Montag, 20. April 2009
"Im eigenen Land eingesperrt": Wenig Rechte für Algerierinnen
Fazia Abbad hat sich sorgfältig geschminkt und die langen dunklen Haare lose zusammengebunden. Es ist eine Gewohnheit, die sie nicht aufgeben mag. Als Angestellte eines Reisebüros hatte sie bei der Arbeit immer makellos auszusehen. Die 50-jährige Algerierin gehört zu der Generation, die in der Jungend Miniröcke getragen hat und nun beobachtet, dass sich immer mehr junge Mädchen für das Kopftuch entscheiden. "Der Einfluss der Islamisten ist stärker geworden", sagt sie. "Viele Frauen verschleiern sich nicht aus religiöser Überzeugung, sondern wegen des gesellschaftlichen Drucks", sagt Abbad.
Beobachter schätzen, dass in der Hauptstadt Algier etwa 80 Prozent der Frauen Kopftuch tragen, in ländlichen Gegenden sind eher noch mehr. Moderatorinnen im Fernsehen treten derzeit noch mit unbedeckten Haaren auf. "Für viele in meinem Jahrgang ist das Kopftuch bloß ein Modeartikel", meint Abbads 21 Jahre alte Tochter Amina. "Sie lassen gezielt eine Strähne hervorschauen und tragen am liebsten farblich abgestimmte Designer-Tücher." Amina hat nie ein Kopftuch getragen. "Das war in unserer Familie eben so", sagt sie. "Vielleicht ändere ich meine Meinung, wenn ich die ersten grauen Haare bekomme", sagt sie und lacht.
Die Frau muss gehorchen
Das Familienrecht des Landes, das in den 80er Jahren festgelegt wurde, schreibt vor, dass eine Frau ihrem Mann zu gehorchen habe. Polygamie ist offiziell erlaubt, bei einer Scheidung ist der Mann im Vorteil. Wenn die Frau die Scheidung einreicht, verliert sie faktisch alle Ansprüche - und ihren guten Ruf obendrein.
"Als geschiedene Frau ist man für alle angreifbar", sagt Abbad, die sich nach zwei Jahren Ehe von ihrem Mann getrennt hat. Ihr Ex-Mann hat die Wohnung behalten und zahlt keinen Unterhalt für die gemeinsame Tochter. "Als allein stehende Frau kann ich unmöglich alleine wohnen, das wird gesellschaftlich nicht akzeptiert", sagt Abbad. "Also lebe ich mit 50 immer noch bei meinen Eltern", fügt sie frustriert hinzu.
Frau als Kandidatin
Das größte Problem für junge Frauen sei heute, dass sie das Land kaum verlassen können, meint Amina. "Ich habe vier Mal ein Visum beantragt und nie eins bekommen", sagt sie. "Aber jedes Mal musste ich 6000 Dinar (60 Euro) Gebühren zahlen", fügt sie hinzu. "Am liebsten will ich nach Europa, hier finde ich ja doch keine Arbeit", sagt die Wirtschaftsstudentin. "Warum haben wir kein Recht, andere Länder kennenzulernen? Wir fühlen uns manchmal wie eingesperrt im eigenen Land", meint Amina.
Es war ein gewisser Lichtblick, dass unter den sechs Kandidaten bei der jüngsten Präsidentschaftswahl eine Frau dabei war: Louisa Hanoune von der linksextremen Arbeiterpartei, die in den 80er Jahren vergeblich gegen das frauenfeindliche Familienrecht protestiert hatte. Die 55-Jährige kam in der von Betrugsvorwürfen überschatteten Wahl mit vier Prozent auf den zweiten Platz nach Amtsinhaber Abdelaziz Bouteflika. Hanoune zeigte sich zufrieden: "Wenn es dieses Mal nicht geklappt hat, dann eben bei der nächsten Wahl", meinte sie. Vorerst können die algerischen Frauen nicht mit wesentlichen politischen Änderungen rechnen, die ihre Lage verbessern.
Ulrike Koltermann, dpa
Hintergründe zur Nachricht
Panorama
-
Aus drei mach' eine
Nordkirche gegründet
-
Hauptbahnhof Mönchengladbach
Jugendliche verprügeln Frauen
-
Motivsuche in Finnland
18-Jähriger tötete "zufällig"
-
Historische Gebäude
Coburger Altstadt brennt
-
Detonation tötet einen Menschen in Chile
Auto löst Landmine aus
-
Acht schlimme Jahre in Bosnien
Deutsche als Sklavin gehalten
-
Todesfall beim Volleyballspiel in Japan
Russischer Konsul stirbt
-
Raffaels Kultbild wird 500
"Die Sixtina lehrt Ehrfurcht"
-
In Kampfuniform
Finne erschießt Nachtschwärmer
-
Totschlag vor 33 Jahren
51-Jähriger angeklagt
-
Berlusconi und seine Partys
Mädchen tanzte als Obama
-
Operation gegen Hells Angels in Kiel
Polizei sucht Folterkammer

