Freitag, 23. April 2010
Berlin fordert einheitliche EU-Richtlinien: Wind bläst Asche nach Reykjavik
Der kontinentaleuropäische Flugverkehr normalisiert sich wieder, doch ein Windwechsel sorgt dafür, dass wegen der Asche aus dem Vulkan Eyjafjöll erstmals auch ein isländischer Flughafen geschlossen werden muss. Derweil werden europaweit Vorschläge gemacht, wie man zukünftig ein Flugchaos verhindern kann.Nach dem Verkehrschaos wegen des isländischen Vulkanausbruchs wird der Ruf nach einheitlichen Regelungen lauter. Statt einer schnellen, koordinierten europäischen Reaktion habe es ein Stückwerk aus 27 nationalen Lufträumen gegeben, kritisierte die EU-Kommission. Sie fordert für den Luftverkehr eine europäische Regulierungsbehörde. Die Asche aus dem isländischen Vulkan hatte seit Ende der vergangenen Woche zu einer tagelangen Sperrung von weiten Teilen des europäischen Luftraums geführt. Laut EU-Kommission verläuft der Luftverkehr wieder weitgehend störungsfrei. Insgesamt warteten nach Branchenangaben noch rund 5000 Kunden von Reiseveranstaltern auf ihren Rückflug nach Deutschland.
Derweil drehte sich der Wind und blies die Asche aus dem Eyjafjöll erstmals Richtung Reykjavik. Der internationale Flughafen Keflavik, der wichtigste des Landes, wurde gesperrt. Sichtflüge und Flüge in Höhe von über 20.000 Fuß (etwa 6000 Meter) waren weiterhin erlaubt. Auch in Schottland wurden vier kleinere Flughäfen geschlossen. In Island sagten Experten, die Intensität der Vulkanaktivität lasse nach, eine präzise Vorhersage sei allerdings nicht möglich. "Gestern Abend sah es so aus, als ob mehr Asche herauskam, aber jetzt ist es zumeist Dampf, wie gestern", sagte eine Sprecherin des Zivilschutzes.
Berlin fordert internationale Grenzwerte
Die Bundesregierung will international abgestimmte Grenzwerte für künftige Flugverbote durchsetzen und sich am Dienstag in Berlin mit Vertretern von Behörden, Airlines und Triebwerksherstellern beraten. Man benötige zunächst Standards, um die Wirkung von Vulkanasche auf Flugzeugkörper und vor allem auf Triebwerke bewerten zu können, sagte ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums. Grenzwerte müssten aber auf der Basis solcher Beratungen international festgesetzt werden. Nationale Vorschläge reichten allein nicht aus, betonte der Sprecher mit Blick auf die britische Luftfahrtbehörde CAA.
Sie hatte am Dienstag neue Richtlinien erlassen. Anders als bisher erlaubt sie nun das Durchfliegen geringer Aschekonzentrationen bis zu einem Wert von 2000 Mikrogramm Asche pro Kubikmeter. Zuvor war das Durchfliegen strikt verboten, was weiträumige Sperrungen nötig machte. Der "Tagesspiegel" berichtete, die tagelangen Flugverbote wären unnötig gewesen, hätte es diese Grenzwerte europaweit früher gegeben. Auch EU-Verkehrskommissar Siim Kallas kritisierte: "Dass wir keinen einheitlichen europäischen Regulierer für die Luftfahrt-Aufsicht haben, hat die Reaktion auf die Krise sehr erschwert."
"Nur geringe Konzentrationen an Aschepartikeln"
Nach Angaben des Bundesverkehrministeriums gab es bei Flügen des deutschen Forschungsflugzeugs Falcon keine nennenswerten Beschädigungen durch Vulkanasche. Partikel seien aber in der Luft festzustellen. Auch nach einem Flug der Lufthansa in Europa kam Entwarnung. "Die Messungen zeigten nur geringe Konzentrationen an Aschepartikeln des Vulkans", teilte das Max-Planck-Institut in Mainz mit. Am Dienstag war dafür ein Airbus A340-600 mit dem Klimaforschungscontainer "Caribic" an Bord von Frankfurt bis nach Stockholm geflogen.
Nach Angaben der Forscher wurden "mäßige Konzentrationen von Asche-Partikeln bis 2 Mikrometer Durchmesser erfasst". Der Großteil der Messwerte habe zwischen 20 und 125 Mikrogramm pro Kubikmeter gelegen. Das läge auch weit unter dem in Großbritannien erlaubten Wert. Die Wissenschaftler verweisen zum Vergleich auf die EU-Verordnung für Feinstaub-Grenzwerte, die bei 50 Mikrogramm pro Kubikmeter liege. "Die Aschewolke des Vulkans war bereits verdünnt und teilweise in die Grenzschicht der Atmosphäre abgetaucht."
EU-Verkehrskommissar Kallas betonte in Brüssel, dass Passagiere bei annullierten Flügen ihr Geld zurückverlangen können. Dies gelte auch für Billig-Airlines. Eventuelle staatliche Hilfen müssten die Regierungen zahlen, nach grünem Licht der Kommission. "Die Kommission wird Anfragen sehr konstruktiv bearbeiten."
Touristikbranche verliert 1,7 Milliarden Euro Umsatz
Das Flugverbot nach dem Vulkanausbruch auf Island hat Europas Fremdenverkehrsbranche 1,7 Milliarden Euro Umsatz gekostet. Nach Angaben des Generalsekretärs der UN-Welttourismusorganisation UNWTO, Taleb Rifai, ist unklar, wer das trage. "In dieser Hinsicht herrscht ein absolutes Durcheinander." Die UNWTO werde daher ein Dokument für ein internationales Abkommen erarbeiten, das künftig sowohl Urlauber als auch Touristikunternehmen in solchen Fällen besser absichere.
Nach Angaben des Deutschen Reiseverbands (DRV) seien rund 125.000 gestrandete Pauschalreisende von ihren Veranstaltern innerhalb von zwei Tagen zurückgebracht worden. Aus Kulanz hätten viele der Unternehmen die Mehrkosten für Übernachtungen übernommen. Bei einer Reiseabsage wegen höherer Gewalt wie in diesem Fall müssten Kunden aber mit einer Eigenbeteiligung rechnen. Weite Teile des europäischen Luftraums waren nach einem Vulkanausbruch in Island tagelang dicht.
dpa/AFP
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