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"1968" steht für die Studentenproteste in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre, für ihre Vorgeschichte und ihre lange Wirkung bis heute.
Schulen und Universitäten, die Leitbilder von Ehe und Familie, Sitten und Werte seien durch die Ideen von 1968 erschüttert worden, vor allem aber sei der Terrorismus der 70er Jahre eine direkte Folge der "außerparlamentarischen Opposition" von 1968, sagen die Kritiker.
Die positive Sicht auf 1968 betont die "intellektuelle Neugründung der Bundesrepublik" und die überfällige Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. (Bild vom Münchener Euthanasieprozess)
Nach Jahren des wirtschaftlichen Aufbaus und der politischen Verankerung im Westen verändert sich die Bundesrepublik in den sechziger Jahren nachhaltig.
Der rasche gesellschaftliche und kulturelle Wandlungsprozess, der bereits in den 50er Jahren begann, führt zu massiven Spannungen zwischen den Generationen. (Fans beim Rolling Stones-Konzert in Berlin 1965)
Beatmusik, "Gammler" und Hippies stehen im krassen Gegensatz zu den gesellschaftlichen Erwartungen jener Zeit.
Die junge Generation begehrt gegen tradierte Wertvorstellungen und Strukturen der Väter und Mütter auf. Romantische und revolutionäre Gemeinschaftserlebnisse spielen ebenfalls eine Rolle.
Innenpolitische Krisen, wie etwa die "Spiegel"-Affäre und die Diskussion um die Vergangenheitsbewältigung, werden plötzlich auch in breiten Kreisen der Bevölkerung kontrovers debattiert.
Unstrittig ist inzwischen, dass sich rund um 1968 in der Bundesrepublik und in anderen westlichen Ländern durch einen außerparlamentarisch ausgelösten "Ruck" Grundlegendes verändert hat.
Zu "68" gibt es viele Geschichten, aber keine klare Geschichte.
Im Oktober 1961 fordert der Sozialistische Deutsche Studentenbund demokratischere Hochschulen, frei von Staatsinteressen. Professoren, Assistenten und Studenten sollen gleichberechtigt über Forschung, Lehre, Finanzen und Personal entscheiden. (Bild aus Münster 1968)
Stipendien sollen auch Arbeiterkindern das Studium ermöglichen.
BKA-Beamte durchsuchen im Oktober 1962 Redaktionsräume des "Spiegel". Herausgeber Rudolf Augstein und mehrere Redakteure werden unter dem Vorwurf des Landesverrats verhaftet.
In der darauf folgenden Regierungskrise zieht die FDP ihre Minister zurück, Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß tritt zurück.
Zu Ostern 1963 fordern immer mehr Deutsche ein Ende des Wettrüstens und Abschaffung aller Atomwaffen. (Bild vom Ostermarsch 1968)
Am 28. August 1963 hält der Bürgerrechtler Martin Luther King in Washington vor 250.000 Menschen seine berühmte Rede "I have a dream". Ein Jahr später tritt in den USA das Bürgerrechtsgesetz zur Aufhebung der Rassendiskriminierung in Kraft.
Im Herbst 1964 protestieren auf dem Campus der Universität von Berkeley Studenten gegen das Verbot politischer Aktivitäten und gründen die Free-Speech-Bewegung.
Nach einem Redeverbot für den Schwarzenführer Malcolm X kommt es zu Tumulten. Schließlich wird im Dezember das Verbot der politischen Agitation in Berkeley aufgehoben.
Amerikanische Students for a Democratic Society (SDS) rufen im April 1965 gegen den Vietnamkrieg zum "Marsch auf Washington" auf.
Die Bundesrepublik erreicht die Studentenrevolte im Mai 1965. Nach einem Hausverbot für den Publizisten Erich Kuby demonstrieren Studenten der Freien Universität (Bild von der Gründung 1948) für Redefreiheit.
