Politik
Demonstrationen gehören in Tunesien mittlerweile zum politischen Alltag. Jahrzehntelang waren sie verboten.
Demonstrationen gehören in Tunesien mittlerweile zum politischen Alltag. Jahrzehntelang waren sie verboten.(Foto: REUTERS)
Freitag, 09. Oktober 2015

Nobelpreis geht nach Tunesien: "Andere haben dafür Jahrzehnte gebraucht"

Die Friedensnobelpreisträger 2015 haben vor knapp zwei Jahren Amel Karboul zur Ministerin ernannt. Sie hat dabei geholfen, Tunesiens neue Freiheit zu bewahren. Im Interview erzählt sie, wie ihr Land damals knapp einem Bürgerkrieg entging.

n-tv.de: Guten Tag, Frau Karboul.

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Amel Karboul: Hallo. Entschuldigung. Ich habe noch Tränen in den Augen.

Wie haben Sie es erfahren?

Mein Lebensgefährte hat mir gerade eine SMS geschickt. Ich konnte nur noch weinen. Die letzten Monate waren echt hart. Wir haben in Tunesien oft das Gefühl, dass unser Erfolg nie richtig gesehen wurde. Dabei haben wir innerhalb von wenigen Jahren aus einer Diktatur eine Demokratie gemacht. Andere Revolutionen haben dafür Jahrzehnte gebraucht. Der Preis gibt uns Hoffnung. Auch in dieser schwierigen Zeit geht es weiter voran.

Wie war Ihre Verbindung zum Dialogquartett, das nun ausgezeichnet wurde?

Nach der Revolution gab es 2013 mehrere politische Morde, was für Tunesien sehr ungewöhnlich war. Das Volk ging auf die Straße und sagte: Das ist nicht das Tunesien, in dem wir leben wollen. Das Quartett aus Gewerkschaften, Arbeitgebern, Rechtsanwälten und Menschenrechtlern hat dann vermittelt und die regierende islamistische Partei Ennahda dazu gebracht, die Macht abzugeben. Das war schon unglaublich. Und dann haben diese Organisationen eine Regierung aus Experten zusammengestellt. Einer dieser Experten war ich.

Amel Kaboul.
Amel Kaboul.

Wie kam es, dass vier Organisationen, die keine Parteien sind, die Regierung bilden konnten?

Es ging darum, eine unparteiische, neutrale Regierung zu finden, damit Tunesien keine Entwicklung wie Syrien oder Libyen nimmt. Unsere Aufgabe war, den Übergang abzuschließen und transparente und demokratische Wahlen zu organisieren. Das hat stattgefunden und so konnten wir Anfang 2015 das Land in die Hände einer demokratisch gewählten Regierung übergeben.

Amel Karboul

Amel Karboul war Managerin und Unternehmensberaterin und wurde im Januar 2014 Mitglied der Übergangsregierung in Tunesien. Sie leitete das Tourismusministerium und war damit für den wichtigsten Wirtschaftszweig und die wichtigste Einnahmequelle des Landes verantwortlich. Jetzt berät sie mit ihrer NGO "Maghreb Economic Forum" die Regierung und fördert soziale Projekte.

Hat die Zivilgesellschaft Tunesien damit vor einem Bürgerkrieg bewahrt?

Definitiv. Der Nobelpreis gehört dem tunesischen Volk, der Zivilgesellschaft, den Menschen, die täglich auf der Straße waren. Sie waren zu Hunderten und Tausenden vor dem Parlament und dabei immer friedlich, auch nach den Morden. Im Sommer 2013 gab es Momente, da hatte ich schon aufgegeben. Die Revolution hatte uns so viel Hoffnung gegeben und jetzt dachte ich: Wir gehen den gleichen Weg wie Libyen. Und dann bekam ich ein paar Monate später einen Anruf von Ministerpräsident Mehdi Jomaâ. Er sagte: "Dein Land braucht dich."

Muss man nicht auch heute noch Angst haben, dass die Demokratie in Tunesien wieder zusammenbricht? Es gibt Terroranschläge und die Zahl der Touristen sinkt, was zu wirtschaftlichen Problemen führt.

