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Lebensgefahr durch herabfallende Gerüstteile: In der Hamburger Innenstadt sichern Polizeibeamte die Unglücksstelle.
Lebensgefahr durch herabfallende Gerüstteile: In der Hamburger Innenstadt sichern Polizeibeamte die Unglücksstelle.(Foto: dpa)
Mittwoch, 13. September 2017

Baugerüst erschlägt Passanten: Sturmtief entwickelt tödliche Gewalt

Der erste Herbststurm nach dem Sommer trifft Deutschland mit voller Wucht. An der Nordsee fegt das Tief "Sebastian" mit Böen in Orkanstärke übers Land. In Hamburg lösen sich Teile eines Baugerüsts. Ein Fußgänger stirbt unter herabfallenden Trümmern.

Mit heftigen Windböen und Starkregen zieht Sturmtief "Sebastian" über weite Teile West- und Norddeutschlands hinweg. In der Hamburger Innenstadt stürzten Teiles eines Baugerüsts auf die Straße und trafen dabei einen Passanten. Alarmierte Rettungskräfte fanden einen 38-jährigen Mann leblos auf dem Gehweg vor. Offenbar hatte ihn mindestens ein Gerüstteil getroffen.

Notfallsanitäter der Feuerwehr Hamburg und ein Notarzt versorgten den lebensgefährlich verletzten Mann. Er erlag später im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen. Nach Angaben eines Feuerwehrsprechers hatten sich die Gerüstteile vermutlich in Folge starker Windböen vom Dach eines siebengeschossigen Bürogebäudes gelöst.

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Für die Sicherungs- und Rettungsarbeiten musste die viel befahrene Willy-Brandt-Straße im Stadtzentrum auf der Strecke zwischen Brandstwiete und Deichtortunnel zeitweise gesperrt werden. Die Polizei Hamburg leitete den Verkehr um. Im Stadtgebiet rissen Starkwindböen mehrere Bäume um. Im S-Bahn-Verkehr kommt es zu Behinderungen.

Drei Tote im Sturm

Im Hamburger Stadtteil Blankenese kam es während des Sturms am Nachmittag zu einem weiteren tödlichen Vorfall: Ein Rollstuhlfahrer stürzte an einem Fähranleger in die Elbe. Zunächst konnte die Feuerwehr nur einen leeren Rollstuhl aus der Elbe bergen. Von dem vermissten Frührentner fehlte zunächst jede Spur.

Ein Großaufgebot suchte mit Tauchern, Booten und einem Hubschrauber nach dem Mann. Erst am späten Nachmittag gab es Gewissheit. Taucher fanden seine Leiche im Wasser. Dass der Mann vom Sturm in die Elbe gewehrt wurde, hält die Polizei laut Berichten lokaler Medien für unwahrscheinlich. Dafür sei der Rollstuhl zu schwer, hieß es. Die Ermittlungen dauern an.

Im nordrhein-westfälischen Brilon wurde ein 53-Jähriger von einem umstürzenden Baum erschlagen. Der Mann war nach Polizeiangaben mit Vermessungsarbeiten an einem Waldstück beschäftigt, als eine 20 Meter hohe Fichte auf ihn stürzte.

Risiko: Voll belaubte Bäume

Der erste Herbststurm des Jahres erreicht Deutschland in diesem Jahr Experten zufolge ungewöhnlich früh. n-tv Meteorologe Björn Alexander warnte vor besonderen Gefahren, die mit Sturmböen zu diesem Zeitpunkt einhergehen. Weil die Bäume noch voll belaubt sind, bieten sie Starkwinden besonders große Angriffsflächen. An der Küste erreicht Sturmtief "Sebastian" Orkanstärke.

"Im Flachland werden Böen über 100 km/h erwartet, aber da es der erste Herbststurm ist, können auch schwächere Böen für leichte Schäden sorgen", erklärte der n-tv Wetterexperte. "Alles, was sich seit Monaten an morschen Ästen angesammelt hat, wartet auf die erste Gelegenheit, runterzufallen."

In Wyk auf Föhr wurde eine 70-jährige Frau von einem umstürzenden Baum getroffen und schwer verletzt. Sie wurde in ein Krankenhaus auf das Festland ausgeflogen. Der Nord-Ostsee-Kanal wurde für den Schiffsverkehr gesperrt.

Baukran beschädigt Häuser in Karlsruhe

Sturmtief "Sebastian" sorgt nicht nur im Westen und Norden Deutschlands für Schäden und Verwüstungen: Im baden-württembergischen Karlsruhe löste sich laut Polizei eine Sicherung an einem Baukran, woraufhin der Wind dessen Arm erfasste und drehte. Eine an dem Arm hängende Kette beschädigte drei Häuser und blieb in einer Stromleitung hängen, die aber heil blieb. Auch aus dem badischen Ortenaukreis wurden Sturmschäden gemeldet.

