Panorama
Die vier Brüder Jemark, Jojem, Charly und Gerald
Die vier Brüder Jemark, Jojem, Charly und Gerald(Foto: Benjamin Konietzny)

"Ich will nie wieder dahin zurück": Weihnachtsmann trifft auf Slum-Realität

Von Benjamin Konietzny, Cebu City

Der traurige Alltag von philippinischen Straßenkindern gehört zum festen Stadtbild der Metropolen des Landes. Doch an Weihnachten gibt es für einige der Kleinen Hoffnung.

Aus der Luft betrachtet bestimmen immer mehr Wolkenkratzer das Bild der Stadt. Und mit jedem neuen Betonskelett, mit jedem Stück, das die Stadt wächst, kommen neue Elendsviertel hinzu. Wir sind im Landeanflug auf Cebu City, der zweitgrößten Stadt der Philippinen. Drei, vielleicht vier Millionen Menschen leben hier. Wie viele davon in Slums hausen, lässt sich kaum schätzen. Doch die Quartiere, in denen es viele finstere Ecken und wenig Hoffnung gibt, sind ein fester Bestandteil der Stadt.

Hochhäuser, Malls, edle Hotels auf der einen, Wellblechhütten, Obdachlose, Straßenkinder auf der anderen Seite. Licht und Schatten liegen auf den Philippinen eng beieinander. Besonders deutlich ist der Kontrast in den Millionenstädten.

Der elfjährige Jojem hat auf der Straße gelernt, dass einem ein Lächeln weiterhelfen kann - auch als Straßenkind.
Der elfjährige Jojem hat auf der Straße gelernt, dass einem ein Lächeln weiterhelfen kann - auch als Straßenkind.(Foto: Benjamin Konietzny)

Aus einem dieser Viertel kommen auch Gerald, Charly, Jojem und Jemark. Heute feiern die vier Brüder im Alter zwischen acht und elf Jahren Weihnachten. Der Älteste, Jojem, hat sechs Jahre auf der Straße hinter sich. Gebettelt hat er, gestohlen, sich durchgeschlagen. Filipinos und Touristen hat er mit seinem verschmitztem Lächeln weich gemacht. Und wenn sie nichts gegeben haben, hat er genommen.

Warten auf den Weihnachtsmann

Eine Mutter hatten die vier nie. Der Vater sitzt wegen Mordes lebenslang im Gefängnis und sie leben seit zwei Jahren im "House of Dreams", einem Waisenhaus am Rande der Stadt. Später kommt angeblich der Weihnachtsmann vorbei. So früh die vier Brüder die Härte der Slum-Realität kennenlernen mussten, an den Mann mit dem weißen Bart im roten Mantel glauben alle ganz fest. Und noch während mir Jojem das verrät, zeigt er mir sein charmantes Lächeln.

Es ist nicht die Art von festlicher Stimmung, die man in Europa mit Weihnachten verbindet. So nah am Äquator ist es heiß und der Speiseplan verspricht Reis und Nudeln für den Abend. Statt kahler Laubbäume wiegen sich Kokospalmen im Wind. Einzig das gespendete Spanferkel und die Lichterketten an dem Plastiktannenbaum sind vertraut.

In der Küche wird es geschäftig und zwei der Hausangestellten beginnen, die Plastiktische für das Festessen in dem bunten Innenhof des Hauses zurechtzurücken. Nebenan sitzt Finn Wattenberg in seinem Büro. Der Norweger hat das Kinderheim vor acht Jahren gegründet, in dem inzwischen 27 Kinder leben. Einen Weg zurück gebe es für sie nicht.

"Die Eltern sind zumeist drogenabhängig, viele sitzen im Gefängnis. Viele Kinder wurden sexuell missbraucht", sagt Wattenberg. "Wir können nicht zulassen, dass sie dorthin zurückgehen. Sieht man, in welchem Zustand wir sie von dort bekommen haben, muss man sagen, dass viele dort sterben würden."

Jojem vermisst manchmal seine alten Freunde. Sein gutes Englisch hat der Junge beim Feilschen um Almosen gelernt. "Aber ich will nie wieder dahin zurück. Höchstens mal zu Besuch." Während langsam die Dämmerung anbricht in Cebu und die Augen der Kinder im "House of Dreams" immer leuchtender werden, beginnt für die tausenden Straßenkinder, zu denen auch Jojem und seine Brüder mal gehörten, ein anderer Weihnachtsabend.

Heiligabend der Gegensätze

Spendenkonto

Wenn Sie das "House of Dreams" bei seiner Arbeit mit Straßenkindern in Cebu mit einer Spende unterstützen möchten, können Sie einen Betrag Ihrer Wahl auf das Konto

IBAN: NO05 8601 43 42453

BIC:DABANO22

mit dem Verwendungszweck "Donation House of Dreams Mactan" überweisen.

