Politik
Hungersnöte wie in den 70er und 80er Jahren werden seltener, so die Deutsche Welthungerhilfe. Dennoch gibt es Ausnahmen, wie die Hungerkrise am Horn von Afrika 2011.
Hungersnöte wie in den 70er und 80er Jahren werden seltener, so die Deutsche Welthungerhilfe. Dennoch gibt es Ausnahmen, wie die Hungerkrise am Horn von Afrika 2011.(Foto: REUTERS)

Trotz hoher Lebensmittelproduktion: 870 Millionen leere Bäuche

Jede dritte Sekunde stirbt ein Kind an Hunger. Allein in Indien sind 220 Millionen Menschen unterernährt. "Dass Menschen heute hungern, liegt nicht mehr daran, dass es zu wenig Lebensmittel auf der Welt gibt", sagt der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Welthungerhilfe, Wolfgang Jamann, bei n-tv.de. Es ist ein globales Armutsproblem.

n-tv.de: Wo ist aktuell der Hunger am schlimmsten?

Wolfgang Jamann: Wir geben jedes Jahr den Welthungerindex heraus und am Schluss der Tabelle sind Länder wie Eritrea, Haiti und Burundi. Auch im Kongo in Zentralafrika hungern viele Menschen. Das sind alles Länder mit einem sehr schwachen Staat, die deshalb ihre Hungerproblematik nicht in den Griff bekommen. Ein Großteil der Hungernden lebt tatsächlich in Subsahara-Afrika.

Warum sind häufig afrikanische Staaten von Hunger betroffen?

Fast jedes zweite indische Kind ist unterernährt. Die Quote ist doppelt so hoch wie die in Subsahara-Afrika.
Fast jedes zweite indische Kind ist unterernährt. Die Quote ist doppelt so hoch wie die in Subsahara-Afrika.(Foto: REUTERS)

Die Hauptursache ist sicherlich, dass viele Länder schlecht regiert werden. Wir merken aber auch Fortschritte. Dort, wo es stabile Regierungen gibt, wie beispielsweise in Ghana oder in Ruanda, geht es aufwärts. Tatsächlich sind aber die meisten Hungernden Inder - mehr als 220 Millionen Menschen leiden dort. Dabei ist Indien eine Region, in der Menschen eigentlich nicht an Hunger leiden müssten, weil dort mittlerweile sehr viel Wohlstand herrscht.

Was für Perspektiven haben diese Regionen?

Der Prozess ist interessant. In vielen Ländern Schwarzafrikas haben sehr starke wirtschaftliche Entwicklungen eingesetzt. Da gibt es jetzt Mittelschichten, die eine hohe Dynamik entfalten, die von sehr starken Wachstumsraten profitieren. Es kommt jetzt darauf an, die armen und hungernden Menschen in diesen Ländern mitzunehmen. Das heißt, ihnen muss man die Chance geben, an dieser wirtschaftlichen Dynamik teilzuhaben. Da sind natürlich die jeweiligen Regierungen gefragt. In Brasilien haben wir gesehen, dass das geht.

Die UN warnen vor zunehmendem Hunger in Syrien. In den Flüchtlingscamps fehlt es an Grundnahrungsmitteln wie Brot. Wie arbeiten Sie in Kriegsregionen gegen den Hunger?

Gemeinsam mit unserer tschechischen Partnerorganisation, mit der wir in einem europäischen Netzwerk arbeiten, haben wir Hilfen an den Grenzen zu Syrien gestartet. Unsere Nothilfeexperten haben die Situation geprüft und Vorschläge für eine sinnvolle Hilfe gemacht. Die Verteilung der Hilfsgüter übernehmen lokale Partner, die viel besser mit den Situationen umgehen können.

Reichen die Hilfsmittel aus, um die Flüchtlinge jetzt im Winter zu versorgen?

Nach UN-Angaben sind rund eine halbe Million Syrer auf der Flucht. In den Flüchtlingscamps auf syrischer Seite wird die Lebensmittelsituation im Winter dramatisch schlechter.
Nach UN-Angaben sind rund eine halbe Million Syrer auf der Flucht. In den Flüchtlingscamps auf syrischer Seite wird die Lebensmittelsituation im Winter dramatisch schlechter.(Foto: REUTERS)

Die Situation wird immer dramatischer. Das ist ja schon lange keine politische Katastrophe mehr, sondern auch eine humanitäre. Insgesamt ist die internationale Gemeinschaft auf solche Situationen eingestellt. Wir brauchen da allerdings Unterstützung von den politisch Handelnden, auch von den Nachbarregierungen. An der Logistik wird es nicht fehlen und sicherlich auch nicht am Spendenwillen der Menschen hier in Deutschland. Es ist immer die eine Frage: Haben wir ausreichend Zugang zu diesen Menschen? Kommen die Menschen in sichere Flüchtlingslager? Dann kann ihnen auch von uns geholfen werden.

Die Welthungerhilfe kooperiert mit örtlichen NGOs, um die Hilfe zu den Betroffenen zu bringen. Wie gewährleisten Sie, dass das Geld auch wirklich ankommt?

Tatsächlich sind wir noch in vielen Ländern selbst vor Ort präsent. Wir benutzen ausgefeilte Monitoring-Systeme, die jedes Jahr extern überprüft werden. Außerdem liegen unsere Verwaltungskosten unter zwei Prozent und wir arbeiten in aller erster Linie mit Partnerorganisationen zusammen, an denen Regierungen nicht beteiligt sind. Und die werden auch überprüft, da wird auch dafür gesorgt, dass kein Schindluder getrieben wird. Wir machen extrem gute Erfahrungen bei der Zusammenarbeit mit lokalen Partnerorganisationen, die uns schon lange kennen und deren Fähigkeiten, mit Geld gut umzugehen, wir übrigens auch ausbauen.

