Elfjähriger Jeremie flieht aus Zirkus: Vorwürfe gegen Jugendamt
Jeremie bleibt verschwunden. Während die Polizei nach dem Elfjährigen sucht, werden neue Details über die Vorgeschichte bekannt. Die Familie des Kindes erhebt schwere Vorwürfe gegen das Jugendamt. Die Pflegemutter und der Erziehungsverein weisen Kritik zurück.
Drei Tage nach der Flucht des elfjährigen Jeremie aus einemWanderzirkus in Mecklenburg-Vorpommern nach Hamburg fehlt der Polizei weiterjede Spur zu dem Jungen. Es gebe noch keinen Hinweis auf das Versteck desAusreißers, sagte eine Polizeisprecherin in der Hansestadt. Die Mutterund die Großeltern des Jungen erhoben unterdessen schwere Vorwürfe gegen daszuständige Jugendamt und die Zirkusfamilie. "Dieser Fall wird immerdubioser", sagte Christiane Blömeke von der grünen Bürgerschaftsfraktionin Hamburg. Sie will das Thema im Familienausschuss behandeln.
Jeremie soll mit dem Kleintransporter seiner Pflegeelternvon Lübtheen in Westmecklenburg nach Hamburg gefahren sein. Der Chef desBezirksamts Hamburg-Mitte, Andy Grote (SPD), bezweifelte allerdings, dass das Kind ohne Hilfe nach Hamburg gekommen sei. AlleEinstellungen am Transporter und der Kraftaufwand, der zum Lenken nötig sei,sprächen für einen erwachsenen Fahrer.
Das bestätigte am Abend in Lübtheen auch JeremiesPflegemutter Carmen Sperlich. "Den Wagen kann er nicht alleine gefahrenhaben", sagte sie bei einem Besuch von Mitarbeitern des NeukirchenerErziehungsverein. Über diesen Trägerverein der Jugendhilfe hatte das JugendamtHamburg-Mitte den Elfjährigen in dem Wanderzirkus untergebracht. Der PädagoginSilke Sack vom Verein zufolge hat der Amtsvormund des Jungen beim JugendamtStrafanzeige wegen Kindesentführung gegen Unbekannt erstattet.
Schwere Vorwürfe von Mutter und Großeltern
Jeremies Mutter und seine Großeltern machen lautMedienberichten das Jugendamt, den Träger und die Zirkusfamilie für seinVerschwinden verantwortlich. "Er hat immer wieder weinend angerufen, istgeschlagen und ausgenutzt worden", sagte seine Mutter dem "HamburgerAbendblatt". "Er wollte nur zurück zu uns. Man hat ihngezwungen, Diesel zu klauen und morgens um sechs Uhr die Ställe auszumisten.Schlafen muss er in einem unbeheizten Bauwagen." Die Großmutter sagte der "Bild"-Zeitung: "Wir wollten mit Jeremie Weihnachten feiern, aber das Amt hatdas verboten."
Der Erziehungsverein und Carmen Sperlich wiesen die Vorwürfezurück. Er sei weder zum Betteln noch zum Dieselklauen geschickt worden. Bevorein Kind in eine sogenannte Projektstelle gegeben werde, prüfe der Verein, dassdie Grundsicherstellung im wirtschaftlichen Bereich gegeben sei, sagte DietmarGlöge als Leiter der Individualpädagogik des Vereins in Norddeutschland. Dassei auch im Falle der Zirkusfamilie passiert. Die Familien dürften nicht ihreHaupteinkünfte über die pädagogische Arbeit erwirtschaften. Wie viel Geld dieFamilie erhielt, könne er nicht sagen. Jedem Vorwurf werde aber gewissenhaftnachgegangen, sagte er.
Die Unterbringung des Kindes in dem Wanderzirkus koste dieStadt Hamburg mehrere Tausend Euro monatlich, teilte die Grünen-Fraktion mit. "Einepädagogische oder sozialpädagogische Ausbildung hatten die Betreuer dersogenannten Fachpflegestelle im Zirkus nicht." Auch die rechtlicheGrundlage der Unterbringung sei fragwürdig und völlig unklar.
Ob Jeremie jemals zu den Zirkusleuten zurückkehrt, istGlöger zufolge noch unklar. Das werde dann in einer Hilfeplankonferenz vonJugendamt, Vormund und dem Verein als Träger entschieden.
Die Polizei bittet umHinweise unter der Telefonnummer 040 / 4286-54210
Quelle: n-tv.de


