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Kriminaltechniker in Neuss, wo ein Mann seine Frau und die zwei gemeinsamen Söhne tötete.
Kriminaltechniker in Neuss, wo ein Mann seine Frau und die zwei gemeinsamen Söhne tötete.(Foto: picture alliance / dpa)

Große Verzweiflung, schwerste Konflikte: Warum Eltern ihre Kinder töten

Im August sterben 19 Menschen bei schrecklichen Familiendramen in Deutschland. Ein Vater tötet zwei seiner drei Kinder, seine Frau und anschließend sich selbst. Eine Mutter erstickt ihre Söhne und begeht anschließend Suizid. Ein Vater erschießt Frau und Kinder und flieht dann ins Ausland. "Es gibt Formen von Wahrnehmungsverengungen, die ein normales Gefühl von elterlicher Fürsorge ausblenden", sagt Theresia Höynck, die seit Jahren zu Tötungsdelikten an Kindern forscht.

In Berlin wurde ein toter Säugling bei der Auflösung einer völlig vermüllten Wohnung gefunden.
In Berlin wurde ein toter Säugling bei der Auflösung einer völlig vermüllten Wohnung gefunden.(Foto: picture alliance / dpa)

n-tv.de: Wenn man die Nachrichten verfolgt, könnte man gerade den Eindruck gewinnen, Kinder werden häufig von ihren Eltern oder Stiefeltern getötet. Ist dieser Eindruck richtig?

Theresia Höynck: Es spricht alles dagegen, dass die Zahlen steigen. Die mediale Aufmerksamkeit für diese Fälle ist sehr hoch. Die intensive Berichterstattung führt dazu, dass jeder Schritt im weiteren Verfahren verfolgt wird. Das verstärkt den Eindruck, dass es schon wieder ein totes Kind gibt. Die Zahlen aus der Kriminalitätsstatistik weisen allerdings auf eine sinkende Tendenz hin, was nicht ausschließt, dass es in diesem Jahr möglicherweise einen Ausreißer nach oben gibt. Aber wir reden insgesamt über sehr wenige Fälle.

Was bringt Eltern dazu, ihre Kinder zu töten?

Die Gründe und Auslöser im Einzelnen sind unterschiedlich, gelegentlich kommen akute gravierende psychische Erkrankungen wie wahnhafte Vorstellungen vor, im Hintergrund stehen aber in aller Regel große Verzweiflung oder schwerste Konfliktsituationen. Manche Fälle sind ähnlich wie ein "normaler" Suizid. Der sieht dann so aus, dass die Täter die Kinder und sich selber oder - wenn der Suizid nicht gelingt - nur die Kinder oder die Kinder und den Partner töten. Man nennt diese Fälle ja nicht umsonst Mitnahmesuizide oder erweiterte Suizide. Sehr selten werden nur die Kinder getötet, ohne dass ein Suizid geplant war. Aber auch dafür gibt es eine ganze Bandbreite an Motivlagen. Dazu gehört, dass im Zuge eines Trennungs- und Sorgekonfliktes die fixe Idee entsteht: Wenn ich die Kinder nicht kriege, sollst du sie auch nicht haben. Häufiger gibt es auch eine "altruistische" Komponente, dass die Kinder beschützt oder verschont werden sollen, von einem vermeintlich schweren Schicksal, was ihnen bevorsteht. Auch wenn es schwerfällt, das zu sehen. Menschen sind in der Lage, sich in völlig irrsinniger Weise in der Vorstellung festzufahren, dass es keine lebenswerten Lösungen mehr gibt.

Manchmal erfährt man etwas über den Tatverlauf, da ist dann unter Umständen von zahlreichen Stichverletzungen die Rede oder von Ersticken. Welche Schwelle müssen die Eltern dafür innerlich überschreiten?

Da muss man noch einmal differenzieren. Zum Beispiel unterscheiden sich die Neugeborenen-Tötungen von anderen Kindstötungen. Unmittelbar nach der Geburt durch die Mutter getötete Neugeborene werden oft gar nicht als Kind wahrgenommen, sondern als eine Art störendes Objekt, was irgendwie weg muss. Da ist gar kein Muttergefühl da, was überwunden werden muss, da schon die Schwangerschaft im Vorfeld verdrängt wurde. In den anderen Fällen stellen sich ähnliche Fragen wie die beim Suizid. Wie kann man sich selbst umbringen? Wenn man fest genug die persönliche Gewissheit erlangt hat, dass das jetzt so sein muss und so zum Besten sei, dann macht der menschliche Wille Dinge möglich, die völlig unmöglich erscheinen. Das zeigen die psychologische Forschung und die Geschichte gleichermaßen. Menschen können Dinge tun, von denen sie nie geglaubt hätten, dass sie dazu in der Lage sind und von denen sie hinterher auch nicht verstehen können, dass sie sie getan haben. Es gibt Formen von Wahrnehmungsverengungen, die ein normales Gefühl von elterlicher Fürsorge ausblenden. Gerade bei den Mitnahmesuiziden sind die Täter oder Täterinnen in aller Regel vorher auch gute Eltern gewesen. Aber die Tötung findet auf einer anderen Ebene statt.