Seit 1962 gibt es die Deutsche Welthungerhilfe. Wie hat sich Ihr Engagement in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Seit 2009 steht Wolfgang Jamann an der Spitze der Deutschen Welthungerhilfe. Er war selbst auch als Entwicklungshelfer unterwegs - unter anderem in Ostafrika.
Seit 2009 steht Wolfgang Jamann an der Spitze der Deutschen Welthungerhilfe. Er war selbst auch als Entwicklungshelfer unterwegs - unter anderem in Ostafrika.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Wir sind damals im Kontext mit einer Hungerkrise in Indien gegründet worden. In den 60er Jahren hat die FAO, die UN-Welternährungsorganisation, fast die Hälfte der Menschen als arm und hungernd definiert. Das wollte man nicht länger hinnehmen. Mehr Lebensmittel mussten produziert werden. Mittlerweile ist die Situation ganz anders. Es hungern "nur noch" 14 Prozent der Weltbevölkerung. Das heißt, es hat deutliche Fortschritte gegeben. Dass Menschen heute hungern, liegt nicht mehr daran, dass es zu wenig Lebensmittel auf der Welt gibt. Hunger ist vielmehr ist ein Armutsproblem und insofern zielt unsere Arbeit immer mehr auf die Armutsbekämpfung ab. Wir investieren beispielsweise in die Bildung von Menschen, um ihnen Lebensperspektiven zu eröffnen.

Haben die Hungerkatastrophen heute ein anderes Gesicht?

Die Hungerkatastrophen, die wir noch aus den 70er, 80er Jahren kennen, gibt es so kaum noch. Es gibt Ausnahmen - wie am Horn von Afrika im letzten Jahr wegen der Dürre. Die meisten Betroffenen dort waren Flüchtlinge aus Somalia, ein Land, das fast gar nicht an Entwicklungschancen teilhaben kann. Aber dieses massenhafte Verhungern von Menschen, wie es mal in Äthiopien in den 80er Jahren war, das finden wir eigentlich kaum noch. Viele Länder, wie dieses Jahr in Westafrika, schaffen es frühzeitig auf Dürren zu reagieren. Die Internationale Gemeinschaft hat mittlerweile viele Frühwarnsysteme etabliert und ich glaube, da ist man viel besser in der Lage, mit der Bedrohung umzugehen.

Wenn es theoretisch genügend Essen gibt, was sind dann die Ursachen für Hunger?

Wenn Kinder hungern, wachsen sie langsamer und hängen oft auch in der geistigen Entwicklung zurück. Sprachstörungen und Schwerhörigkeit können auch eintreten.
Wenn Kinder hungern, wachsen sie langsamer und hängen oft auch in der geistigen Entwicklung zurück. Sprachstörungen und Schwerhörigkeit können auch eintreten.(Foto: picture alliance / dpa)

Hunger ist keine Katastrophe im herkömmlichen Sinne, die über Menschen hereinbricht. Hunger ist ein strukturelles Problem. Die Hungernden sind mangel- oder unterernährt und deshalb oft krank und schwach. Kinder wachsen beispielsweise langsamer und weniger. Das ist das Gesicht des heutigen Hungers. Die Ursachen für Hunger sind vielfältig. Meist liegt es daran, dass sich Menschen die Lebensmittel, die oft vorhanden sind, einfach nicht leisten können. Sie sind arm. Viele Hungernde sind tatsächlich Kleinbauern. Ihnen fehlt es etwa an Investitionen und an dem Wissen um bessere Anbaumethoden. Und ein großes weiteres Problem ist globaler Natur: Die Schieflage in internationalen Handelsbeziehungen. Essen wird immer noch zulasten der Entwicklungsländer produziert - für Biosprit beispielsweise. Leider wird mittlerweile auch mit Nahrungsmitteln spekuliert und das trägt zu der sich verschärfenden Hungersituation bei.

Wie wird sich das Hungerproblem in den nächsten Jahren entwickeln?

Der Klimawandel wird, wie einige andere Globaltrends, sicherlich verschärfend hinzukommen. Es liegt zum Teil daran, dass die Ressourcen immer knapper werden. Es gibt immer weniger Grund und Boden. Jedes Jahr geht so viel Ackerland durch Verwüstung und Versteppung verloren, wie die Bundesrepublik alleine an Anbaufläche hat. Und das hat mit dem Klimawandel zu tun - eindeutig. Hinzukommen aber auch andere Trends: Die Bevölkerung wächst weiter, es gehen sehr viele Menschen in die Städte und finden dort ganz oft keine wirklichen Lebensperspektiven. Ein Teil der Armut verlegt sich in die Städte. Die Weltbevölkerung wird auch immer jünger, immer mehr Menschen brauchen eine Perspektive abseits der ländlichen Räume.

Jeder achte Mensch hungert. In Entwicklungsländern ist eines von vier Kindern untergewichtig. Woher nehmen Sie die Motivation, weiterzumachen?

Es gibt tatsächlich viele Erfolge. Nicht nur im Kleinen, sondern auch im Großen. Es ist "nur noch" jeder achte Mensch, der hungert. Das sind immer noch zu viele, aber es war in den 60er Jahren jeder dritte Mensch auf der Erde. Insofern hat sich da ganz, ganz viel getan. Unsere Motivation ziehen wir aus den Erfolgen, aber auch daraus, dass humanitäre Hilfe auch immer notwendig sein wird. Globale Solidarität ist genauso notwendig wie der Umstand, dass Menschen Ärzte brauchen.

Mit Wolfgang Jamann sprach Freya Reiß

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Quelle: n-tv.de

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