Panorama

Rückschlag am Golf von MexikoUnwetter stoppt Bohrung

22.07.2010, 07:52 Uhr

Der Kampf gegen die Ölpest im Golf von Mexiko ist wieder ins Stocken geraten. BP unterbricht die wichtige Entlastungsbohrung zum Ursprung der Quelle wegen eines nahenden Sturms. Inzwischen kündigen vier große Ölkonzerne an, eine Milliarde Dollar zu investieren, um ähnliche Ölkatastrophen zu verhindern.

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Die BP-Kommandozentrale in Houston. (Foto: dpa)

Eine Schlechtwetterfront droht den Kampf gegen die Ölpest im Golf von Mexiko weiter zu erschweren. Zwei tropische Stürme nähern sich der betroffenen Region vor der US-Küste. Möglicherweise müssen die Schiffe das Absaugen des Öls auf der Meeresoberfläche einstellen. Die größten Ölkonzerne wappnen sich derweil für eine mögliche neue Katastrophe.

Einige der an den Rettungsarbeiten beteiligten Spezialschiffe mussten wegen des aufziehenden Sturms bereits in Sicherheit gebracht werden. Der Schutz der Besatzung und der Ausrüstung habe absoluten Vorrang, teilte die US-Küstenwache mit. Mit dem Abzug der Schiffe sollten Schäden verhindert werden, hieß es in der Erklärung des mit den Arbeiten betrauten Admirals Paul Zukunft. Zudem solle so sichergestellt werden, dass die Arbeiten nach Abklingen des möglichen Unwetters "so schnell wie möglich" wieder aufgenommen werden könnten.

Laut Wetterbericht drohen am Wochenende in der Region Wellen von bis zu fünf Metern Höhe. Am Donnerstag befand sich die größere Schlechtwetterfront noch in der Nähe der Bahamas. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Hurrikan entwickelt, der in den Golf von Mexiko zieht, liegt nach Einschätzung des US-Hurrikan-Zentrums in Miami bei 40 Prozent, entgegen 50 Prozent am Vortag. Für Teile der Bahamas und Floridas wurde eine Tropensturmwarnung ausgerufen. Bereits Ende Juni hatte der Tropensturm "Alex" die Öl-Helfer gezwungen, ihre Arbeit zu unterbrechen. Das Unwetter zog dann aber über die mexikanische Halbinsel Yucatán und weiter nach Westen.

Entlastungsbohrungen gestoppt

"Wir schauen uns die Entwicklung der Lage genau an", sagte eine Sprecherin der Einsatzleitung. Man müsse vorbereitet sein, die Region im Falle eines Unwetters schnell zu verlassen. Es sei aber noch keine Entscheidung getroffen worden. Bereits zuvor mussten die wichtigen Entlastungsbohrungen zum Ursprung der Quelle in rund 5,4 Kilometer Tiefe unter dem Meeresgrund unterbrochen werden, sagte die Sprecherin. Notfalls müssten auch die Schiffe über der Stelle, wo die Entlastungsbohrungen stattfinden, in Sicherheit gebracht werden, hieß es.

Der Einsatzleiter der Regierung, Admiral Thad Allen, fürchtet bereits, dass die Arbeiten im Kampf gegen die Ölpest um 10 bis 14 Tage zurückgeworfen werden könnten. Für den Fall eines Hurrikans schützte BP das seit vergangener Woche mit einer Abdeckhaube provisorisch verschlossene Bohrloch am Mittwoch mit einer zusätzlichen Sicherung. Der sogenannte Sturmverpacker sei "eine weitere Barriere, damit nichts hinein- oder herausfließen kann", sagte BP-Vize-Präsident Kent Wells.

"Häufig gefährliches Verhalten"

Die "New York Times" berichtete derweil, Arbeiter auf der versunkenen BP-Bohrinsel "Deepwater Horizon" hätten wenige Wochen vor dem Unglück Sorgen über die Sicherheit der Anlage geäußert. In einer vertraulichen Umfrage im Auftrag des Bohrinsel-Besitzers Transocean hätten Arbeiter angegeben, auf der Bohrinsel "häufig gefährliches Verhalten" beobachtet zu haben, berichtete die Zeitung unter Berufung auf den ihr vorliegenden Bericht. Ein Transocean-Sprecher bestätigte auf Anfrage die Existenz einer Untersuchung, wollte sich zu Details aber nicht äußern.

Der "NYT" zufolge beschwerten sich einige Arbeiter auch über eine mangelnde Verlässlichkeit der Anlage, die dadurch entstanden sei, dass den Bohrungen Vorrang vor der Instandhaltung eingeräumt worden sei. Offene Kritik hätten die Arbeiter aus Angst vor einem Jobverlust aber nicht geäußert. Allerdings habe die Untersuchung ergeben, dass das Sicherheitsmanagement in vielen zentralen Bereichen "relativ gut" gewesen sei. Ein Transocean-Sprecher sagte der "NYT", in sieben Jahren in Folge habe es auf der Bohrinsel keinen Vorfall gegeben.

Bohrungen vor Alaska gestoppt

Die großen Ölkonzerne sorgen unterdessen für mögliche künftige Ölkatastrophen vor. Vier Konzerne - Exxon, Chevron, ConocoPhillips und Shell - kündigten Investitionen in Höhe von einer Milliarde Dollar (780 Mio Euro) an, um ein Notfallsystem zum Auffangen des Öls zu entwickeln. Es solle ein System aufgebaut werden, das bis zu 13.600 Tonnen Öl pro Tag aus einer defekten Quelle in maximal 3000 Metern Meerestiefe abfangen kann - das wäre eine deutlich größere Menge, als nach dem Untergang der "Deepwater Horizon" über drei Monate lang Tag für Tag ins Meer geflossen ist. Für das Vorhaben gründeten die Konzerne die Organisation Marine Well Containment Company. Einsatzbereit soll das System binnen 18 Monaten sein.

Ein US-Gericht stoppte unterdessen Tiefseebohrungen nach Öl und Gas vor der Nordküste von Alaska. Dem in Anchorage in Alaska gesprochenen Urteil zufolge hat die US-Regierung vor der Vergabe von Bohrerlaubnissen nicht die gesetzlichen Auflagen zur ausreichenden Erforschung der Tschuktschensee erfüllt. Die Umweltschutzorganisation Earthjustice begrüßte die Entscheidung. Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko habe die Gefahren von Tiefseebohrungen für die Umwelt und die Notwendigkeit gründlicher Erforschung der Gebiete verdeutlicht. Die Gruppe vertrat in dem Verfahren einen Zusammenschluss von Klägern aus Umweltschutzorganisationen und Eingeborenenverbänden.

Quelle: dpa/rts/AFP