Neue Protestformen wie "Sit-ins" und "Go-Ins" werden erprobt. John Lennon und seine Frau Yoko One machen daraus das Bed-in. Auch in Frankfurt/Main gehen Studenten für Hochschulreformen auf die Straße.
Im Februar 1966 bringen Berliner Studenten den Verkehr auf dem Kurfürstendamm zum Erliegen. Sie rufen "Amis raus aus Vietnam!". (Bild aus Vietnam)
Nach der Wahl Kurt Georg Kiesingers zum neuen Bundeskanzler einer großen Koalition stehen 468 Unions- und SPD-Abgeordneten lediglich 50 oppositionelle FDP-Parlamentarier gegenüber.
Als Reaktion darauf ruft Rudi Dutschke zum Abschluss der Berliner Vietnamwoche zur Bildung der außerparlamentarischen Opposition auf.
Im Januar 1967 gründet sich in West-Berlin die legendäre Kommune I. Ziel der Bewohner ist die Revolution des Alltags durch die Abschaffung von Privateigentum und Leistungsprinzip. (Im Bild die Räume in der West-Berliner Stephanstraße 60 nach Auszug der WG)
Stattdessen werden freie Liebe und das Lustprinzip propagiert. (Uschi Obermaier 1970)
Am 2. Juni 1967 protestieren vor der Berliner Oper zahlreiche Demonstranten gegen den Besuch des iranischen Schah Reza Pahlewi. Nach Handgreiflichkeiten zwischen Studenten und persischen Geheimpolizisten versucht die Polizei, die Demonstration aufzulösen.
Dabei wird der Student Benno Ohnesorg erschossen.
In großen Schweigemärschen bringen daraufhin Hunderttausende ihre Trauer und ihren Protest zum Ausdruck.
Am 1. November 1967 rufen Studenten in Audimax der FU Berlin die "Kritische Universität" aus. In selbstorganisierten Arbeitsgruppen wollen sie Alternativen zur bestehenden Gesellschaft entwickeln.
In Hamburg entrollen Studenten ein Transparent mit dem Slogan "Unter den Talaren - Muff von 1000 Jahren".
Fast 3000 Menschen treffen sich im Februar 1968 auf der Internationalen Vietnamkonferenz des SDS an der Freien Universität Berlin.
In ihrer Schlusserklärung solidarisieren sie sich mit dem Vietcong und kündigen den Übergang vom Protest zum politischen Widerstand an. (Im Bild der Dichter Erich Fried)
Am 2. April 1968 legen Thorwald Proll, Horst Söhnlein, Andreas Baader und Gudrun Ensslin (v.l.) in zwei Frankfurter Kaufhäusern Feuer - aus Protest gegen den Kapitalismus, die Konsumgesellschaft und den Vietnamkrieg.
Mit der Brandstiftung ist der erste Schritt gemacht vom anarchistischen Politprotest der Studentenbewegung zum politisch motivierten Einsatz von Gewalt, aus dem später der Terror der RAF entsteht.
Am 4. April 1968 wird Martin Luther King in Memphis (Tennessee) ermordet.
Auf die Gallionsfigur des Studentenprotestes in Deutschland, Rudi Dutschke, wird am 11. April 1968 in Berlin geschossen. Dutschke überlebt den Kopfschuss nur knapp.
In vielen Städten kommt es zu schweren Straßenschlachten. Die Wut der demonstrierenden Studenten, Schüler, Arbeiter und Angestellten richtet sich zunehmend gegen den Springer-Konzern und seine "Bild"-Zeitung.
Am 3. Mai erreichen die Studentenproteste in Frankreich ihren Höhepunkt.
Die Sorbonne in Paris wird besetzt, Studenten liefern sich schwere Straßenschlachten mit der Polizei.
"Es ist verboten zu verbieten" - "Genießen ohne Zügel" - "Unter dem Pflaster der Strand": Die Slogans des Pariser Mai 68 ...
... vereinen mit unerreichtem Witz die Rebellion gegen eine autoritäre Gesellschaft und den Anspruch auf die pure Lust am Leben.
