Panorama

Chinas HerausforderungWasser wird immer knapper

11.02.2009, 12:17 Uhr

Mit sieben Prozent der Wasserreserven der Welt muss China 20 Prozent der Weltbevölkerung versorgen. Dürre, Mangel und Verschwendung führen zu einer bedrohlichen Wasserkrise.

Nicht nur die schlimmste Dürre in China seit fünf Jahrzehnten lässt das Milliardenreich unter Wasserknappheit leiden. Zu viele Menschen verbrauchen im bevölkerungsreichsten Land der Erde immer schneller die abnehmenden Wasserressourcen. Verschwendung und ineffiziente Nutzung verschärfen den Wassermangel. Chinesische und ausländische Experten schlagen schon lange Alarm. Flüsse und Seen trocknen aus, Grundwasserpegel fallen. Die Wasserverschmutzung steigt dramatisch. Der Klimawandel lässt Gletscher schneller als erwartet schmelzen. "China steht vor einer großen Herausforderung, wie es mit seinen knappen Wasserressourcen umgeht, um sein Wirtschaftswachstum auch in den kommenden Jahren aufrechtzuerhalten", fasst die Weltbank in einer jüngsten Studie zusammen. "Die Aufgabe ist beängstigend."

Die Kosten der Wasserkrise sind heute schon dramatisch: 2,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, schätzt die Weltbank die direkten Schäden. Das sei nur "die Spitze des Eisbergs". Mehr als 300 Millionen Chinesen auf dem Lande haben keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser. Krankheiten wie Krebs und Durchfall bei Kindern nehmen zu. 400 der 660 Städte Chinas mangelt es an Wasser. In 108 Metropolen, darunter Peking und Tianjin, ist die Lage besonders ernst. Seit mehr als 100 Tagen hat es in der chinesischen Hauptstadt nicht mehr geregnet. 15 Provinzen leiden in diesem Winter unter der Trockenheit. Vielerorts wurde der Notstand ausgerufen.

Verschärfung der Weltnahrungskrise wahrscheinlich

Die Ernte auf zehn Millionen Hektar Land ist bedroht. "Es sieht sehr ernst aus", sagt Lester Brown vom Earth Policy Institut in Washington. Die Ernte werde zweifellos zurückgehen. "Die einzige Frage ist, um wie viel", sagt der Wasser- und Nahrungsexperte. Er habe Schätzungen von Ernteeinbrüchen zwischen 2 und 20 Prozent gesehen. "Wenn es an 20 Prozent heranreicht, wird China wahrscheinlich vom Weltmarkt Getreide einkaufen." Die Folge wären höhere Preise und eine Verschärfung der Weltnahrungskrise.

China muss nicht nur die aktuelle Dürre bewältigen, sondern mindestens so dringend seinen langfristigen Wassermangel. Mit sieben Prozent der Wasserreserven der Welt muss China 20 Prozent der Weltbevölkerung versorgen. Vier Fünftel des Wassers sind im Süden konzentriert. Nordchina dürstet. Doch zwei Drittel der landwirtschaftlichen Flächen des Landes liegen im Norden und müssen bewässert werden. Fast die Hälfte des Nutzwassers in Nordchina wird aus dem Boden geholt. Durch exzessives Abpumpen sind die Grundwasserpegel im Hai-Flussbecken schon um 50 bis 90 Meter gefallen - in Peking sogar um 100 bis 300 Meter.

Chinesisches Wasser in Zahlen

"Auf der einen Seite haben wir Dürre und Wassermangel, auf der anderen gravierende Verschwendung", kritisiert Vizewasserminister E Jingping. Wegen schlechter Bewässerungssysteme kommen nur 45 Prozent des Wassers tatsächlich bei den Pflanzen an. Chinas Landwirtschaft verbraucht zwei Drittel allen Wassers in China, obwohl sie nur ein Achtel zum Bruttoinlandsprodukt erwirtschaftet. Der Bedarf der Bauern soll bis 2030, wenn die Bevölkerung auf 1,5 Milliarden angestiegen sein dürfte, noch um 60 Prozent steigen, schätzen Experten.

Auch Chinas Industrie verbraucht drei- bis zehnmal mehr Wasser als Betriebe in entwickelten Ländern. Ihre Abwässer werden nur zu 40 Prozent aufbereitet, während es in reicheren Staaten zwischen 75 bis 85 Prozent sind. Überhaupt werden in China nur 56 Prozent aller städtischen und industriellen Abwässer behandelt. Hinzu kommt die zunehmende Wasserverschmutzung durch weggeschwemmte Düngemittel, Pestizide oder durch die Viehwirtschaft, die nur schwerlich kontrolliert werden kann.

Trotz Krise gehen die 1,3 Milliarden Chinesen heute aber noch mit Wasser um, als wenn es im Überfluss zur Verfügung stünde - auch weil es durch das alte kommunistische Verteilungssystem billig ist. Die Weltbank empfiehlt deswegen eine radikale Reform der Wasserverwaltung in China mit marktgerechten Preisen, klaren Wasserrechten und verschärftem Umweltschutz. "Die Preise von Wasser müssen steigen dürfen, um seinen Seltenheitswert widerzuspiegeln", mahnt die Weltbank. "Der erste Schritt wäre, dass Wasser- und Abwasserpreise zumindest die finanziellen Bedürfnisse der Wasserversorgung und der Wiederaufbereitungsunternehmen decken."

Andreas Landwehr, dpa