In Berlin gab es den Fall, wo ein Vater lässt Baby am Leben Was könnte dabei die Motivlage sein?

Das ist eine große Ausnahmekonstellation, die wir in unseren Untersuchungen bisher nicht hatten und über die man ohne genaue Kenntnis des Falles wenig sagen kann. Bei Misshandlungsfällen gibt es das durchaus, dass sie sich auf ein Kind konzentrieren. Bei Mitnahmesuiziden oder Kindestötungen im Zuge eines Trennungskonfliktes werden aber meist alle Kinder getötet, die da sind. Dass gezielt ein Unterschied gemacht wird, haben wir so bisher nicht gesehen.

Theresia Höyinck ist Professorin an der Universität Kassel und war bis 2010 stellvertretende wissenschaftliche Direktorin des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen.
Theresia Höyinck ist Professorin an der Universität Kassel und war bis 2010 stellvertretende wissenschaftliche Direktorin des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen.(Foto: privat)

Oft sind Verwandte, Freunde oder Nachbarn sehr geschockt. Sie haben die Familien, in denen so etwas geschieht, als harmonisch oder glücklich empfunden. Gibt es Anzeichen, an denen man ablesen könnte, dass eine solche Tat geschehen könnte?

Nein. Es gibt Fälle, wo man hinterher aus dem Umfeld hört, dass viele ahnten oder wussten, dass sich die Person im Grenzfeld zu einer psychischen Erkrankung befunden hat. Da ist dann manchmal die Rede von schon einmal geäußerten Suizid-Gedanken oder von im Streit getroffenen Aussagen wie: Wenn ich die Kinder nicht haben kann, bekommst du sie auch nicht. Aber man weiß nicht, ob die Deutung im Rückblick nicht anders ausfällt, weil die Menschen Erklärungen suchen. Insofern ist die Erinnerung möglicherweise auch getrübt. Hinzu kommt, dass man die Ernsthaftigkeit solcher Aussagen selten richtig einschätzen kann. Ich glaube nicht, dass man immer zuverlässig erkennen kann, wo solche Gefahren bestehen. Jeder mit einem größeren Verwandten- oder Bekanntenkreis kennt Konstellationen, in denen es einem Elternteil auch gerade kleiner Kinder sehr schlecht geht. Natürlich kann man da unterstützen und versuchen, ein offenes Auge zu haben. Aber man kann nicht sagen: Jedem, der ein bisschen depressiv ist, gehören die Kinder weggenommen. Es wird ja, wenn ein Mensch in Behandlung ist, durchaus nach fremdgefährdenden Gedanken gefragt. Vielleicht lässt man jemanden in einer schweren Krise auch nicht tagelang mit Kindern allein, aber die Risikoabwägung ist sehr schwierig.

Sie forschen seit Jahren zu diesem Thema und haben auch mit vielen Tätern gesprochen. Hat das bei Ihnen zu mehr Verständnis geführt?

Verständnis hat ja mehrere Bedeutungen. Es wird verstehbarer, in dem Sinn kann ich das bejahen. Wenn man die Akten liest und mit Menschen spricht, dann wird verstehbar, dass es so kommen kann, ja. Das ist etwas anderes als Entschuldigung. Die meisten Täter sind schwer geplagt von schlimmen Schuldgefühlen und trauern auch regelrecht um ihre Kinder. Die Beschäftigung mit den Fällen nimmt das Entsetzen, das aus der Überraschung kommt. Man kann sich dann vorstellen, wie es zu diesen Taten kommt.

Sie haben die Schuldgefühle bereits angesprochen. Welche Bewältigungsstrategien gibt es für diese Täter nach der juristischen Ahndung?

Sehr wichtig ist es, dass sie sich überhaupt damit auseinandersetzen. Es hilft ja auch alles nichts, das Kind oder die Kinder werden nicht wieder lebendig. Die Menschen gehen damit sehr unterschiedlich um. Manche machen Therapien und beschäftigen sich sehr intensiv damit. In dem Maße, wie sie selber erkennen, wie das passieren konnte, gelingt es ihnen unter Umständen auch, wieder Fuß zu fassen. Manche zerbrechen sicher auch daran. Manche verdrängen die Tat auch vollkommen und können damit – jedenfalls für gewisse Zeit - für sich vielleicht auch zufriedenstellend oder sogar als Eltern anderer Kinder leben. Diejenigen, die bereit sind, mit uns zu sprechen, sind eher die, die sich mit ihrer Tat auseinandersetzen und die über Bewältigungsressourcen verfügen. Diejenigen, die sich selbst das Leben genommen haben oder die an der Tat verzweifeln, können wir nicht fragen. Aber es gibt Strategien, wie Menschen nach einer Kindstötung weiterleben können und zwar ohne, völlig zu verdrängen.

