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Mehr als zehn Jahre nach dem Mord an Hatun Sürücü stehen zwei ihrer Brüder wegen der Tat in Istanbul vor Gericht.
Mehr als zehn Jahre nach dem Mord an Hatun Sürücü stehen zwei ihrer Brüder wegen der Tat in Istanbul vor Gericht.(Foto: imago stock&people)

Prozess beginnt nach elf Jahren: Sühne für "Ehrenmord" an Hatun Sürücü

Von Diana Sierpinski

In einer kalten Februar-Nacht wird die Deutsch-Türkin Hatun Sürücü erschossen. Fast elf Jahre nach dem Mord stehen zwei ihrer Brüder in Istanbul vor Gericht. Wird es doch noch Gerechtigkeit geben?

Mit 16 Jahren wird Hatun Sürücü in der Türkei zur Heirat mit ihrem Cousin gezwungen. Wenig später ist die Deutsch-Türkin schwanger. Doch sie erträgt die Zwangsehe nicht und geht mit ihrem Sohn zurück nach Deutschland. In Berlin beginnt sie eine Lehre zur Elektroinstallateurin, geht tanzen, schließt neue Freundschaften - und legt irgendwann auch das Kopftuch ab. Hatun ist stolz darauf, so zu arbeiten und zu leben, wie sie will. Ihre Familie ist es nicht.

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In einer kalten Februarnacht vor knapp elf Jahren begleitet sie ihren jüngsten Bruder zur Bushaltestelle. "Bereust du deine Sünden?", fragt dieser. Dann schießt Ayhan der Schwester drei Mal in den Kopf. So ergibt es später die Rekonstruktion der Polizei. Der Mordfall erschüttert Deutschland. Ein sogenannter Ehrenmord, mitten in der deutschen Hauptstadt. Es gibt Bücher und Theaterstücke über den Fall. Der Film "Die Fremde", der an Hatun Sürücüs Leben angelehnt ist, wurde 2011 als deutscher Beitrag ins Rennen um den Oscar geschickt. Nur gesühnt wurde der Mord an Hatun bislang nie richtig.

Doch jetzt, mehr als zehn Jahre später, könnte doch noch Recht gesprochen werden. Aber nicht in Deutschland. Hatuns Mörder wurde im Sommer 2014 nach verbüßter Haft nach Istanbul abgeschoben. Dort soll am 26. Januar am Strafgericht der Prozess gegen zwei weitere Brüder beginnen. Dann sitzen Mutlu und Alpaslan Sürücü auf der Anklagebank. Die beiden sollen den jüngsten Bruder mit dem Mord beauftragt haben, um die Familienehre wieder herzustellen. Auch der Kauf und Besitz nicht zugelassener Schusswaffen sind Anklagepunkte.

Ein Mord ist ein Mord

Mutlu und Alpaslan Sürücü waren im Berliner Mordprozess 2006 zunächst aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden, der Bundesgerichtshof hob die Freisprüche 2007 auf. Doch zu einem neuen Prozess kam es nicht, beide hatten sich in die Türkei abgesetzt. Das Unrecht blieb ohne Strafe. Jahrelang wurde gemutmaßt, ob sich die Verdächtigen jemals verantworten müssen. 2013 eröffnete die türkische Seite schließlich doch ein eigenes Strafverfahren gegen die Männer.

"Allein die Tatsache, dass der Prozess stattfindet, ist eine gute Nachricht für die Gerechtigkeit", sagt Berlins Justizsenator Thomas Heilmann. "Denn ein Mord ist ein Mord. Für das Rechtsempfinden der Menschen ist es nicht gut, wenn der Eindruck entsteht, man kann sich durch Flucht der Verantwortung entziehen."

Die beiden Angeklagten wiesen die Vorwürfe in bisherigen Aussagen stets zurück, wie aus Gerichtsakten hervorgeht. Der Todesschütze selbst hatte im Berliner Prozess beteuert, er habe die Tat allein verübt. Er habe die Moralvorstellungen seiner Schwester nicht akzeptiert. Ein eindeutiger SMS-Chat dazu legte allerdings schon damals einen anderen Schluss nahe. Zudem hatte eine Freundin der Familie, die damals dabei war, vor Gericht ausgesagt, die Brüder seien "wie im Rausch" gewesen. Einer habe zu Ayhan gesagt: "Ich hab dir doch gesagt, schieß nur einmal auf den Kopf."

Erdrückende Indizien

Ayhan saß in Berlin neun Jahre in Haft, wo er in vielen Interviews vom diffusen Ehrbegriff der Familie erzählte: "Hinter dem Begriff 'Ehre' stand immer in Klammern gesetzt 'meine Mutter', 'meine Schwester', 'meine Frau', was auch immer." Inzwischen lebt er wieder mit seinen Brüdern zusammen. Keiner von ihnen hat je ein Wort der Reue geäußert. Mutlu Sürücü sagte einmal dem RBB, dass er seine Schwester wegen ihres Lebenswandels verachtet habe: "Hass war schon da, auf jeden Fall."

Ob es über 10 Jahre nach dem Mord Gerechtigkeit geben wird, bleibt abzuwarten. "Es muss angenommen werden, dass, wenn auch kein Indiz allein ausreicht, um die Schuld der Verdächtigen zu beweisen, dennoch die Gesamtheit der Indizien den nötigen Beweis liefern kann", heißt es in der Anklageschrift.

Das Istanbuler Strafgericht setzt dabei auf die Aussagen der Ex-Freundin von Ayhan. Sie war schon 2006 als glaubwürdig eingestuft und ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen worden. Ihre Aussagen zu Alpaslan und Mutlu sprechen eine deutliche Sprache. So soll der Todesschütze ihr erzählt haben, dass er die Waffe von Mutlu bekommen habe. Alpaslan soll demnach am Tatort "geistigen Beistand" geleistet haben.

Als Hatun Sürücü in jener kalten Februar-Nacht ihren kleinen Bruder zu Bushaltestelle begleitete, war sie völlig arglos. Sie hatte noch eine heiße Kaffeetasse in der einen und eine brennende Zigarette in der anderen Hand.

Quelle: n-tv.de

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