"Muschelkrieg"Belgien und Holland im Streit
Kaum etwas essen Belgier so gern wie Muscheln, besonders die aus dem niederländischen Zeeland. Doch nun fordern Politiker einen Boykott der Delikatesse aus dem benachbarten Königreich.
Schon ist von einem drohenden "Muschelkrieg" die Rede, der die Beziehungen zwischen Belgiern und Holländern auf lange Zeit vergiften könnte. Zum Ärger der Belgier weigern sich die Niederlande neuerdings, die durch ihre Südprovinz Zeeland führende Westerschelde zu vertiefen. Für den Hafen von Antwerpen, der von See her allein über diesen Wasserweg erreichbar ist, stellt sich die Überlebensfrage. Ohne Fahrrinnen-Ausbaggerung können schwere Containerschiffe den größten Hafen Belgiens und - nach Rotterdam - zweitgrößten Europas bald nicht mehr erreichen.
Dabei wird gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise der Seegüterverkehr auf immer größeren Schiffen konzentriert. Es drohten Umsatzeinbußen in Millionenhöhe, Zehntausende Jobs stünden in der belgischen Nordregion Flandern auf dem Spiel, klagen Hafenbetreiber und Politiker. "Und das alles wegen ein paar Vögeln und Pflanzen?", fragen sich viele in Belgien, aber auch in Holland. Dort hat der Staatsrat, das höchste Rechtsorgan des Landes, das 2005 fest vereinbarte Millionen-Projekt Westerschelde nämlich auf Antrag von Naturschützern gestoppt. Sie machten geltend, dass Teile des Hedwigepolders - ein kleines eingedeichtes Naturrefugium an der Schelde kurz vor der belgischen Grenze - gefährdet wären.
"Fortsetzung von Gemeinheiten"
Viele Belgier glauben, dass die Niederländer eine ganz andere Agenda verfolgen. "Die wollen doch nur die Vormacht ihres Hafens in Rotterdam sichern", hört man vor allem in Antwerpen immer wieder. Da helfen auch keine Dementis des niederländischen Botschafters, der vom Ministerpräsidenten Flanderns, Kris Peeters, herbeizitiert wurde.
Für die Politikerin Annick De Ridder von der in Brüssel mitregierenden Partei Flämische Liberale und Demokraten (Open VLD) kann es nur eine Antwort geben: "Ohne Scheldevertiefung keine Zeeland-Importe!". Unter diesem Motto ging sie in Antwerpen von einem Restaurant zum anderen und rief zum Boykott nicht nur der Muscheln, sondern auch der nicht minder leckeren Austern vom Nachbarn auf.
Das alte Misstrauen der Flamen gegenüber ihren nördlichen Nachbarn ist nun wieder hellwach. "Die haben die Westerschelde im 16., im 17. und im 18. Jahrhundert abgesperrt und aus Antwerpen jedes Mal eine Geisterstadt gemacht", schimpft De Ridder. "Das droht erneut, bald könnten 180.000 Arbeitsplätze verschwunden sein." Der Konflikt sei die Fortsetzung "einer Reihe von Gemeinheiten, seit Belgien sich 1830 von den Niederlanden abtrennte".
Forderungen nach Beilegung des Konflikts
An der Durchsetzbarkeit eines Muschelboykotts gibt es allerdings Zweifel. "Wir würden uns nur ins eigene Fleisch schneiden", sagt die Wirtin eines Restaurants am Grote Markt im historischen Stadtzentrum Antwerpens. "Deutsche, Engländer und sogar Japaner kommen auch wegen der Muscheln und Austern in Scharen nach Antwerpen. Mit Zeeland-Importen verdienen wir bestens."
Flämische Politiker denken denn auch über andere Möglichkeiten nach, darunter eine Straßengebühr für Lastwagen aus den Niederlanden. Zudem könne Belgien die gemeinsamen Bemühungen um die Austragung einer Fußball-WM absagen. Derweil mehren sich in Holland die Stimmen, die ein Einlenken verlangen. "Die Vertrauenswürdigkeit unseres Landes steht auf dem Spiel", fasste "De Telegraaf" den Tenor zusammen. "Wir müssen Wort halten und die Blamage begrenzen, indem jetzt ein Notstandsgesetz kommt." Damit wäre dann die Staatsratsentscheidung ausgehebelt - und der "Muschelkrieg" könnte abgeblasen werden.