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"Man muss aufpassen, dass man den Kontakt zu seinen Patienten vor lauter Talkshows nicht verliert", sagt Henning. (Bild: Dreharbeiten zur TV-Doku "Make Love")
"Man muss aufpassen, dass man den Kontakt zu seinen Patienten vor lauter Talkshows nicht verliert", sagt Henning. (Bild: Dreharbeiten zur TV-Doku "Make Love")(Foto: SWR/MDR/ gebrueder beetz filmproduktion/dpa)

"Wir sind immer angezogen": TV-Sexologin Henning geht wieder zur Uni

Von Samira Lazarovic

Mit ihren "Make-Love"-Büchern und TV-Dokus klärt Ann-Marlene Henning ein Millionenpublikum auf. Jetzt geht die Sexologin selber wieder zur Uni. Und verrät n-tv.de., was im Fach Sexologie im Klassenraum passiert. Mitstudenten gesucht.

Als etwa zum fünften Mal das Wort "Penis" fällt, schaut der Mann am Nebentisch schließlich doch auf. Und folgt von da an interessiert dem Gespräch. Vielleicht, weil Ann-Marlene Henning ebenso ungeniert über Themen redet, die in der Regel an einem Montagmorgen um halb elf in Hamburger Cafés nicht diskutiert werden. Vielleicht auch, weil er die lebhafte Dänin erkannt hat, die mit ihren Büchern wie "Make Love", "Make more Love" und den dazugehörigen TV-Dokus in den vergangenen drei Jahren für ordentlich Diskussionsstoff in Deutschland gesorgt hat.

"Es wird wieder Zeit für Neues"
"Es wird wieder Zeit für Neues"(Foto: Nele Martensen)

Hennings' Leidenschaft ist Sex. Oder genauer gesagt: Menschen zu helfen, Freude an der schönsten Nebensache der Welt zu haben. Und genau dafür fährt sie ihr Fernseh-Engagement jetzt deutlich runter und startet eine neue Bildungsoffensive. "Fernsehen zwar nett, erheiternd und witzig, Man muss aber nicht denken, dass man in einer Talkshow etwas verändern kann." Deshalb will sie sich wieder verstärkt um ihre Patienten kümmern. Vor allem aber will Henning beim neuen Masterstudiengang "Sexologie" dabei sein. "Viele Ärzte glauben bis heute nicht, dass eine Sexualtherapie etwas bringt. Was nicht akademisch ist, wird nicht anerkannt. Man kann also lauter sprechen, wenn man einen akademischen Grad hat."

Den neuen Studiengang bietet die Hochschule Merseburg ab April 2016 an. Und zwar nicht auf der grünen Wiese in Sachsen-Anhalt, sondern in Berlin-Mitte. Drei Jahre soll das Studium dauern, 19.500 Euro soll es kosten.

Studium eines Tabuthemas

Und wie hat man sich das Gesicht der Eltern vorzustellen, deren Nachwuchs das Studiengeld einfordert? Henning lacht laut. "Du selber müsstest die Studiengebühren schon haben, du musst ja mindestens 25 Jahre alt sein und eine gewisse Reife besitzen, sonst kommst du gar nicht rein." Außerdem handele sich um einen berufsbegleitenden Studiengang. Dieser richte sich nur an Anwärter, die bereits über einen Hochschulabschluss in einem humanwissenschaftlichen Studiengang wie Sozialpädagogik, Psychologie oder Medizin verfügen und auf eine mindestens einjährige Praxis in einem sozialen Arbeitsfeld verweisen können.

Aber braucht es hierzulande so einen Studiengang überhaupt? "Auf jeden Fall", meint die Sexologin. "Erstens braucht man hierzulande nicht mal ein Wochenendseminar zu belegen, um sich einfach 'Sexualberater' zu nennen. Zweitens war das Thema Sex über Jahrhunderte ein Tabu, das beeinflusst uns bis heute." Das fange schon bei der Kindererziehung an, da werde noch zu oft sexuell negativ gelernt. Gleichzeitig sei bei vielen Ärzten, ob Gynäkologen oder Urologen, Viagra auf Rezept die einzige Therapie bei Problemen im sexuellen Bereich.

Und was ist Hennings' Rolle bei dem Ganzen? "Ich will die Initiatorin des Ganzen, Esther Schütz, unterstützen. Aber wenn ich schon Listen führe und Ordner trage, dann will ich am Ende auch den deutschen Master haben." Hat sie denn das Fach Sex noch nicht genug studiert? "Oh doch, in Dänemark und in der Schweiz", lacht Henning. "Trotzdem kann auch ich noch dazu lernen, vor allem weil wir viele Experten auf diesem Gebiet als Referenten haben werden, da freue ich mich sehr darauf." Wenn man die energische Dänin so erlebt, kann man sich jedoch ausmalen, dass noch nicht endgültig ausgemacht ist, wer da wem etwas beibringt.

Kein Grund zum Schämen

In der Studiumsbeschreibung steht auch etwas über Körperwahrnehmung und Selbsterfahrung. "Viele Leute denken, da muss man nackt sein und sich anfassen oder sonst was", bestätigt Henning. "Wir sind aber immer angezogen. Immer!" Sie hätten aber bequeme Kleidung an, weil man sich auch mal auf den Boden lege und in sich hineinhorche. "Da heißt die Frage zum Beispiel: Spüre ich mein Geschlecht, wenn ich auf der Seite liege." Solche Übungen zu Wahrnehmung und Bewegung würden etwa ein Drittel der Zeit einnehmen.

In dem Studium könne auch die eigene sexuelle Biografie durchaus schon mal Thema in der Gesprächsgruppe werden. "Wer nicht in der Gruppe erzählen mag, muss auch nicht. Aber auch die stillen Teilnehmer werden irgendwann mitdiskutieren wollen!" Die natürliche Schamgrenze sei immer genau richtig, betont die Sexologin. Jedoch könne auch ein Therapeut letztendlich immer nur so gut sein, wie seine eigene Scham es zulasse. "Wie soll man beispielsweise später Missbrauchsopfern helfen, wenn man es nicht mal erträgt, die Geschichte zu hören?" Sie würden auch Techniken zur Patientenbefragung erarbeiten. "Irgendwann kann man dann nach Masturbation fragen, als ob es um den Ellbogen geht. Wenn da jemand entspannt sitzt und einen Humor mitbringt, ist es ganz leicht, dass der Patient mitmacht."

Keine Selbsttherapie

Wer diesen Studiengang nur wählen wolle, um seine eigenen Probleme zu lösen, der sei auf jeden Fall falsch. "Deshalb gibt es die umfangreichen Auswahlgespräche, wo es auch um soziale Kompetenz und Reife geht. Aber es ist natürlich ein herrlicher Nebeneffekt, dass sich die eigene Sexualität bewegt."

Es sei in jedem Fall kein Studiengang, wo man sich berieseln lassen könne: "Es gibt Prüfungen, da müssen Berichte geschrieben werden. Daher die strenge Vorauswahl, wir müssen wissen, ob jemand das wirklich will, oder nur die Eltern gesagt haben: So, das studierst Du jetzt!", lacht Henning. Und verrät, dass sie sich über weitere Mitstudenten freuen würde: Die Anmeldefrist läuft noch bis zum 15. März 2016. "Und wir brauchen definitiv mehr Männer." Schade, dass der interessierte Sitznachbar schon gezahlt hat.

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Quelle: n-tv.de

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