Politik
"Ich nehme ihm nicht ab, dass er jetzt der sozial gerechte Steinbrück ist. Ich glaube, er wird die SPD in eine Große Koalition führen.", sagt Niema Movassat über Peer Steinbrück.
"Ich nehme ihm nicht ab, dass er jetzt der sozial gerechte Steinbrück ist. Ich glaube, er wird die SPD in eine Große Koalition führen.", sagt Niema Movassat über Peer Steinbrück.

Junge Abgeordnete: Niema Movassat, Linke: "Alter ist nur eine biologische Klammer"

Sind jüngere Politiker wilder und engagierter als ältere? Wir fragen nach bei den jeweils jüngsten Mitgliedern aller Fraktionen im Bundestag. Heute: Niema Movassat. Er ist Jahrgang 1984 und seit 2009 Mitglied des Deutschen Bundestags. Auch dem nächsten dürfte er angehören: Er kandidiert auf Listenplatz 6 der nordrhein-westfälischen Linken.

n-tv.de: Sind jüngere Politiker wilder, motivierter, engagierter als ältere Politiker?

Niema Movassat: Die meisten jüngeren Politiker sind vor allem neu im Bundestag und haben daher noch nicht so viel parlamentarische Erfahrung. Das bedeutet, dass man ein paar frischere Ideen und einen anderen Stil mitbringt, dass man ein bisschen unkonventioneller an Dinge herangeht.

Haben Sie festgestellt, dass es fraktionsübergreifend Gemeinsamkeiten zwischen Ihnen und anderen jungen Abgeordneten gibt, die es zwischen Ihnen und älteren Fraktionskollegen nicht gibt?

Die größte Gemeinsamkeit der jüngeren Abgeordneten ist wohl, dass sie frisch dabei sind. Aber was die politischen Inhalte angeht, da ist die Übereinstimmung mit jedem Fraktionskollegen größer als mit jüngeren Kollegen aus anderen Fraktionen. Alter ist schließlich keine politische, sondern nur eine biologische Klammer.

In allen Fraktionen gibt die Generation der um die oder über 60-Jährigen den Ton an. Wie sorgen Sie nach der Wahl dafür, dass Jüngere auf die wichtigen Posten kommen?

Ich hätte eine Führungsrolle in meiner ersten Legislaturperiode nie angestrebt. Das politische Geschäft ist ja nicht immer einfach, da ist es schon sinnvoll, wenn das Leute machen, die eine gewisse Routine haben. Gregor Gysi ist wegen seiner politischen Erfahrung unser Spitzenkandidat, nach der Wahl soll er darum auch Fraktionschef bleiben. Neue Abgeordnete brauchen Zeit, sich in Themen einzuarbeiten und Profil zu gewinnen. So gewinnt man Akzeptanz in einer Fraktion, indem man fachlich arbeitet.

Finden Sie, dass das Wahlalter heruntergesetzt werden sollte?

Ja, ich finde, das Wahlalter sollte auf 16 heruntergesetzt werden. Junge Menschen beschäftigen sich heute sehr viel früher mit politischen Themen, Internet und digitale Medien sorgen dafür, dass das wesentlich früher stattfindet. Deshalb wäre es sinnvoll, wenn sie auch früher wählen könnten. Nebenbei hätte das noch den Effekt, dass die Politik gezwungen wäre, sich mehr mit den Interessen junger Menschen auseinanderzusetzen. Junge Menschen sind im Besonderen von Problemen auf dem Arbeitsmarkt betroffen: Dumping-Löhne, Leiharbeit, Zeitverträge. Wenn sie wählen dürften, wäre die Politik gezwungen, ihre Sorgen und Nöte ernster zu nehmen.

Was wollen Sie im nächsten Bundestag machen?

Ich habe in den vergangenen vier Jahren im Bereich Entwicklungspolitik und internationale Politik gearbeitet, das würde ich gern fortsetzen. Mir geht es um globale Gerechtigkeit: 10 Prozent der Weltbevölkerung besitzen 85 Prozent des Weltvermögens, gleichzeitig leiden eine Milliarde Menschen Hunger. Das ist für mich spannend: Was können und müssen wir im globalen Norden an unserem Wirtschaftssystem ändern, um diese Ungerechtigkeit einzudämmen? Und natürlich die Friedenspolitik, die ja auch zum Bereich der internationalen Politik gehört. Friedenspolitik war für mich der Grund, warum ich überhaupt politisch aktiv geworden bin.

Wie finden Sie die Bundeskanzlerin?

Die Bundeskanzlerin hat ja den Spitznamen Teflon-Merkel - alles gleitet an ihr ab. Man wünschte sich schon, dass eine Kanzlerin ein klares politisches Profil hat und sich nicht nur durchwurschtelt. Bei der konkreten Politik, die sie dann macht - bei der Euro-"Rettungspolitik", der Bankenrettung, beim Spardiktat für die Krisenländer -, da orientiert sie sich ganz klar an den Interessen der Großkonzerne und Banken.

Wie finden Sie den Kanzlerkandidaten der SPD?

Ja, Steinbrück ... (lacht). Steinbrücks Problem ist sein Mangel an Glaubwürdigkeit. Er spricht sich ja jetzt für einen Mindestlohn aus. Vor einigen Jahren war er noch dagegen. Aus seiner Zeit als Bundesfinanzminister gibt es Zitate von ihm, in denen es heißt, man könne die Finanzmärkte nicht regulieren. Jetzt will er genau das tun. Er steht in der Tradition einer neoliberalen SPD. Ich nehme ihm nicht ab, dass er jetzt der sozial gerechte Steinbrück ist. Ich glaube, er wird die SPD in eine Große Koalition führen.

Mit Niema Movassat sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen