Freitag, 28. August 2009
"Deutsch-deutsches Tabuthema": 500.000 zogen in die DDR
Deutsch-deutsche Grenze: Nicht nur in den Westen wollten Menschen ziehen.
(Foto: picture-alliance/ dpa)
Rund 500.000 Bundesbürger sind zwischen Staatsgründung und Mauerfall in die DDR übergesiedelt. Dies hat der Historiker Bernd Stöver von der Universität Potsdam nach rund siebenjähriger Forschungsarbeit unter anderem in bisher verschlossenen Geheimdienstarchiven herausgefunden. Der Wechsel von West nach Ost sei bis heute "ein deutsch-deutsches Tabuthema", sagte Stöver am Donnerstagabend bei der Präsentation seiner Forschungsarbeit in Düsseldorf. Allerdings ermittelte der Wissenschaftler zwischen 1950 und 1990 auch mehr als 5,2 Millionen "Zuzüge" aus der DDR in die Bundesrepublik.
Nach Stövers Erkenntnissen waren zwei Drittel der Bundesbürger, die Richtung Osten "rübergemacht" haben, Männer im Alter zwischen 15 und 25 Jahren. Die meisten von ihnen seien Handwerker oder Arbeiter gewesen. Sie seien - politisch naiv - häufig von den versprochenen sozialen Besserstellungen wie Arbeitsgarantie oder geringe Mieten in der DDR angelockt worden. Da viele Übersiedler der frühen Jahre noch unter der NS-Diktatur aufgewachsen seien, hätten sie auch die "Zumutungen" des SED-Staates nicht schrecken können, sagte Stöver.
Bisky und Biermann
Andere trieben Schulden oder eine zu erwartende Gerichtsstrafe in die DDR. Auch ein erhoffter Studienplatz sei - wie etwa beim Linken-Parteichef Lothar Bisky - Grund für den Weg gen Osten gewesen, sagte der Potsdamer Wissenschaftler. Nur in vergleichsweise wenigen Fällen hätten direkt politische Gründe die Westdeutschen zur DDR-Übersiedlung veranlasst. Dies sei etwa bei dem Liedermacher Wolf Biermann der Fall gewesen, den der antifaschistische Kurs der DDR überzeugt habe, erklärte der Historiker.
Bei genauer Betrachtung der Übersiedlungsgründe sei der Weg der Westdeutschen in die DDR "kein Sonderfall der Migrationsgeschichte", bei der in allen Zeiten grundsätzlich der Wunsch nach persönlicher Besserstellung sowie nach ökonomisch-sozialer Sicherheit im Vordergrund stehe. Erst die ideologischen Auseinandersetzungen des Kalten Krieges hätten dieses Phänomen politisch aufgeladen, betonte Stöver. Die Zahl der Übersiedler nach Osten zeige aber auch, dass die politischen Kämpfe des Kalten Krieges im persönlichen Leben der Deutschen kaum eine Rolle gespielt hätten.
Die nach seinen Angaben erste Gesamtdarstellung der West-Ost-Wanderung hat der Potsdamer Historiker unter dem Titel "Zuflucht DDR" in der Reihe Historische Bibliothek der Düsseldorfer Gerda Henkel Stiftung (Verlag C. H. Beck) vorgelegt. Im Mittelpunkt stehen dabei auch individuelle Fälle vom Weggang in die DDR wie etwa des Bundeswehrmajors Bruno Winzer, des Spions Günter Guillaume oder des RAF-Mitgliedes Inge Viett.
dpa
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