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Sphärenbestattung: Ist es womöglich die Unendlichkeit, in der wir unser Ende wissen wollen?
Sphärenbestattung: Ist es womöglich die Unendlichkeit, in der wir unser Ende wissen wollen?

Weltraumbestattungen: Zurück in den Himmel

Von Friederike Ostermeyer

Tilo Schmidt ist Deutschlands erster Weltallbestatter - der Berliner schickt die Asche von Verstorbenen per Ballon auf ihre letzte Reise. Der Wunsch nach neuen Formen des Abschieds zeigt, wie sehr sich Trauerkultur verändert.

Hände strecken sich in den strahlend blauen Himmel. Der Moment des Loslassens ist gekommen. Lautlos und immer höher steigt der Ballon mit der Urne. Unter ihm verschwimmen die Hände zu schwachen Punkten, über ihm das Nichts. Stille. Langsam ändert sich die Farbe des Himmels. Tiefes Königsblau geht über in ein endloses Schwarz. Jetzt ist die Krümmung des Planeten deutlich zu erkennen, dessen Aura zartgrün leuchtet. Und während das Meer zwischen den Wolkenwirbeln hindurchleuchtet, öffnet sich die Kapsel, deren Inhalt sich in der grenzenlosen Weite des Raums mit Sternenstaub vermischt.

Als Tilo Schmidt vor zwei Jahren das erste Mal seine Kamera an einem Ballon befestigte, wollte er eigentlich nur ein paar Bilder vom Aufstieg machen. Doch während er den nach oben schwebenden Ballon beobachtete, musste er auf einmal über den Tod nachdenken. Dabei stellte er sich Frage: Gibt es nicht in vielen von uns eine Sehnsucht, auch im Tod nach oben zu streben? Und ist es womöglich die Unendlichkeit, in der wir unser Ende wissen wollen?

Fast anderthalb Jahre arbeitete Tilo Schmidt an seiner Idee, Verstorbenen eine "letzte Reise" in den Himmel zu ermöglichen. Er ließ biologisch abbaubare Urnen entwickeln, testete Ballons an verschiedenen Orten der Welt und fotografierte die Erde vom Rande des Weltalls aus. Schließlich konnte er seine Vision verwirklichen und gründete gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Matthias Kuhnt "Aeon" - das erste deutsche Unternehmen, das Sphärenbestattungen anbietet. Allerdings ist in Deutschland diese Form der Bestattung noch nicht zugelassen. Auch wenn die Nachfrage an besonderen Abschiedszeremonien immer weiter wächst, besteht hierzulande immer noch die Friedhofspflicht. Interessierte müssen sich deshalb einen Ort im Ausland überlegen, an dem die Zeremonie stattfinden soll. In Spanien, den Niederlanden oder der Schweiz herrschen weniger strenge Gesetze. So ist es rechtlich möglich, die Urne mit der Asche des Verstorbenen ins Ausland überführen zu lassen. Für die Sphärenbestattung eignen sich beispielsweise besonders die Kanarischen Inseln, da aufgrund der klimatischen Bedingungen dort meistens klare Sicht herrscht.

Alternativen zum klassischen Begräbnis

Die Sphärenbestattung findet an einem abgelegenen Platz in der Natur statt. In aller Stille oder im Beisein von Familie und Angehörigen wird mit einer persönlich gestalteten Zeremonie Abschied genommen. Schließlich steigt der Ballon mit der Urne bis zu 35 Kilometer weit in den Himmel hinauf - drei Mal höher als ein Flugzeug. Nach ungefähr 90 Minuten sind die äußeren Schichten der Stratosphäre erreicht. Der Ballon befindet sich jetzt am Rande des Weltalls. Dann öffnet sich die Urne und verteilt die Asche behutsam in die Weite des Raums. Für Angehörige, die ihrem geliebten Menschen in genau diesem Moment besonders nahe sein wollen, kann die Sphärenbestattung auf Wunsch auf Film festgehalten werden. Schließlich sorgen Zeit, Wind und Regen dafür, dass alles wieder auf die Erde zurückkehrt und sich der Kreis schließt. Je nach Aufwand müssen die Angehörigen 2000 bis 3000 Euro investieren.

Beim Start: Wir dürfen loslassen.
Beim Start: Wir dürfen loslassen.

Da seine Firma gerade vor wenigen Wochen alle Vorbereitungen abgeschlossen hat und deshalb erst seit kurzem mit dem Angebot an der Öffentlichkeit ist, hat Aeon selbst noch keine Bestattungen durchgeführt. Doch Tilo Schmidt ist überzeugt davon, dass immer mehr Menschen nach Alternativen zum klassischen Begräbnis suchen. Tatsächlich hat eine 2013 durchgeführte Umfrage der Verbraucherinitiative Bestattungskultur ergeben, dass nur noch 29 Prozent der Bevölkerung sich eine klassische Beerdigung im Sarg auf dem Friedhof wünschen - 2004 waren es noch 39 Prozent. Fast jeder Fünfte möchte seine letzte Ruhe außerhalb des Friedhofs finden. Besonders für Seebestattungen oder das Verstreuen der Asche im Wind gibt es immer mehr Interessenten.