Die Demokratisierung Tunesiens

Der Friedensnobelpreis geht 2015 an das Dialogquartett aus vier tunesischen Organisationen. In Tunesien hatte sich im Dezember 2010 ein Gemüsehändler verbrannt, der unter der Willkür der Behörden litt. Es folgten Proteste. Diktator Ben Ali musste das Land verlassen. Die ersten freien Wahlen gewann die islamistische Partei Ennahda. 2013 kam es zu Ermordungen oppositioneller Politiker, was neue Proteste auslöste. Das Dialogquartett erreichte, dass die Ennahda ihre Macht einer Expertenregierung übergab, die eine neue Verfassung ausarbeitete. Mehrere Terroranschläge haben seitdem das Land erschüttert. Die Tunesier fürchten, dass deswegen dauerhaft Touristen fern bleiben, was der Wirtschaft schwer schaden würde.

Wie lange kann eine Demokratie halten, wenn die Wirtschaft sich nicht entwickelt, wenn es Armut gibt? Tunesien liegt in einer Region, die mehr als ein Problem mit sich bringt. Wie soll dieses Land alleine einen politischen, einen wirtschaftlichen, einen gesellschaftlichen Übergang schaffen? Ich hoffe, dass die Europäer durch den Nobelpreis verstehen, dass wir Hilfe brauchen. Es geht dabei auch nicht nur um uns: Tunesien kann einer ganzen Region, Hunderten von Millionen Menschen, Hoffnung geben. Hoffnung hilft, immer noch einen Tag weiterzumachen.

Welche Hilfe braucht das Land jetzt?

Auf jeden Fall auf der wirtschaftlichen Ebene …

Also Entwicklungshilfe?

Ich spreche eher von Partnerschaften auf Augenhöhe. Ein Beispiel: Ein Bekannter von mir hat eine IT-Firma mit einer innovativen Software. In Deutschland hielt man es für einen Witz, als er sein Produkt verkaufen wollte. Erst als er die Bank of England als Kunden gewonnen hatte, wurde seine Firma auch in anderen Ländern beachtet. Es gibt in Tunesien und in ganz Afrika viel an Innovation, aber die Länder werden nicht als Partner gesehen. Es geht hier um viel mehr als um Entwicklungshilfe.

Tunesien war der Ausgangspunkt des Arabischen Frühlings. Andere Länder sind mit ihren Revolutionen gescheitert. Wie haben Sie die Zeit damals verfolgt?

Ich war leider nicht im Land, als Diktator Ben Ali gestürzt wurde. Aber weltweit haben wir Tunesier das verfolgt und sind für die Demonstrationen nach Hause gekommen. Die Misserfolge, die wir um uns herum gesehen haben, haben uns noch mehr Kraft gegeben. Wir wussten: Es geht nicht nur um uns, sondern um die Region. Wir stehen für etwas Größeres.

Haben Sie absehen können, dass sich andere Länder anders entwickeln? In Ägypten herrscht wieder eine Militärdiktatur und in Syrien tobt der Bürgerkrieg.

Nein, das konnte niemand sehen. Die Welt verändert sich so schnell. Da verbrennt sich ein Gemüsehändler und es verändert sich die ganze Welt. [Siehe Kasten.]

Gibt es etwas, das der Westen tun kann, um Ländern dabei zu helfen, dass sie sich in die richtige und nicht in die falsche Richtung bewegen?

Auf jeden Fall. Es klingt vielleicht nach einem komischen Vergleich, aber: Nach Griechenland fließen Hunderte Milliarden. Wenn ein kleiner Bruchteil davon nach Tunesien ginge, könnte es dem Land ganz anders gehen. Ich denke, dass sich Europa nicht als eine Einheit sehen darf, die mit seinen Nachbarn nichts zu tun hat. Man sieht es doch an den Flüchtlingen: Europa, der Nahe Osten und Nordafrika sind gemeinsam eine Region und wir werden entweder gemeinsam reich oder gemeinsam arm.

Mit Amel Karboul sprach Christoph Herwartz

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Quelle: n-tv.de

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