Im Rheinisch-Bergischen Kreis wurde ein Auto während der Fahrt von einem umstürzenden Baum getroffen. Der 82-jährige Fahrer wurde leicht verletzt. Die rund 30 Meter hohe Pappel stürzte laut Polizei in Klasmühle auf den Wagen des Manns und rollte über die Motorhaube auf die Fahrbahn. Der Senior kam mit eine Schock ins Krankenhaus.

Die niedersächsische Polizei meldete zahlreiche Einsätze. So entwurzelte "Sebastian" etwa in den Landkreisen Verden und Osterholz zahlreiche Bäume und sorgte für umherfliegende Gegenstände. Straßen mussten gesperrt werden. In Peine stürzte ein Baum auf ein fahrendes Auto. Der 29-jährige Fahrer wurde verletzt ins Krankenhaus gebracht. Straßen mussten vorübergehend gesperrt werden. "Die Polizei, die Feuerwehren und die Straßenmeistereien haben zur Zeit alle Hände voll zu tun", hieß es.

Windmesse im Sturm

In Husum musste der Veranstalter der Windmesse "Husum Wind 2017" angesichts des Sturms vier der fünf Messehallen vorsorglich räumen. Die Besucher seien gebeten worden, die Hallen zu verlassen und sich in das Congresscenter beziehungsweise die feste fünfte Halle zu begeben, sagte ein Mitarbeiter der Messe.

Zunächst gehe man davon aus, dass dies nur eine temporäre Maßnahme sei. Die Messe stehe in engem Kontakt zum Wetterdienst. Bei der Messe Husum Wind präsentieren rund 650 Aussteller bis Freitag alles rund um das Thema Windenergie.

An der Nordseeküste verzeichnen Meteorologen teils orkanartige Böen mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 130 Stundenkilometern. Auch im Binnenland von Nordrhein-Westfalen, Hessen und Niedersachsen bringt "Sebastian" verbreitet Sturm, Gewitter und Regen.

Sturmflutwarnung an der Küste

Für die Nordseeküsten gab das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie eine Sturmflutwarnung heraus. An der ostfriesischen Küste wurde für den Abend und die Nacht ein Pegel von rund einem Meter über dem mittleren Hochwasser erwartet. Für Nordfriesland wurde mit anderthalb bis zwei Metern über dem mittleren Hochwasser gerechnet.

Für Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein warnte der Wetterdienst weiter vor orkanartigen Böen. Gefahren drohten etwa durch entwurzelte Bäume oder herabstürzende Dachziegel. In der Nacht soll sich die stürmische Wetterlage nach Angaben der Meteorologen zunehmend in Richtung Osten verlagern. An der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns muss mit Böen in einer Stärke von bis zu 110 km/h gerechnet werden.

Warnung vor starken Niederschlägen

Für Hessen und Baden-Württemberg gab der Wetterdienst eine Warnung vor Starkregen heraus. Bäche und Flüsse könnten Hochwasser führen, zudem seien Überschwemmungen von Straßen und Erdrutsche möglich. Im Odenwald und im Schwarzwald wurde mit Niederschlägen von mehr als 50 Litern pro Quadratmeter gerechnet, im Saarland von bis zu 30.

Im nordrhein-westfälischen Duisburg riss der Sturm zahlreiche Bäume aus dem Boden. Nach Angaben der Polizei kippten zudem Bauzäune und Beschilderungen um. Auch eine Ampel wurde abgeknickt. Durch herabfallende Äste und umstürzende Bäume wurden mehrere Autos beschädigt. Verletzt wurde aber niemand.

Die Stadt Flensburg in Schleswig-Holstein riet ihren Bürgern, sich in den Nachmittagsstunden nicht im Freien aufzuhalten. Städtische Kindertagesstätten wurden geschlossen, auch den Schulen wurde eine Schließung empfohlen. Städtische Veranstaltungen mit Beteiligung der Öffentlichkeit wurden abgesagt.

Flugausfälle in Schiphol

Der erste schwere Herbststurm des Jahres führt auch im europäischen Flugverkehr zu Beeinträchtigungen. In den Niederlanden strich die Fluggesellschaft KLM rund 60 innereuropäische Flüge. Auf dem Amsterdamer Drehkreuz Schiphol mussten Start- und Landebahnen aufgrund der Starkwindböen zeitweise geschlossen werden. Der Flughafenbetreiber warnte Reisende vor massiven Verspätungen.

Der niederländische Wetterdienst hatte für die Provinzen an der Nordseeküste eine Sturmwarnung herausgegeben. Der Wind erreichte an manchen Orten Stärke 10 mit Geschwindigkeiten von bis zu 126 Stundenkilometern. Umfallende Bäume verursachten Verkehrsunfälle. Dabei wurden nach Angaben der Feuerwehr mindestens zwei Menschen verletzt. Auch der Fährdienst zu den Wattenmeerinseln war stark eingeschränkt.

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Quelle: n-tv.de

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