Mit der Sphärenbestattung möchte Thilo Schmidt eine Möglichkeit bieten, den Weg Richtung Himmel zu wählen. "Ich glaube, es gibt diese tiefe Sehnsucht, nach oben zu streben. Wir haben den jahrtausendealten Traum vom Fliegen wahr werden lassen. Mit der Raumfahrt ist es uns sogar gelungen, den Planeten zu verlassen. Menschen, die eine besondere Affinität zum Himmel haben, möchten auch im Tod damit verbunden sein."

In guter Gesellschaft

Trauerriten ändern sich, genauso wie sich das Verhältnis zum Tod verändert hat. Die Kirche hat ihre Monopolstellung auf Begräbnisse verloren wie der Tod seine Garantie auf ein Jenseits. Trauern ist heute eine sehr individuelle Angelegenheit. "Wir wollen entscheiden, wie wir dem Sterben begegnen", sagt Schmidt. Der Mensch von heute sucht für seinen eigenen Tod nach neuen Symbolen. Persönlich müssen sie sein, und auf ihre Art auch lebendig. Für die einen ist es das Meer, weil es immer in Bewegung ist, für die anderen ist es der Wind, weil er die Schwerelosigkeit verkörpert. Der Wunsch, seine Asche an besonderen Orten verstreuen zu lassen, verkörpert gleichzeitig den Wunsch nach totaler Auflösung. Und dafür braucht es vor allem Weite, welche sich in den engen Friedhofsgräbern nicht finden lässt.

Ballon im Raum: losgelöst von allen Weltanschauungen.
Ballon im Raum: losgelöst von allen Weltanschauungen.

Tilo Schmidt ist mit der Sphärenbestattung nicht der einzige, der neue Angebote schafft. So kann man sich in der Schweiz bei einer Temperatur von 16.000 Grad zu einem Diamanten pressen lassen, um für die Hinterbliebenen als "Juwel von Mensch" in Erinnerung zu bleiben. In den USA ist es seit kurzem möglich, mit seiner Asche Teil eines künstlichen Riffs zu werden. Kurz nachdem es im Meer versenkt worden ist, beginnen sich erste Korallen anzusiedeln, welche wiederum neuen Lebensraum für zahlreiche bunte Fische schaffen. Das amerikanische Raumfahrtunternehmen "Celestis" startet alle paar Jahre eine Rakete, welche die Urnen Verstorbener für umgerechnet 10.000 Euro ins All transportiert, um sie anschließend in die Erdumlaufbahn zu entlassen. Die Überreste von Star Trek-Schöpfer Gene Roddenberry ziehen dort seit 1997 ihre Kreise, Schauspieler James Dohaan, besser bekannt als "Scotty" von Raumschiff Enterprise, gesellte sich ein Jahr später dazu.

Dass der Weltraum im Tod wie im Leben eine besondere Anziehungskraft auf die Menschen hat, davon ist Schmidt überzeugt. Raum, Weite und Unendlichkeit haben ihn selbst schon immer fasziniert. Als Kind blickte er nachts mit seinem Teleskop zu den Sternen, später entdeckte er Grenzenlosigkeit in der Musik und auf seinen Reisen. Das Universum ist Teil der Kultur geworden. "Bis vor 60 Jahren hatten die meisten Menschen nur eine vage Vorstellung davon, wie die Erde vom Weltraum betrachtet aussieht. Spätestens seit Beginn der Raumfahrt ist das anders. Die neuen Bilder aus dem All haben den Blick auf uns und die Welt verändert. Besonders jene Generation, die durch die Mondlandung sehr geprägt worden ist, kommt jetzt in ein Alter, in dem Bestattung langsam ein Thema wird."

"Der Tod kehrt ins Leben zurück"

Ob im Weltraum, über der Stratosphäre oder im Meer – es sind die sich ändernden Lebensweisen, die auch neue Erinnerungskulturen entstehen lassen. "Im Gegensatz zu früher, wohnen Angehörige oft weit voneinander entfernt. Nur selten findet sich mitunter eine Gelegenheit, das Grab zu besuchen. Bei einer Sphärenbestattung, braucht es keinen bestimmten Ort des Gedenkens. Der Blick in den Himmel ist auch immer ein Erinnern an den geliebten Menschen."

Trotz der strengen Bestattungsgesetze in Deutschland verlieren die klassischen Friedhöfe als Erinnerungsorte immer mehr an Bedeutung. Eine weitere Umfrage der Verbraucherinitiative Bestattungskultur ergab sogar, dass mehr als die Hälfte der Deutschen (59 Prozent) für Trauer und Gedenken keinen speziellen Ort mehr brauchen. Damit ist das Trauern auch wieder ein Stück in die Öffentlichkeit gerückt. Vielleicht ist so auch der Kosmos eine weitere Metapher für einen Ort geworden, aus dem wir kommen und wieder zurückkehren werden.

Jahrzehntelang hat die Gesellschaft den Tod verdrängt und tabuisiert. Doch seit einigen Jahren finden, angetrieben durch die Medien, neue Diskurse über Leid, Schmerz und Trauer statt. Debatten über Sterbehilfe, Organspende oder Suizid konfrontieren die Menschen wieder mit ihrer eigenen Vergänglichkeit. So hat, losgelöst von den alten Weltanschauungenen, eine längst überfällige Suche nach neuen Sinnbildern für das Sterben begonnen. "Der Tod kehrt ins Leben zurück", kündigte die die "Zeit" mit einem Essay den Paradigmenwechsel 2012 an. "Der Wahn einer totalen Kontrolle über das Leben ist als Illusion überführt." Wir dürfen loslassen.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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