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Protagonistin Maren steht zu ihrem Körper und hat keine Probleme damit, ihn zu zeigen.
Protagonistin Maren steht zu ihrem Körper und hat keine Probleme damit, ihn zu zeigen.(Foto: Gebrüder Beetz/Make Love)
Dienstag, 12. September 2017

Ann-Marlene Henning über Sex: "Viele kennen ihren eigenen Körper nicht"

Monogam, polygam, offen, geschlossen: Es gibt heutzutage diverse Beziehungsmodelle, die die klassische Ehe ablösen. Sexologin Ann-Marlene Henning erzählt, warum Menschen für Polygamie geschaffen sind und dass Selbstbewusstsein nichts mit Sexappeal zu tun hat.

n-tv.de: Es gibt inzwischen dutzende Beziehungsmodelle. Einige sind offener gestaltet, andere auf zwei Personen beschränkt. Ist der Mensch denn von Natur aus eher monogam oder polygam veranlagt?

Ann-Marlene Henning: Ich glaube, Menschen sind eher polygam. Wenn man nicht gerade verliebt ist, kann man schnell Lust auf einen anderen bekommen. Es gibt aber auch Leute, mit denen möchte man schlafen, aber bloß keine Beziehung eingehen. Die Gelüste sind also da, aber jahrhundertelange Unterdrückung der sexuellen Lust, eine strenge Moral sowie wirtschaftliche Gründe haben uns versucht einzureden, dass wir monogam sind.

Wenn wir eher polygame Lebewesen sind, welchen Einfluss haben dann gesellschaftliche Körperideale auf unsere Sexualität?

Ann-Marlene Henning ist 1964 in Dänemark geboren.
Ann-Marlene Henning ist 1964 in Dänemark geboren.

Kaum einer kann sich dem Schönheitsideal in Werbung und Film entziehen. Die Botschaften, in bestimmte Schubläden zu passen, lauern überall. Gerade im sexuellen Bereich hat es nun auch die Männer eingeholt: Schlank, Sixpacks, große Genitalien, haarlos und kantiges, aber bärtiges Gesicht.

Was hat guter Sex mit Selbstbewusstsein zu tun?

Jede Menge. Bei gutem Sex muss man sich trauen, nackt dazustehen und sich als sexuelles Wesen zu zeigen. Man spielt und probiert aus. Wenn man ein schlechtes Bild von sich selbst hat, wird das alles schwieriger. Untersuchungen zeigen immer wieder, wie wichtig die Erregung und der Spaß des anderen für guten Sex sind.

Stimmt es, dass selbstbewusste Menschen besonders sexy sind?

Als Sexologin schaue ich mir die sexuelle Selbstsicherheit an. Jemand kann sich im Alltag zwar selbstsicher geben und findet sich angezogen ganz gut, aber das lässt nicht darauf schließen, ob er sich auch im Bett wohlfühlt. Andererseits lässt ein Mensch, der generell sicher wirkt, schon vermuten, auch woanders eine gewisse Sicherheit zu haben. Das kann sehr anregend sein. In der Praxis zeigt sich aber: Die sexuelle Ausstrahlung ist intimer und hängt nicht unbedingt mit der anderen Selbstsicherheit zusammen.

Wie kann man die sexuelle Ausstrahlung trainieren?

Das fängt damit an, den eigenen Körper kennenzulernen. Sexologen sagen: Erst die eigenen Hände, dann die des anderen. Schon kleine Kinder erforschen mit großem Vergnügen ihren Körper und sind neugierig und auch stolz darauf. Die Botschaften, ob das erlaubt ist, auch als etwas Gutes gesehen wird und man so sein kann, wie man ist, schwingen weit in die Pubertät und das Erwachsenenleben hinein.

Kennen viele Menschen ihren eigenen Körper denn so schlecht?

Geschlechtsorgane entsprechen keiner Norm, sondern sind individuell.
Geschlechtsorgane entsprechen keiner Norm, sondern sind individuell.(Foto: Gebrüder Beetz/Make Love)

Sehr viele Menschen kennen ihren eigenen Körper und dessen Funktion nicht zur Genüge und messen sich fortwährend an Idealen. Dabei sollte sich jeder doch viel besser und realistischer mit der gesunden Mitte vergleichen.

Wenn man seinen Partner gefunden hat, kommt bei vielen nach einer gewissen Zeit Langeweile im Bett auf. Wieso?

In einer Beziehung starten wir mit dem Verliebtsein. Das ist ein unschlagbares Gefühl, bei dem man alles will und kann. Wenn das weg ist, kehrt schnell Routine ein. Der Mensch tendiert dazu, genau die Stellungen und Griffe weiter zu machen, die bisher so gut funktionierten. Aber zum Glück gibt es immer Möglichkeiten, etwas zu verändern: Man kann sich beispielsweise mehr Zeit nehmen, spielerischer und auch neugieriger auf den Körper des anderen werden. Mir gefällt das Konzept von Fastfood, guter Hausmannskost und Gourmet in Bezug auf Sex. Es wäre schade, immer nur Gourmet zu erwarten. Dann wird der normale Sex oft schlecht erscheinen. Aber wenn man weiß, das ist Fastfood oder unsere typische Hausmannskost, kann der Sex realistisch eingeschätzt werden. Dann fällt der Druck ab.

Ist es nicht eher so: Je besser man sich kennt, desto besser wird der Sex?

Es kann gut sein, genau zu wissen, wie man den anderen erregt. Man traut sich dann mehr und kann sich besser fallen lassen. Genau das ist aber gleichzeitig die Gefahr: Man gibt sich keine Mühe mehr. Wir sind gewissermaßen alle faul. Wir sollten dann anfangen, den anderen und auch uns selbst wieder herauszufordern, damit der Sex wieder wach wird.

Ist es immer schädlich für eine Beziehung, wenn ein Partner ausschert, beispielsweise fremdgeht oder Sex zu dritt vorschlägt?

Das eine hat mit Hintergehen zu tun, das andere mit Ehrlichkeit. Hintergeht man jemanden, nimmt man der anderen Person die Wahl. Das ist feige und respektlos. Möchte jemand hingegen besprechen, ob ein Dreier möglich wäre, ist das eine ganz andere Sache. Interessant ist: Es ist meistens viel mehr machbar, als die Leute zunächst gedacht hätten. Paare setzen sich häufig nicht richtig miteinander auseinander und sprechen kaum über ihre Wünsche. Dahinter steckt die Angst, abgelehnt oder ausgelacht zu werden. Wenn ich dagegen als Therapeutin etwas Ungewöhnliches oder Neues vorschlage, kommt das meist anders an, weil ich nicht die Partnerin bin und keine Kindheitslogiken auslöse.

Mit Ann-Marlene Henning sprach Lisa Schwesig

"Make Love" läuft heute um 22.45 Uhr im ZDF.

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Quelle: n-tv.de

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