Amoklauf von EmsdettenWaffen im Internet besorgt
Bei dem Amoklauf eines ehemaligen Schülers in Emsdetten hat es vermutlich nur durch großes Glück nicht mehrere Todesopfer gegeben. Der Täter habe mindestens drei Mal wahllos in Gruppen von Schülern geschossen, berichtete die Polizei.
Bei dem Amoklauf eines ehemaligen Schülers im nordrhein-westfälischen Emsdetten hat es vermutlich nur durch großes Glück nicht mehrere Todesopfer gegeben. Der 18-jährige Täter habe mindestens drei Mal wahllos in Gruppen von Schülern geschossen, berichtete die Polizei. Die Obduktion ergab, dass der frühere Schüler der Geschwister-Scholl-Realschule sich nach dem blutigen Überfall mit einem Schuss in den Mund selbst getötet hat. Sebastian B. hatte sich die Waffen nach ersten Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft vom Dienstag im Internet besorgt.
Der Amokläufer hatte am Montag mit Gewehren, Sprengstoff und Rauchbomben seine frühere Schule überfallen. 37 Menschen wurden verletzt, fünf von ihnen durch Schüsse, die meisten anderen durch Rauchgas. Unterdessen entbrannte eine kontroverse Diskussion um ein Verbot von Gewalt verherrlichenden Computerspielen.
Nach dem Amoklauf wurden drei Schusswaffen bei der Leiche sichergestellt. Zwei der Waffen seien frei im Handel erhältlich, für die dritte - ein Kleinkalibergewehr - sei ein Waffenschein erforderlich gewesen. Der Schütze habe aber lediglich einen so genannten Kleinen Waffenschein für Gas- und Schreckschusswaffen besessen, sagte Polizei-Einsatzleiter Hans Volkmann.
Ferner hatte der Täter am Körper drei selbst gebaute Rohrbomben befestigt. Auch in seinem Rucksack und seinem Auto wurden mehrere Rohrbomben sowie eine Machete gefunden. In seinem Zimmer im Elternhaus fanden die Beamten Hinweise darauf, dass der Täter mit Chemikalien zur Herstellung von Sprengkörpern experimentiert hatte. Bereits im Juli hatte die Polizei Sebastian B. eine Waffe abgenommen. Deswegen hätte er sich am Tag nach der Tat wegen unerlaubten Waffenbesitzes vor einem Jugendgericht verantworten sollen.
Fassungslosigkeit in Emsdetten
Die Polizei geht nicht davon aus, dass Sebastian B. einen Mittäter hatte. Ein Unbekannter, der auf den Videos des Amokläufers zu sehen ist, hatte sich freiwillig bei der Polizei gemeldet. "Von ihm geht keine Gefahr aus", sagte ein Polizeisprecher. Der jüngere Bruder des Amokläufers hatte offensichtlich versucht, den 18-Jährigen kurz vor der Tat noch aufzuhalten. Er habe gespürt, dass sein Bruder etwas vorhatte, sagte Einsatzleiter Volkmann.
In Emsdetten herrschte auch am Dienstag noch Fassungslosigkeit. Rund 300 Schüler sowie einige Eltern kamen zu einem Kulturzentrum, wo Notfallseelsorger und Psychologen professionelle Hilfe anboten. An diesem Mittwoch solle der Unterricht teilweise wieder aufgenommen werden, sagte Schulleiterin Karola Keller. Zudem ist in der Emsdettener St. Pankratius-Kirche ein ökumenischer Gottesdienst geplant. NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) rief bei einem Besuch in Emsdetten dazu auf, den Amoklauf "zum Anlass zu nehmen, um über das Thema Gewalt in unserer Gesellschaft nachzudenken".
Politiker und Gewerkschaften lobten das professionelle Vorgehen der Polizei in Emsdetten. Das nach dem Schulmassaker von Erfurt 2002 neu eingeführte spezielle Einsatztraining für Beamte habe dazu beigetragen, schlimmeres zu verhindern, erklärten Rüttgers und Vertreter der beiden großen Polizeigewerkschaften.
Konzertierte Aktion gegen Jugendgewalt
Unterdessen will Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) mit einer Bundesratsinitiative die Herstellung und Verbreitung von Gewalt verherrlichenden Computerspielen verbieten lassen. "Ein wirksamer Jugendschutz kann letztlich nur erreicht werden, wenn besonders schädliche Computerspiele gar nicht erst auf den Markt kommen ", sagte er. Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) forderte eine konzertierte Aktion der Bundesländer gegen Jugendgewalt.
SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz sprach sich gegen "kurzschlüssige Patentreaktionen" aus: "Wir brauchen Frühwarnsysteme, und nicht diese vordergründige Diskussion um das Verbot von Killerspielen." Auch FDP, Grüne und Linksfraktion warnten davor, die Diskussion auf ein Verbot von Baller-Spielen zu verengen.
Nach Ansicht des Bielefelder Jugendforschers Prof. Klaus Hurrelmann fühlte Sebastian B. sich nur in seiner Ersatzwelt aus Computerspielen und Waffen stark. "Man kann sagen, dass es der Schule und dem Elternhaus nicht gelungen ist, diesem Jungen eine reale Welt mit realen Herausforderungen zu vermitteln", sagte Hurrelmann.