Politik
Donald Trump hat in den USA viele Fans. Mindestens ebenso viele Amerikaner finden ihn allerdings peinlich.
Donald Trump hat in den USA viele Fans. Mindestens ebenso viele Amerikaner finden ihn allerdings peinlich.(Foto: dpa)
Dienstag, 01. November 2016

Szenen aus dem US-Wahlkampf: "Andere Länder würden wir auslachen"

Von Hubertus Volmer, Chicago

Dass die USA ein gespaltenes Land sind, ist zur Standardfloskel der Berichterstattung über den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf geworden. Es stimmt auch – aber nicht immer. Eindrücke und Szenen aus dem Wahlkampf in den USA, gesammelt in Chicago und Ohio.

Hidschab am Airport

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Ankunft auf dem Flughafen von Chicago. Vor der Passkontrolle steht eine Frau mit Hidschab. Keine Reisende, sie ist eine Airport-Angestellte, die die Ankömmlinge auf die Warteschlangen verteilt. Der Grenzbeamte fragt routinemäßig, was man in den USA vorhat. Journalist? Wen man lieber mag, Hillary Clinton oder Donald Trump. Die Antwort kommentiert er mit schweigendem Grinsen. Ein Schild an seinem Revers zeigt, dass er einen polnischen Namen trägt, sein Englisch hat den dazu passenden Akzent.

Ein Tipp von Richard

Richard, einem 55 Jahre alten Schuhputzer in Chicago, ist völlig egal, wer die Wahl gewinnt. Wählen darf er ohnehin nicht, nach einer Haftstrafe hat er lebenslange Wahlsperre. Richard ist nicht enttäuscht von der Politik, sie interessiert ihn einfach nicht. Dafür hat er viele andere Geschichten auf Lager. Sein wichtigster Ratschlag: Man sollte keinen Job machen, der einem keinen Spaß macht. Er selbst putze seit 48 Jahren Schuhe, sagt er.

"Andere Länder würden wir auslachen"

Ein fit aussehender Mittvierziger kommt aus einem Wahllokal in Chicago, wo man jetzt schon seine Stimme abgeben kann. Er hat gerade Hillary Clinton gewählt, aber er kann verstehen, dass sie vielen Amerikanern nicht gefällt. Donald Trump findet er allerdings noch viel furchtbarer. "Ich kann kaum erwarten, dass dieser Wahlkampf endlich vorbei ist. Es ist eine Blamage vor den Augen der Welt. Wenn das in einem anderen Land passieren würde, würden wir sie auslachen." Eine andere Wählerin sagt, sie sei eigentlich völlig unpolitisch. "Aber wenn Trump gewinnt, dann wandere ich aus."

Made in America

"Amerika ist ein Unternehmen", sagen Trump-Anhänger häufig, deshalb wäre ein Unternehmer der beste, um es zu führen. John sieht das auch so. In der Stadt Toledo in Ohio hockt er vor einem Tisch, auf dem Baseballmützen und T-Shirts von Donald Trump verkauft werden. Trump war für ihn schon immer eine Figur, an der er sich orientiert hat. Ein Typ wie John Wayne. "Er macht was er sagt und er sagt was er macht." An der Politik der USA stört ihn unter anderem, dass Arbeitsplätze exportiert werden. "Egal, was man kauft, Hosen, Pullover, nie steht 'Made in America' dran." Dass Trumps Wahlkampf-Basecaps in China produziert würden, ist ein falsches Gerücht (sie werden in Kalifornien gemacht). Aber seine kommerziell vermarkteten Produkte lässt Trump größtenteils im Ausland herstellen. Er ist eben Unternehmer.

"Nicht einmal Clinton kann die USA ruinieren"

Carmelo Ruta hat den amerikanischen Traum wahrgemacht. Er kam 1962 als armer Schlucker aus Sizilien in die USA und hat sich hochgearbeitet. Heute gehören ihm mehrere Hotels in Sandusky am Eriesee, einer Urlaubsregion. Er trägt ein Trump-Polohemd und ist ein großer Fan des republikanischen Präsidentschaftskandidaten. In Ohio gebe es keine Fabriken mehr, weil Obama die Jobs in andere Länder verkauft habe. Trump ist für ihn eine ehrliche Person, die das Land nach vorne bringen will, Clinton sei dagegen "eine totale Heuchlerin, eine Lügnerin". Überhaupt seien die Demokraten Sozialisten geworden. Was passiert, wenn sie Präsidentin werden sollte? "Dieses Land ist das beste der Welt. Selbst Clinton würde es nicht schaffen, die USA zu ruinieren."

