Politik
Kämpfer der Syrian Democratic Forces (SDF) feiern ihren Sieg in Rakka.
Kämpfer der Syrian Democratic Forces (SDF) feiern ihren Sieg in Rakka.(Foto: REUTERS)
Donnerstag, 26. Oktober 2017

Syriens Ordnung nach dem IS: "Assad wird auf unseren Widerstand stoßen"

Der IS ist militärisch wohl bald besiegt. Dazu beigetragen hat auch Tolhildan Pir, ein Kommandant der kurdischen Volksschutzeinheiten YPG. Im Interview spricht er über die Lage in Rakka, taktische Allianzen und die Zukunft der Kurden in Syrien.

Der IS ist militärisch wohl bald besiegt. Dazu beigetragen hat auch Tolhildan Pir, ein Kommandant der kurdischen Volksschutzeinheiten YPG. Im Interview spricht er über die Lage in Rakka, taktische Allianzen und die Zukunft der Kurden in Syrien.

n-tv.de: Unterstützt von Luftangriffen der USA, ist es den Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) gelungen, Rakka vom selbsternannten Islamischen Staat (IS) zu befreien. Wie ist jetzt die Lage in der Stadt?

YPG

Die sogenannten Volksschutzeinheiten (YPG) sind Teil der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), die vor allem aus Kurden, aber auch sunnitisch-arabischen, türkmenischen und anderen Gruppen aus der Region bestehen. Die syrischen Kurden der YPG sind eng verbunden mit der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) in der Türkei und deren inhaftiertem ideologischen Führer Abdullah Öcalan. Die PKK wird auch in Deutschland als Terrororganisation eingestuft.

Tolhildan Pir: Rakka wurde vom Terror, der Schande und der Feigheit befreit. Anders gesagt: Abdullah Öcalan, der Führer der Kurden und der Unterdrückten im Nahen Osten, und seine Philosophie haben den abscheulichen Faschismus von Daesh (ein verächtliches Synonym für den IS, Anm. d. Red.) vernichtet. Während wir noch Minen und Sprengfallen entfernen, beginnt nun der Wiederaufbau Rakkas. Alle, die in ihre Heimat zurückkehren möchten, werden mit Essen und anderen Notwendigkeiten versorgt. Der Rakka Civil Council (eine Art Übergangsverwaltung, die aus kurdischen und arabischen Vertretern der Region bestehen soll, Anm. d. Red.) hat diesen Prozess bereits eingeleitet.

Wie haben die Zivilisten in Rakka auf die SDF als Eroberer reagiert? Die Bevölkerung setzt sich ursprünglich ja überwiegend aus Arabern zusammen, während die SDF kurdisch dominiert ist. Die US-Luftangriffe haben überdies eine immense Zahl ziviler Opfer gefordert.

Die Mehrzahl der Menschen in Rakka hat die SDF genauso willkommen geheißen wie die Menschen in Manbidsch (eine einstige IS-Hochburg im Norden Syriens, Anm. d. Red.). Die Leute wissen sehr genau, wie viele SDF-Kämpfer ihr Leben geopfert haben, um Zivilisten zu schützen. Die Zerstörung, die wir in Rakka sehen, hat vor allem Daesh verursacht, und deren Gangs schreckten auch nicht davor zurück, Hunderte zu massakrieren, die nicht bereit waren, sich als menschliche Schutzschilde missbrauchen zu lassen. Wir, die YPG als Teil der SDF, haben gegen eine unkonventionelle Armee, die keine ethischen Grenzen kennt, gekämpft. Wir müssen aber auch selbstkritisch sein. Wir bieten den Bewohnern von Rakka jetzt Sicherheit, auch als Wiedergutmachung für die von uns verursachten, aber ungewollten Zwischenfälle. Wir werden auch unser Bestes für den Wiederaufbau tun.

Die letzten Hochburgen des IS befinden sich in der Provinz Deir ez-Zor. Wie lange wird es noch dauern, bis die Terrormiliz in Syrien endgültig zerschlagen ist? 

Video

Es ist schwer zu sagen, wann wir Daesh rund um Deir ez-Zor besiegen werden, denn wir kämpfen dort nicht nur gegen den IS, sondern auch gegen das syrische Regime, das unsere Stellungen ebenfalls angreift. Die Operation "Sturm von Cizire" (Cizire ist der Name des östlichen kurdischen Kantons in Syrien, Anm. d. Red.) geht mit aller Macht weiter.

Wir erleben im benachbarten Irak gerade, dass ein erfolgreicher Kampf gegen den IS keine politische Belohnung garantiert. Die Unabhängigkeit von Irakisch-Kurdistan erscheint nach einer Offensive der Armee der irakischen Zentralregierung jetzt in sehr weiter Ferne. Die autonome Region droht eher zu zerfallen. Wird das auch mit den kurdischen Gebieten in Syrien passieren, sobald der IS zerschlagen ist?

In unserem Verständnis von Unabhängigkeit geht es nicht um das belanglose Konzept eines Nationalstaates. Wir versuchen eine demokratische Nation ohne klassischen Staat zu erschaffen. In Syrien passiert das bereits durch einen Zusammenschluss von Arabern, Christen und anderen Minderheiten. Die SDF, und mit ihr die YPG, wird alle Eroberungen der Völker im Norden Syriens bis zum Ende verteidigen mit einem alternativen Modell des Zusammenlebens, das Menschen im ganzen Nahen Osten und darüber hinaus inspirieren wird.

Die Türkei droht damit, das kurdische Afrin zu erobern. Glauben Sie, dass die USA die Kurden in Syrien schützen werden?

Wir brauchen nicht den Schutz irgendeiner regionalen oder globalen Macht. Wir sind imstande, die Menschen im Norden Syriens zu verteidigen - indem wir mit ebendiesen Menschen zusammenarbeiten. Aber wir sind offen für taktische Allianzen, die im Krieg notwendig sein können. Wenn die Türkei Afrin angreift, wird es ein zweites Kobane geben und das Ende des faschistischen Erdogan-Regimes einläuten (Anm. d. Red.: Kobane ist eine syrische Stadt an der Grenze zur Türkei, die die Kurden 2014 und 2015 unter großer Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gegen eine anfängliche Übermacht des IS verteidigen konnten - zuletzt auch mit Hilfe von US-Luftangriffen.)

Wie stellen Sie sich die Zukunft der Kurden in Syrien vor? Sie haben etliche Gebiete erobert. Werden Sie sich mit Präsident Baschar al Assad arrangieren?

Wir kämpfen für Freiheit und Gerechtigkeit. Das Wort "Eroberung" ist weder in unserem Vokabular noch auf unserer Agenda. Sei es Erdogan oder Assad - wer auch immer die Freiheit und Gerechtigkeit der Menschen im Norden Syriens angreift, wird auf unseren Widerstand stoßen. An Serkeftin, an serkeftin. Entweder Sieg oder Sieg.

Mit Tolhildan Pir sprach Issio Ehrich

Quelle: n-tv.de

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