Panorama

Überschwemmungen in AustralienZehntausende fliehen vor Fluten

12.01.2011, 16:41 Uhr
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Ganze Straßenzüge sind überflutet, Zehntausende Menschen ohne Strom. (Foto: dpa)

Das Hochwasser in Australien nimmt seinen Lauf: In der australischen Großstadt Brisbane schwimmen Möbel, Tiere und ganze Häuser durch die Stadt, das öffentliche Leben kommt fast zum Erliegen. Mindestens zwölf Menschen sterben, Zehntausende fliehen oder sind ohne Strom. Experten schätzen die Schäden auf mindestens zehn Milliarden Euro.

Die australische Wirtschaftsmetropole Brisbane erlebt einen Albtraum: Das Jahrhunderthochwasser hat den beschaulichen Brisbane River in einen reißenden Strom verwandelt und das öffentliche Leben praktisch zum Stillstand gebracht. Zehntausende flüchteten vor den Urgewalten, meist in höher gelegene Gebiete. Im Nordosten Australiens starben bisher mindestens zwölf Menschen durch die Überschwemmungen. Die Ministerpräsidentin des betroffenen Bundesstaates Queensland, Anna Bligh, erwartet weitere Tote. 67 Menschen seien vermisst gemeldet.

Überall in der Region spielten sich dramatische Szenen ab. Mit knapper Not rettete sich eine hochschwangere Frau vor den Fluten und fand mit ihrem vierjährigen Sohn Unterschlupf in einem Notlager der australischen 140.000-Einwohner-Stadt Ipswich. Sie deutete auf vier Taschen. "Das ist alles, was wir noch haben", sagte sie. "Die ganzen Sachen für das neue Baby - alles weg."

In Brisbane, der drittgrößten Stadt auf dem Kontinent, rauschte der Brisbane River durch die Innenstadt und riss Boote, Autos und Container mit sich. Augenzeugen berichteten auch von Möbeln, Tieren, Wohnwagen und ganzen Häusern, die den Fluss hinuntertrieben.

Hoffnung im Flutchaos

Dennoch gab es Hoffnung: Der Höhepunkt des Hochwassers im Brisbane River blieb am Donnerstagmorgen (Ortszeit) mit 4,60 Meter unter der zunächst befürchteten Marke von 5,50 Metern. Damit blieben die Pegelstände unter dem Ausmaß der verheerenden Überschwemmungen von 1974. Damals kamen 14 Menschen ums Leben und tausende Häuser wurden überschwemmt.

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Das Wasser spülte Autos einfach weg. (Foto: AP)

Bürgermeister Campbell Newman rechnet diesmal mit etwa 12.000 überschwemmten Häusern und etwa 2500 überfluteten Geschäften. Etwa weitere 14. 700 Häuser und 2500 Geschäfte würden von den Fluten zum Teil beschädigt, schätzte Newman.

Doch es war auch so schlimm genug: Vielerorts gab die Uferbefestigung nach. Der Brisbane River überflutete ganze Straßenzüge. "Gerümpel, Sofas, halbe Häuserwände, Pontons mit Booten darauf und allerlei mehr schwamm die ganze Zeit den ziemlich schnell gewordenen Brisbane River hinunter", berichtete der Dresdner Webdesigner Torsten Schmidt, der in Brisbane lebt. "Die Leute sollten sich in Sicherheit bringen", warnte Newman. "Wir haben Notlager für 10.000 Menschen, vielleicht auch 18.000."

Stadion als Schwimmbad

In zehntausenden Gebäuden fiel der Strom aus, zahlreiche Einwohner brachten sich in Notunterkünften in Sicherheit. Das überschwemmte Suncorp-Stadion mit 52.500 Plätzen glich einem gigantischen Schwimmbad. Die Behörden gehen davon aus, dass mehr als 50 Vororte und 2100 Straßen durch den ansteigenden Pegel des Flusses überflutet werden.

