zwischen 100 und 200 Liter pro Quadratmeter geben. Stellenweise sind auch bis zu 300 Liter pro Quadratmeter möglich. Das entspricht etwa dem halben Jahresniederschlag von Berlin. Zum anderen gibt es das Wasser, das von unten kommt.

Was ist damit gemeint?

"Sandy" wird mit seinem riesigen Sturmfeld, das sich auf eine Länge von Hamburg nach Rom erstreckt, enorme Wassermassen an die Küste drücken. Extrem gefährlich dürfte die Sturmflut werden. Diese wird es auf bis zu drei Meter über Normal bringen. Besonders gefährlich wird es für die Gebiete, die nördlich des Kerns liegen, weil dort die Winde auflandig sind. Und das sind die Gebiete von Delaware bis Connecticut. Vor allem für die Bereiche, in denen Flussmündungen oder Verengungen die Küstenlinie kanalisieren, wird es sehr gefährlich. Leider betrifft das unter anderem auch Long Island/New York. Verschärft wird diese Situation dadurch, dass der Sturm die Küste frontal trifft und dass die Dauer des Ereignisses mit etwa 24 Stunden recht lang sein wird. Eine weitere Abnormität folgt aus dem Aufeinandertreffen der warmen und kalten Luft für das Bergland: Da bringt "Sandy" teils erhebliche Neuschneemengen. Bis zu einem Meter Neuschnee sind auf den Bergen von Virginia, Kentucky, North Carolina und Tennessee möglich. Da der Schnee sehr nass und damit auch schwer sein wird, ist Schneebruch an Bäumen, Gebäuden oder Überlandleitung sehr wahrscheinlich.

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Ist es denn noch möglich, dass die USA glimpflich davon kommen?

An den meteorologischen Parametern wird sich angesichts der Kürze des Prognosezeitraums nicht mehr viel ändern. Was allerdings vor Ort passieren wird, also was aus den Gefahren tatsächlich resultiert, das kann ich leider nicht sagen.

Mit welchen Windgeschwindigkeiten ist zu rechnen?

Die Winde werden sich im Maximum um 150 km/h bewegen. Über Land, also nach seinem Landfall wird sich "Sandy" dann allmählich abschwächen. Anschließend wird er nordwärts beziehungsweise ostwärts abdrehen und über Neufundland am kommenden Wochenende wieder auf den offenen Atlantik ziehen. Heftigen Regen wird "Sandy" aber auch nach seiner Abschwächung weiterhin mitbringen.

Warum treten Hurrikane so häufig in der Karibik und der Ostküste der USA auf?

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Hurrikane brauchen für ihre Entstehung bestimmte meteorologische Parameter. Das erste ist warmes Meereswasser, das mindestens 26 oder 27 Grad bis zu einer Tiefe von mindestens 50 Metern haben muss. Die Entfernung zum Äquator muss mindestens 500 Kilometer betragen, damit die Corioliskraft die enormen Gewitterzellen, die einen Tropensturm entstehen lassen, in Rotation bringen kann. Daneben gibt es noch ein paar weitere Parameter. Nimmt man alles zusammen, dann gibt es eben auf der Erde einige Regionen, in denen tropische Wirbelstürme entstehen können. Entstehen diese über dem Atlantik, dann nennt man sie ab einer gewissen Stärke eben Hurrikan. Eine häufig auftretende Zugbahn führt die Tropenstürme über den karibischen Raum. Anschließend drehen diese weiter in Richtung Norden ab und können Bestandteil der Westwinddrift werden, die auch  unser Wetter von Westen her in der Regel bestimmt. Auf dieser Zugbahn kann demzufolge auch die Ostküste der USA liegen.

Und weshalb kommen die Hurrikane immer im Oktober?

"Sandy" hat sich zwar im Oktober gebildet. Die atlantische Hurrikansaison geht aber etwa von Juni bis Dezember. Der Höhepunkt ist normalerweise etwa im August und September.

n-tv Wetterexperte Björn Alexander
n-tv Wetterexperte Björn Alexander

Wie entstehen tropische Wirbelstürme?

Die Entstehung ist recht komplex. In Kürze gesagt, braucht es die zuvor geschilderten Parameter - warmes Wasser, Corioliskraft sowie ein paar weitere Zutaten. Ausgehend von mächtigen Gewitterkomplexen, die sich über den tropisch warmen Gewässern gebildet haben, sorgen günstige Luftströmungen und die Corioliskraft dann dafür, dass die diese Gewitterzellen zu einem Sturm zusammenwachsen und in Rotation kommen. Sind die Windverhältnisse weiterhin günstig, dann kann der Sturm sich verstärken, entwickelt seine typischen Strukturen und ein tropischer Wirbelsturm ist entstanden.

Was ist das "Auge" eines Hurrikans?

Um es aber kurz zu halten: Im Zentrum eines tropischen Sturms herrschen Absinkprozesse der Luft. Damit ist es dort oft wolkenlos und häufig sogar windstill. In der Regel hat das Auge einen Durchmesser von rund 30 bis 60 Kilometern. Aber auch bis über 200 Kilometer sind möglich.

Wieso heißt "Sandy" "Sandy"?

Die Benennung von tropischen Stürmen über dem Atlantik gibt es - ähnlich wie bei unseren Tiefs und Hochs - zur besseren Kommunikation. Sowohl die Meteorologen als auch die Bevölkerung reden über das gleiche Druckgebilde. Und so wie bei uns hat auch bei der Benennung der Tropenstürme die Gleichberechtigung zwischen Männlein und Weiblein Einzug gehalten, so dass es eben weibliche wie männliche Namen gibt. Und da werden die entsprechenden Namenslisten in alphabetischer Reihenfolge abgearbeitet.

Was macht "Sandy" zum Hurrikan? Worin besteht der Unterschied zu Taifunen und Zyklonen?

Hurrikane sind tropische Wirbelstürme, die über dem Atlantik entstehen und mittlere Windgeschwindigkeiten von mindestens 119 km/h haben. Dann spricht man von einem Hurrikan der Kategorie 1. Weitere vier Stufen folgen. Die fünfte und höchste Stufe ist bei mittleren Windgeschwindigkeit von über 250 km/h erreicht. Bei Taifunen oder Zyklonen handelt es sich auch um tropische Wirbelstürme. Taifune werden sie genannt, wenn sie sich über dem Nordwestpazifik westlich der Datumsgrenze entstehen. Zyklone heißen sie, wenn sie über dem Indischen Ozean oder im australischen Raum entstanden sind. In Australien spricht man außerdem auch von einem "Willy-Willy". Und wer jetzt genau gelesen hat, der wird feststellen, dass der Nordostpazifik östlich der Datumsgrenze fehlt. Auch dort heißen tropische Wirbelstürme Hurrikan.

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Mit Björn Alexander sprach Johannes Graf

Quelle: n-tv.de

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