Die Arbeiterschaft solidarisiert sich mit den Studenten und fordert Selbstverwaltung in den Betrieben.
Staatspräsident Charles de Gaulle droht mit dem Ausnahmezustand und setzt Neuwahlen an.
Daraufhin bricht die Protestwelle der Studenten in sich zusammen. Die streikenden Arbeiter erhalten höhere Löhne sowie die Zusage zur 40- Stunden-Woche und nehmen nach und nach die Arbeit wieder auf.
Am 30. Juni gewinnen die Gaullisten die Parlamentswahl mit absoluter Mehrheit.
Auch in Deutschland geht es noch einmal heiß her. Der Bundestag diskutiert die Notstandsgesetze, mit denen die Handlungsfähigkeit des Staates in Krisensituationen gesichert werden soll.
Gewerkschaften und Studenten organisieren einen Sternmarsch auf Bonn. Laut Polizeischätzungen nehmen etwa 22.000, nach Angaben der Veranstalter bis zu 60.000 Menschen teil.
Dennoch verabschiedet der Deutsche Bundestag am 30. Mai 1968 mit einer Zweidrittel-Mehrheit die Notstandsgesetze. Diese Niederlage und die zunehmende Zersplitterung führen schließlich zum Niedergang der APO.
In der Nacht auf den 21. August 1968 marschieren Truppen des Warschauer Paktes mit gut 7.000 Panzern in die Tschechoslowakei ein und schlagen den "Prager Frühling" nieder.
Das Projekt eines "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" wird durch politische Verhältnisse nach Moskauer Vorbild ersetzt.
Auch in der DDR protestieren Menschen gegen den Einmarsch in die CSSR. Sie werden mit hohen Gefängnisstrafen, Strafversetzungen und tiefen Eingriffen in die Biographien, etwa durch die Verweigerung eines Studiums, bestraft.
In den USA stellt sich Lyndon B. Johnson nicht zur Wiederwahl,
in Frankreich tritt de Gaulle im April 1969 zurück. (Im Bild mit seiner Frau Yvonne)
Vom 15. bis 17 . August spielen 32 Bands und Solisten auf einem Feld in White Lake (New York) beim Woodstock Music and Art Festival. Die Hippie-Subkultur ist im Mainstream angekommen.
Im November 1969 demonstrieren in Washington 250.000 Menschen gegen den Vietnamkrieg. Der Krieg endet erst 1973.
Gemeinsam waren den Bewegungen in den USA, Westeuropa und selbst im sowjetischen Machtbereich (Bild aus Warschau) der Protest gegen den Vietnamkrieg, der Kampf gegen die herrschenden Autoritäten insbesondere in den Bereichen Bildung und Erziehung, ...
... für die Gleichstellung von Minderheiten sowie der Einsatz für mehr sexuelle Freiheiten.
In Deutschland entstehen infolge von 1968 neue Gesellschaftsmodelle und -konzepte. (Kinderladen in Bochum 1971)
Sozialbewegungen wie die Frauenbewegung, die sexuelle Revolution, die Schwulenbewegung, Ostermarsch- und Friedensbewegung, die Gründung der Grünen in der Bundesrepublik, sie alle verdanken ihre Initialzündung den 68ern.
Für viele Beteiligte sind die Endsechziger-Jahre zu ihrem persönlichen Mythos geworden. Diese Überhöhung speist sich nach Ansicht des Historikers Axel Schildt "nicht zuletzt aus ihrem unerwarteten Ausbruch, ihrer Vehemenz ...
... und dem auch von den Massenmedien vermittelten Gefühl der weltweiten Gleichzeitigkeit sowie dem Ineinandergreifen politischer und kultureller Momente.
Für die meisten Beteiligten war der Protest mehr Lebensgefühl als Ergebnis theoretischer Analyse. Aber deshalb war er noch lange nicht unpolitisch, sondern umschloss durchaus Utopien einer radikalen Gesellschaftsveränderung."
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