"Christmas-Eve" ist in den Philippinen eine laute Veranstaltung. In den Straßen explodiert Feuerwerk, aus den Gassen pumpen ohrenbetäubend laute Bässe. Alkohol fließt in rauhen Mengen, wer mehr will für die Party greift zu "Shabu" - Christal Meth. Die Droge ist in den Slums verbreiteter als hierzulande Marihuana und macht auch vor Kindern nicht Halt.

Im "House of Dreams" läuft Weihnachtsmusik und die vier dänischen Praktikantinnen spielen mit den Kindern. Auf meinem Schoß hat es sich der dreijährige Christoph bequem gemacht und betrachtet fasziniert meinen blonden Bart. 27 Kinder haben hier einen besseren Ort gefunden. Zehntausende sind noch da draußen.

Auf bis zu 30.000 schätzt Lucel Gonzales die Zahl der Straßenkinder in Cebu. Sie leitet das Haus und arbeitet seit Jahren mit Kindern, die früh erwachsen werden müssen. "Die Stadt wächst schnell und das Problem wird immer deutlicher und die Regierung kommt nicht hinterher", sagt sie.

In keinem asiatischen Staat wächst die Wirtschaft so schnell wie in den Philippinen - doch wie an so vielen geht der Wohlstand auch an den schätzungsweise 1,5 Millionen Straßenkinder des Inselstaates weitgehend vorbei. Ohne Nichtregierungsorganisationen wie die des Norwegers Wattenberg, wäre ihre Zahl wohl weitaus höher. "30 Prozent der Straßenkinder in Cebu leben inzwischen in Kinderheimen", schätzt Gonzales. Es sei "ein Anfang".

Für den Rest besteht der Alltag weiter aus Betteln, stehlen und bezahltem Sex - für den sich auch immer wieder Kunden aus dem Westen finden. "Das gibt es, ja", sagt Gonzales. Die Kinder haben hier jedoch so etwas wie ein neues Zuhause gefunden. Und auf den Weihnachtsabend freuen sie sich alle. Sie lachen und spielen und es ist so, als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Einer der Jungen kommt und drückt dem kleinen Christoph auf meinem Schoß ein Küsschen auf die Wange.

Praktikantin Anna spielt mit Waise Jasmin.
Praktikantin Anna spielt mit Waise Jasmin.(Foto: Benjamin Konietzny)

"Es ist schon ungewöhnlich ruhig heute – gar keine Konflikte", sagt Anna aus Kopenhagen, die hier ein Pflichtpraktikum ihres Studiums absolviert. Kurz darauf beginnt das Prozedere: das Spanferkel, der Reis und die Nudeln werden aufgetischt. Gegessen wird freilich vor der Bescherung - sonst sind die Kinder beim Essen völlig von den Geschenken abgelenkt.

Danach setzen sich die Kinder ehrfurchtsvoll auf ihre Stühle. Lucel Gonzales, die Hausmutter, verkündet, sie habe eine SMS vom Weihnachtsmann bekommen. Kurz darauf klopft es und Finn Wattenberg steht in roter Kluft in der Tür. Sein norwegischer Akzent ist verräterisch, doch keines der Kinder scheint irgendetwas zu merken.

"Du bist lieb"

Es ist der größte Tag des Jahres, denn der Weihnachtsmann sagt jedem der Kinder, dass es lieb war und ein Geschenk bekommt. Ganz gleich, was früher passiert ist.

Keine Eltern, kein Zuhause: In dem Heim schenken sich die Kinder gegenseitig Nähe.
Keine Eltern, kein Zuhause: In dem Heim schenken sich die Kinder gegenseitig Nähe.(Foto: Benjamin Konietzny)

Die vier Brüder Gerald, Charly, Jojem und Jemark halten jeder ein Geschenk in der Hand und rätseln, was wohl drin sein könnte. Kurz darauf kehrt Stille ein in dem Heim und die Kinder liegen auf dem Bauch im Innenhof des Heimes und probieren ihr neues Spielzeug aus. Die quietschbunte Tannenbaumbeleuchtung blinkt, aus der Anlage ertönt Weihnachtsmusik. In der Küche wird wieder aufgeräumt und die "Erwachsenen" sitzen etwas abseits an einem Tisch und unterhalten sich. Später schlafen 27 Kinder glücklich ein.

Die vier Brüder werden sich wie jede Nacht neben ihr Bett auf den Fußboden legen. Auf einer Matratze können sie nicht schlafen, zu sehr haben sie sich an den harten Beton der Straße gewöhnt.

Auf dem Heimweg durch die Weihnachtsnacht von Cebu stehen sie wieder an den Kreuzungen und betteln. "Bitte, heute ist doch Weihnachten", bettelt ein kleiner Junge in erstaunlich gutem Englisch und wirft mir sein charmantes Lächeln zu. Es könnte Jojem sein.

Quelle: n-tv.de

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