Gibt es aus Ihrer Forschungsarbeit bereits Erkenntnisse, die sie vorstellen können?

Es gibt zwar nicht den Stein der Weisen, aber es gibt ganz viele Ansatzpunkte. Wir schauen uns die Tatverläufe sehr genau an. Man muss unbedingt differenzieren nach unterschiedlichen Fallgruppen. Die Kindstötung an sich gibt es nicht. Es ist beispielsweise nicht neu, dass auch Stiefelternkonstellationen problematisch sein können. Aber da ist schon eine größere Gruppe bei den Misshandlungstötungen dabei. Da gibt es die Konstellation, dass die Frauen in eine Art Abhängigkeit vom neuen Partner geraten. Dann übernimmt der Stiefvater die drakonische Erziehung des vermeintlichen Rotzbalges. Da kann unter Umständen die Jugendhilfe aufmerksam auf alle Beteiligten schauen, denn oft sind die Familien in Betreuungen eingebunden. Eine wichtige Erkenntnis ist sicher auch, dass wir bestätigen konnten, dass Neugeborenen-Tötungen eigentlich immer im Zusammenhang mit Verdrängung bzw. Verleugnung der Schwangerschaft entstehen. Das ist wichtig für die Prävention.

Inwiefern?

Bei den verdrängten bzw. verleugneten Schwangerschaften beispielsweise muss man sich klar machen, dass es das tatsächlich in allen gesellschaftlichen Schichten, in allen Altersgruppen auch bei Frauen gibt, die bereits andere Kinder haben und diesen eine gute Mutter sind. Wenn man den Eindruck hat, jemand ist schwanger und verleugnet das, dann kann das tatsächlich so sein, auch wenn man es sich kaum vorstellen kann. Wenn man dann die Möglichkeit hat, unterstützende Ressourcen zu aktivieren, sollte man das auch machen.

Was wäre ein anderer Ansatzpunkt?

Wir haben bei den Misshandlungsfällen eine Reihe von Fällen, in denen die Kinder als Säuglinge länger in stationärer Behandlung waren, zum Beispiel weil sie Frühgeborene waren. Bei diesen Fällen liegt nahe, dass es eine erhöhte Gefahr einer Bindungsstörung gibt und Eltern dann nur schwer mit dem Kind umgehen können, das ja möglicherweise auch noch durch seine Krankheit nicht einfach zu versorgen ist. Darauf werden wir auch noch einmal intensiver in Krankenhäusern hinweisen. Vielleicht können dort die schon bestehenden Bemühungen in der Elternarbeit verbessert werden. Das sind alles kleine Bereiche, in denen man möglicherweise noch aufmerksamer sein kann. Wir werden uns beispielsweise auch eine nicht große aber interessante Gruppe von Vätern noch mal genauer anschauen. Der Hintergrund sind Misshandlungstötungen durch Väter. Das waren Männer aus eher schwierigen gesellschaftlichen Verhältnissen mit geringer Bildung, die ungewollt in die Rolle des Hausmanns gekommen sind.

Was ist daran problematisch?

Die Ausgangslage ist in diesen Fällen die: Der Mann hat keine Arbeit mehr, die Frau ist berufstätig und der Mann passt zu Hause auf das noch sehr kleine Kind auf. Er ist in dieser Situation völlig überfordert mit dem brüllenden Kind. Sein Selbstbewusstsein ist vielleicht auch angeknackst, weil er die Ernährerrolle verloren hat. Der Mann hat ein Statusproblem und keinen, den er fragen kann. Er ist auch ganz ungeübt darin, sich Unterstützung zu holen. Das sind nicht viele Fälle. Aber wenn man weiß, eine Familie mit dieser Konstellation ist schon im Betreuungssetting, dann kann man darauf achten. Man muss dann eben fragen, brauchen Männer, die ungewollt in die Versorgerrolle für kleine Kinder kommen, vielleicht Unterstützung. Es stellt sich auch massiv die Frage, wie ist es mit substanzmissbrauchenden Eltern von sehr kleinen Kindern. Das finde ich hochproblematisch. Wer Drogen nimmt und über lange Zeiträume bewusstseinsgetrübt ist, kann jedenfalls allein keinesfalls einen Säugling oder ein Kleinkind versorgen.

Mit Theresia Höynck sprach Solveig Bach

Quelle: n-tv.de

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