Sonntag, 14. März 2010
Verriss von "Jenseits der Liebe": Walser wollte "R-R" ohrfeigen
Reich-Ranicki hatte sein Buch "Jenseits der Liebe" 1976 grandios verrissen. Dafür hätte Walser ihn ohrfeigen wollen, begnügte sich dann aber damit, eine Brief zu verfassen.
Bei einem Treffen 1996 konnten sich Walser und Reich-Ranicki ohne tätliche Übergriffe begegnen.
(Foto: dpa)
Gewalt statt Worte: Mit diesem Reflex hat der Schriftsteller Martin Walser (82) nach dem Zerwürfnis mit dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki (89) vor 34 Jahren gekämpft. In einem Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" über den neuen Band seiner Tagebücher der Jahre 1974 bis 1978 sagte Walser, er habe sich 1976 aus dem Reich der Dichter ausgewiesen gefühlt. Reich-Ranicki hatte damals Walsers Buch "Jenseits der Liebe" als "belanglosen Roman" verrissen. Er habe den Kritiker damals ohrfeigen wollen. "Solch eine Machtausübung, die einem so wehgetan hat, erlischt nicht", sagte Walser.
Er habe dann in seinem Tagebuch einen Brief an Reich-Ranicki ("R- R") verfasst, in dem er drohte, den Kritiker zu ohrfeigen. Auf Anraten seines damaligen Verlegers Siegfried Unseld habe er den Brief jedoch nie abgeschickt, sagte Walser. "Es ist vielleicht komisch: Aber wenn man antwortet, geht es einem besser. Wenn man nicht antwortet, bleibt man der Gewatschte." Er sei "fast gierig darauf gewesen, dass diese Tagebücher nun endlich publiziert werden". Bei keinem anderen Band war ihm das so wichtig. "Es sollen schon noch die Leute lesen, die damals beteiligt waren."
Auf seinen Lesereisen werde er den Brief an Reich-Ranicki "noch und noch - die ganze Strecke" lesen. "Ein Text, der einen einmal aus einer Situation befreit hat, hört nicht auf, einen zu befreien."
dpa
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