Landesverräterin Clinton

Die hauptamtliche Trump-Wahlkämpferin ist immer noch fassungslos. "Ich kann nicht glauben, dass Hillary Clinton im Fernsehen gesagt hat, dass unsere Vorwarnzeit für Atomschläge vier Minuten beträgt." Sie spricht über die dritte Fernsehdebatte der beiden Präsidentschaftskandidaten. "Es vergehen ungefähr vier Minuten, nachdem der Befehl gegeben wurde, bis die verantwortlichen Leute die Nuklearwaffen starten", hatte Clinton darin gesagt. War das denn nicht bekannt? "Nein, so etwas ist geheim", sagt die Wahlkämpferin. Auch in den sozialen Netzwerken und den einschlägigen Nachrichtenseiten wird Clinton Landesverrat vorgeworfen, beim konservativen Sender Fox News gingen immerhin die Augenbrauen hoch. Der Haken: Der Vorwurf ist frei erfunden. Egal. Es gibt gute Gründe, warum Clinton in den USA unbeliebt ist. Aber der Hass, der ihr von Trump-Anhängern entgegenschlägt, ist rational nicht zu erklären.

Schreckliches Wetter, oder?

"Und, was machen Sie in Cleveland?", fragt die Kellnerin in einer Sport-Bar. Hillary Clinton und Donald Trump haben hier am Freitag und am Samstag Wahlkampfauftritte. Ihr Lächeln verschwindet für einen Moment. Dann sagt sie: "Schreckliches Wetter, oder? Naja, am Sonntag soll es besser werden."

"Gut, so etwas zu hören"

Die klassischen Hillary-Anhängerinnen sind Frauen in den besten Jahren. Zum Beispiel Melanie. Spielt es eigentlich noch eine so große Rolle, dass Clinton die erste US-Präsidentin wäre? "Oh ja!", sagt sie am Rande einer Clinton-Kundgebung. "Meine beiden Töchter sind Feministinnen", fügt sie mit hörbarem Stolz hinzu. Trump hält sie für einen "Witz". Dann hat sie ein paar Fragen an den Journalisten aus Deutschland. Ob er die dritte TV-Debatte gesehen habe. Ja, mit Republikanern, und das seien auch alles nette Leute gewesen. Sie wirkt überrascht. "Gut, so etwas zu hören."

Selfies mit John

"Diese Kameras werden nie zeigen, wie groß diese Menschenmenge ist", ruft Trump seinen Anhängern bei der Kundgebung in Cleveland zu. Er sagt so etwas häufig, meist stimmt es nicht. Heute passiert es nicht, aber später werden US-Medien berichten, dass auf Trump-Veranstaltungen mittlerweile "Lügenpresse" skandiert wird – auf Deutsch. Hier in Cleveland stehen Zuschauer, vor allem Zuschauerinnen, Schlange, um ein Selfie mit einem braungebrannten TV-Journalisten zu machen. Es ist John Roberts von Fox News. Merke: Die Medien sind nur böse, wenn sie nicht das berichten, was man hören will.

Die Anti-Freihandels-Botschaft ist Trumps Trumpf

Youngstown in Ohio ist normalerweise eine Hochburg der Demokraten. Das ist vorbei. Warum? "Es gibt mehrere Gründe", sagt der Politologe Paul Sracic. "Die Leute, die für Trump gestimmt haben, sehen ihn nicht unbedingt als Republikaner. Sie wissen, dass seine Partei gegen ihn ist." Vor allem aber habe Trump eine Botschaft, die hier ankomme: Er lehnt die Freihandelsverträge ab. "Wie wichtig diese Botschaft in diesem Teil des Landes ist, kann man überhaupt nicht überbewerten. Die Wähler hier geben dem Freihandel die Schuld an all ihren wirtschaftlichen Problemen. Das machen sie bereits seit vierzig Jahren. Aber jetzt haben sie endlich einen Präsidentschaftskandidaten, der sagt, was sie schon immer gedacht haben."

"Manipuliert ist das neue Normal"

Die Distanz zwischen dem politischen Establishment – was immer das auch ist – und vielen Amerikanern ist wirklich groß. Die meisten Journalisten, Politiker und Politologen sind der Ansicht, dass es zwar immer wieder Probleme bei Wahlen gibt, dass sie aber nicht "completely rigged" sind, also völlig manipuliert, wie Trump sagt. "Trump macht 'rigged' zum neuen Normal", witzelt ein Kolumnist in der "Chicago Tribune".

Die gefühlte Wahrheit ist stärker

In Texas, wo man jetzt schon wählen kann, würden Wahlmaschinen "Hillary Clinton" anzeigen, nachdem Leute auf "Donald Trump" gedrückt haben, erzählt Chelsea, die sich in einer Bar gerade ein Baseball-Spiel der Chicago Cubs gegen die Cleveland Indians ansieht. "Und niemand berichtet darüber!" Das stimmt zwar nicht. Aber einer Umfrage zufolge glauben 41 Prozent der Wähler, dass ein Clinton-Sieg die Folge von Wahlbetrug wäre. "70 Prozent der Leute wählen Trump", weiß Chelsea. Auch in den USA ist die gefühlte Wahrheit für viele längst stärker geworden als Fakten.

Quelle: n-tv.de

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