Das erste Todesopfer in der Stadt war ein vierjähriger Junge, der aus einem Rettungsboot fiel und von den Fluten fortgerissen wurde, meldeten Lokalmedien. In einer Talkshow im Radio berichtete ein Anrufer von einem Hausboot, das sich mit zwei vor Schreck erstarrten Bewohnern an Bord losgerissen hatte. "Sie sind unter allen Brücken durchgerauscht", sagte er. "Dann ist die Wasserpolizei ausgerückt, um das Boot zu packen und in Sicherheit zu ziehen." Als Vorsichtsmaßnahme wurde in Teilen der Stadt der Strom abgestellt.

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Dieses Haus blieb stehen. (Foto: REUTERS)

Vielen Supermärkten ging die Ware aus, weil die Leute in letzter Minute Vorräte anlegten. Vor den Ausgabestellen der Sandsäcke bildeten sich lange Schlangen. "Es sind beängstigende Zeiten", sagte Regierungschefin Bligh, deren Mutter in der Nacht aus ihrem Haus in Sicherheit gebracht werden musste. "Aber wenn wir Ruhe bewahren und zusammenstehen, werden wir darüber hinwegkommen." Premierministerin Julia Gillard versprach Hilfe: "Wir müssen über die nächsten Monate Schulter an Schulter mit den Queensländern stehen", sagte sie.

Das Wasser verschluckt Ipswich

Bligh erwartet Schäden in Milliardenhöhe. Ein Drittel von Ipswich stand unter Wasser. Am Fluss Bremer stand das Hochwasser bei der Marke von fast 22 Metern. Damit war nicht der Wasserstand "über normal" gemeint. Die Wasserstände werden vom Meeresspiegel oder vom Flussbett aus gemessen. "Das Wasser steigt und verschluckt unsere Stadt", sagte Ipswichs Bürgermeister Paul Pisasale. "Aber das Wichtigste ist, dass die Menschen in Sicherheit sind." Paradoxerweise nahm das Drama unter strahlend blauem Himmel seinen Lauf.

Brisbanes zwei Gesichter

Die Brisbaner entdeckten in der Stunde ihrer größten Not einen Gemeinschaftsgeist, den viele in der Großstadt nicht für möglich gehalten hatten, wie Außenminister Kevin Rudd berichtete. "Ich stand auf der Duke Street, als plötzlich das Wasser kam, und aus dem Nichts tauchten die Leute auf. Wir haben Menschenketten gebildet, um die wichtigsten Sachen aus einem Haus zu retten - und nach ein paar Stunden war es geschafft - das sind sehr bewegende Erfahrungen", sagte Rudd, früher Regierungschef von Queensland.

Im Kontrast zu den chaotischen Zuständen in manchen Vierteln war die Stimmung in höher gelegenen Stadtteilen fast surreal: Leute, die nicht zur Arbeit gehen konnten, genossen den freien Tag in der Sonne. "Die Straßen vor unserem Apartmenttower sind inzwischen trocken, ich sehe Leute am Pool sitzen und sich auf der Wiese sonnen. Das ist eines der beiden Gesichter von Brisbane", berichtete Torsten Schmidt, der in einem höher gelegenen Stadtteil wohnt.

Die Schäden der verheerenden Flutkatastrophe gehen in die Milliarden. Matthew Johnson, Analyst der Bank UBS glaubt, dass die Folgen für Australien schwerwiegender sein werden als die des Hurrikans "Katrina", der die Südküste der USA 2005 verwüstete. Nach Schätzung von Experten wird die Flut Australien rund zehn Milliarden Euro kosten. Das Wirtschaftswachstum könnte zu Jahresbeginn um etwa einen Prozentpunkt geringer ausfallen, sagte der Chefvolkswirt der Investmentbank JP Morgan. In der zweiten Jahreshälfte werde die Wirtschaft aber wieder anziehen, da die Nachfrage nach australischen Produkten in Asien groß sei und die Infrastruktur wieder aufgebaut werden müsse.

Quelle: rpe/dpa/AFP