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Montag, 17. September 2001

Interview: Wenn Kinder verschwinden...

Interview mit Adolf Gallwitz, Professor für Psychologie an der Hochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen.

n-tv.de: Wie viele Kinder verschwinden in Deutschland jedes Jahr?

Gallwitz: Im Durchschnitt verschwinden jedes Jahr zwischen 500 und 1.000 Kinder in Deutschland, wobei die meisten bald wieder auftauchen. Übrig bleiben ca. 50 so genannte langzeitvermisste Kinder.

Kriminalpsychologen Adolf Gallwitz.

Kriminalpsychologen Adolf Gallwitz.
(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Warum verschwinden Kinder?

Das kommt auf das Alter der Kinder an. Je älter oder selbstständiger, umso mehr muss man auch an die Möglichkeit der Ausreißer denken, Kinder, die Konflikte mit sich oder der Familie haben. Die meisten kehren bald wieder zurück, einige bleiben bei den 2.000-3.000 Straßenkindern. Alle diese Kinder sind gefährdet, Opfer von Straftaten zu werden. Kindesentziehungen durch getrennt lebende Elternteile oder Verwandte, Unfälle und Verbrechen sind die übrigen Gründe.

Wie sollen sich Eltern verhalten, wenn Kinder nicht zur vereinbarten Zeit zu Hause sind?

Eltern sollten im Vorfeld Vereinbarungen treffen und diese mit den Kindern durchspielen, im Ernstfall systematisch alle eventuellen Aufenthaltsorte abtelefonieren und dann auf jeden Fall sofort Vermisstenanzeige erstatten. Bei Kindern, vor allem bei kleineren, zählt jede Stunde. Die Polizei hat für die Aufnahme von Vermisstenanzeigen für Kinder keine Wartezeit. Dies ist wichtig, weil die internationale Erfahrung gezeigt hat, dass bei Entführung durch Sexualtäter die Überlebenswahrscheinlichkeit nach den ersten 48 Stunden dramatisch sinkt. Außerdem ist das schnelle Nachvollziehen der letzten Wege des Kindes wichtig, um mit einer zügigen Fahndung möglicherweise Straftaten zu verhindern.

Kann man Straftaten an Kindern vorbeugen?

Es ist wichtig, mit seinen Kindern zu reden, sie zu kennen, um zu wissen, was sie erleben und was sie bewegt und wie sie reagieren. Eltern sollten Kinder mit der Umgebung, in der sie leben, vertraut machen. Gut ist es, Wege gemeinsam zu gehen und gute von schlechten Plätzen unterscheiden zu lernen. Mit kleinen Kindern sollte man das Telefonieren und "Hilfe holen" üben. Kinder sollten wissen, dass man die Notrufnummer 110 kostenlos von jeder Telefonzelle anrufen kann.

Wie wichtig ist das Klima in der Familie?

Das ist sehr wichtig. Nur dann können Eltern und Kinder über Gefahren für Kinder und ihr Verhalten in solchen Situationen sprechen. Außerdem werden sich Kinder nur dann an Regeln und Vereinbarungen halten, wenn in der Familie insgesamt Wert auf Offenheit, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit gelegt wird.

Warum ist es so schwierig, verschwundene Kinder zu finden?

Solange sie das vermisste Kind bzw. das Opfer nicht gefunden haben, wissen sie ja nicht, ob und wenn ja, welches Verbrechen vorliegt. Das heißt, sie müssen in allen Richtungen ermitteln. Und auch wenn man nach mehr oder wenig langer Zeit Opfer findet, ist die Rekonstruktion der Tat oft schwer oder unmöglich. Wir haben in Deutschland vermutlich etwa 50 Kinderleichen, bei denen die Tatumstände noch nicht geklärt sind.

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