Politik
Nur wenige arme Kinder treiben Sport.
Nur wenige arme Kinder treiben Sport.(Foto: imago stock&people)

Kein Geld, kein Urlaub, keine Bildung: Arme Kinder starten schwer ins Leben

Von Diana Sierpinski

Was bedeutet Kinderarmut in Deutschland? Wie eine Studie offenbart, ist der Alltag von über zwei Millionen Kindern stark von Verzicht geprägt - zur chronischen Geldnot kommt noch ein dickes Bündel an Problemen obendrauf.

Kein Geld für den Schulausflug, keine neue Winterjacke, keine Urlaubsreise mit den Eltern: Jedes fünfte Kind ist in Deutschland von Armut bedroht. Das sind 2,1 Millionen Kinder unter 15 Jahren. Wie sich die Armut auf den Alltag dieser Kinder auswirkt, verdeutlicht nun eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Demnach ist er geprägt von Verzicht und einem Mangel an sozialer und kultureller Teilhabe. Hinzu kommt: Die staatlichen Unterstützungssysteme können die Kinderarmut nur unzureichend auffangen, so das Ergebnis einer zweiten Untersuchung, die Armutsforscherinnen der Universität Frankfurt.

Armut wird im allgemeinen Sprachgebrauch absolut verstanden. Danach ist arm, wer wenig hat. Die Armut und auch Kinderarmut wird in der Politik jedoch relativ definiert. Sie misst sich am Wohlstand der Gesellschaft, in der der Mensch lebt. Arm ist, so die gängige Definition der Armut der EU, wer über weniger als 60 Prozent des mittleren Netto-Einkommens verfügt. Diese Schwelle liegt hierzulande für eine vierköpfige Familie bei 1873 Euro im Monat.

Sozial und kulturell benachteiligt

Datengrundlage zur Bertelsmann-Studie
  1. Im Rahmen des Panels "Arbeitsmarkt und soziale Sicherung" (PASS) wurden 2013 insgesamt 14.449 Personen ab 15 Jahren in 9.509 Haushalten befragt. Die Stichprobe setzt sich dabei etwa zur Hälfte aus Haushalten zusammen, in denen zum jeweiligen Ziehungszeitpunkt mindestens eine Bedarfsgemeinschaft SGB-II-Leistungen bezogen hat. Die zweite Hälfte der Stichprobe sind Haushalte der Wohnbevölkerung in Deutschland insgesamt.
  2. Als Untersuchungspopulation für die vorliegende Analyse werden Kinder unter 15 Jahren herangezogen, die zum Befragungszeitpunkt in den befragten Haushalten lebten. Da jedoch Kinder unter 15 Jahren in PASS nicht direkt befragt werden, basieren die Daten zu ihrer Lebenssituation auf den Angaben der Eltern.

Wie Kinderarmut in Deutschland tatsächlich aussieht, haben die Forscher im Auftrag der Bertelsmann Stiftung untersucht und mit der Situation von Kindern in gesicherten Einkommensverhältnissen verglichen. Ihre Studien offenbaren, dass zwar im Bereich der elementaren Grundversorgung nur geringe Benachteiligungen vorliegen. In anderen Bereichen zeigen sich dagegen stärkere Unterversorgungen.

So leben arme Kinder der Studie zufolge häufiger in Haushalten, in denen nicht ausreichende Winterkleidung vorhanden ist oder in Wohnungen mit feuchten Wänden oder Fußböden. Vor allem aber müssen sie auf soziale Aktivitäten verzichten. Urlaub, Kino-Spaß oder ein Restaurantbesuch sind nicht drin. Auch in den Genuss von Internet oder einem DVD-Player kommen arme Kinder weniger häufig. Andere Dinge sind dagegen auch in armen Haushalten vorhanden, zum Beispiel ein Bad oder eine Toilette, ein Fernseher oder eine Waschmaschine.

Die Ergebnisse der Studie im Überblick:

  • 20 Prozent der Kinder im Grundsicherungsbezug leben aus finanziellen Gründen in beengten Wohnverhältnissen. Das tun nur 3,9 Prozent der Kinder, die in gesicherten Einkommensverhältnissen aufwachsen.
  • 76 Prozent der Kinder, deren Eltern Sozialleistungen erhalten, können keinen Urlaub von mindestens einer Woche machen – gegenüber 21 Prozent der übrigen Kinder.
  • 14 Prozent der Kinder mit Sozialleistungs-Bezug leben in Haushalten ohne Internet (Übrige: 1 Prozent)
  • 38 Prozent in Haushalten ohne Auto (Übrige: 1,6 Prozent)
  • 31 Prozent von ihnen wachsen in Haushalten auf, in denen es aus finanziellen Gründen nicht möglich ist, wenigstens einmal im Monat Freunde zum Essen nach Hause einzuladen (Übrige: 3,3 Prozent).
  • Bei 10 Prozent der Kinder mit Sozailleistungs-Bezug besitzen nicht alle Haushaltsmitglieder ausreichende Winterkleidung (Übrige: 0,7 Prozent).

Vertiefende Interviews mit Eltern und Fachkräften verdeutlichen zudem, dass Kindern in armutsgefährdenden Familien ein schweres Bündel an Problemen mitgegeben wird. Zur chronischen Geldnot kämen oftmals Krankheiten, Trennung der Eltern und unsichere Schulwege der Kinder hinzu, so die Armutsforscherinnen. Erziehung bedeute häufig Nein-Sagen und Erklärung von Verzicht. Dies bezeichneten die Eltern als große Belastung.

Studie empfiehlt zentrale Anlaufstellen

Das Gefühl fehlender Selbstbestimmung führe bei einkommensschwachen Eltern oftmals zu Resignation und Erschöpfung, urteilen die Autorinnen der Studie. Ausgelöst werde dieses Gefühl auch durch Unzufriedenheit gegenüber staatlicher Hilfe. Eltern, die von staatlicher Grundsicherung leben, klagten über zu viele behördliche Anlaufstellen, wechselnde Ansprechpartner und bürokratische Hürden. Auch aus Sicht der von den Forschern befragten Fachkräfte aus Verwaltung und Bildungseinrichtungen scheitert die Hilfe oft an Zeitmangel, Bürokratie und fehlender Passgenauigkeit.

"Materielle Unterversorgung und fehlende soziale Teilhabe sind eine schwere Hypothek, mit der Kinder ins Leben starten", betont Jörg Dräger von der Bertelsmann Stiftung. Wirksame Armutsbekämpfung müsse die Bedürfnisse der Kinder in den Mittelpunkt stellen. Die Familien- und Sozialpolitik konzentriere sich bislang zu stark auf die Integration von Müttern und Vätern in den Arbeitsmarkt, warnen die Studien-Autorinnen. Sie empfehlen die Einrichtung zentraler Anlaufstellen mit festen Ansprechpartnern, die die jeweilige Familiensituation kennen. Zudem plädiert die Bertelsmann Stiftung dafür, das Existenzminimum für Kinder zu überprüfen und die staatliche Grundsicherung anzupassen.

Quelle: n-tv.de

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