Party zwischen BraunkohlebaggernTanzorgien bei "Melt!"
Die Braunkohlebagger haben ausgedient, doch noch immer setzen sie die Massen unter Strom. Wie auf einem anderen Planeten elektrisierten die fünf Riesen aus Eisen Musiker und Besucher beim "Melt!", das Festival in Europa für die Fans elektronischer Musik.
Die Braunkohlebagger in Gräfenhainichen nördlich von Leipzig haben ausgedient, doch noch immer setzen sie die Massen unter Strom. Wie auf einem anderen Planeten elektrisierten die fünf Riesen aus Eisen Musiker und Besucher beim "Melt!", das Festival in Europa für die Fans elektronischer Musik. Auf der Halbinsel Ferropolis, umgeben vom Biosphären-Reservoir, wurde Abtanzen zur Droge. Kaum einer der Besucher schlief hier. Sie machten Freudentänze bei Regenschauern - und wollten trotzig-zornig weiterfeiern, als die Veranstalter die erste Festivalnacht wegen Sicherheitsbedenken nach zu viel Regen um 4.30 Uhr vorzeitig beenden wollten.
Wo früher Kohle abgebaut wurde, stampften seit Freitagnachmittag fast ununterbrochen insgesamt 30.000 Zuschauer in den matschigen Boden. Der Festivalname "Melt!" ("Schmelzen") und das Motto für die zwölfte Auflage - "Das dreckige Dutzend" - hielten, was sie versprachen. Bei stundenlangem Platzregen begann am Freitag eine riesige Tanzorgie vor sieben Bühnen, wo die Musikstile zwischen Elektropop, Alternative Rock, Techno, Punk und Indietronic wechselten. "Die Genres haben sich in der musikalischen Welt verschmolzen", sagte "Melt!"-Musikchef Stefan Lehmkuhl.
Ditto "liebt Deutschland"
Bei der norwegischen Elektro-Gruppe Röyksopp sprang als erstes der Funke zu den Zuschauern vor der Haupttribüne über. Die US-Punkband Gossip mit ihrer wuchtigen Frontfrau brachte die Tanzwütigen in Ekstase. "Ich liebe Deutschland", sagte Sängerin Beth Ditto im hautengen Minikleid, bevor sie für ein Lied ins Publikum sprang.
Immer kräftiger wurde der Regen. Als es den Veranstaltern zu viel war, brachen sie die erste Festivalnacht vorzeitig ab und forderten die Zuschauer während einer andauernden Regendusche auf, das Gelände zu verlassen. Unter einem überdachten Zelt standen zu dem Zeitpunkt noch etwa 5000 Zuschauer. "Ihr seid hier nicht sicher", wurde ihnen mehrfach gesagt. Wegen des instabilen Daches bestand die Gefahr vor Kurzschlüssen bei der Technik. Als es keine Musik mehr gab, sangen sie einfach selbst und tanzten weiter.
"Könnt ihr noch?"
Wie neu geboren tanzten die Besucher am Samstagabend beim ersten Auftritt von Jochen Distelmeyer, Kopf der Gruppe Blumfeld, die sich vor zwei Jahren auflöste. "Alles easy?", fragte der melancholische Sänger, bevor er "Liebe und Partnerschaft" als "das wichtigste im Leben" zusammenfasste. Später rockte die englische Band Bloc Party, die erst gegen 3.00 Uhr noch mal richtig Gas gab. "Könnt Ihr noch? Wir haben noch Energie", sagte Sänger Kele Okereke. Am Sonntagabend sollte Oasis das Programm auf der Hauptbühne beenden.
Das außergewöhnliche Festival war auch ein Schaulaufen für das, was im Alltag modisch auffällt: Frauen im Leoparden-Slip, Schlumpf- Kostüme oder Michael-Jackson-Outfit. Leuchtende Neon-Stirnbänder und -Ohrringe konkurrierten mit den Leuchtstrahlen am Himmel. Wer keine Sonnenbrille trug, fiel auf. Mancher verzichtete ganz auf Kleidung und flitzte nackt durch die Nacht. Am Montagmittag ist Schicht im früheren Schacht - und die Besucher sind ausgepowert.