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Obama ergreift Position in Rassismus-Debatte: "Auch ich hätte Trayvon Martin sein können"

Von Dirk Emmerich, Washington

Der Freispruch für George Zimmerman, der den farbigen Jugendlichen Trayvon Martin erschossen hat, schmerzt das schwarze Amerika: Vielen ist es ein weiterer Ausdruck dafür, dass die USA noch immer ein tief verwurzeltes Rassismus-Problem haben. US-Präsident Obama schwieg seit Tagen - bis er nun doch das Wort ergreift und ziemlich deutlich wird.

Nun hat Barack Obama doch Stellung bezogen und sein Schweigen gebrochen, das Amerika, vor allem das schwarze Amerika, in den letzten sechs Tagen irritiert hat. Bei seinem überraschenden und sehr emotionalen Auftritt im Weißen Haus sagte der Präsident: "Wissen Sie, als Trayvon Martin erschossen wurde, habe ich gesagt, er könne mein Sohn sein. Ein anderer Weg das zu sagen ist: Auch ich hätte Trayvon Martin sein können, vor 35 Jahren."

Es war ein starker Augenblick für den Präsidenten. Die Nachrichtensender übertrugen die Worte live an die Nation. Es hat lange gedauert, und der Auftritt war überfällig. Wie kaum ein anderer Prozess in den letzten Jahren hatte der die Öffentlichkeit aufgewühlt und polarisiert. Und das abschließende Urteil vom letzten Wochenende erst recht.

Eine Jury hatte den Nachbarschaftswächter George Zimmerman für unschuldig befunden und freigesprochen. Zimmerman habe aus Notwehr gehandelt, als er den farbigen 17-jährigen Teenager Trayvon Martin erschoss. Unmittelbar danach war es zu landesweiten Protesten gekommen, die bis heute anhalten. Am Samstag erreichen sie auch die Hauptstadt Washington, es wird eine Demonstration gegen den Freispruch stattfinden.

Amerika ist noch nicht so weit wie viele hofften

Obama, ganz Präsident, hatte sich nach dem Urteil nur sehr zurückhaltend geäußert und versucht, die Wogen zu glätten. Sorgsam abgewogenen erklärte er, dass Martins Tod zwar eine Tragödie für ganz Amerika sei. Aber die USA seien ein Rechtsstaat und es gelte, das Urteil der Geschworenen zu respektieren. Das Kalkül des Präsidenten zu diesem Zeitpunkt: die Stimmung nicht noch aufzuheizen. Es passte zudem zur Linie Obamas, dem es stets ums Versöhnen geht. Seinen Kritikern hatte er zuvor oft entgegengehalten, er sei nicht Präsident des schwarzen, sondern von ganz Amerika.

Doch diese Linie ließ sich jetzt nicht mehr fortsetzen. Der prominente Jesse Jackson und andere Bürgerrechtler hatten immer lauter gefordert, Obama müsse den Justizminister einschalten. Der Fall müsse, wenn erforderlich, unter anderem Blickwinkel noch einmal neu aufgerollt werden.

Über Nacht wurde deutlich, dass von normalen Beziehungen zwischen Weiß und Schwarz in diesem Land noch lange keine Rede sein kann. Trotz des schwarzen Präsidenten Obama, trotz vieler Fortschritte in den letzten Jahren. Und immer wieder wurde in Talkshows, Zeitungskommentaren die Frage gestellt, ob das Urteil wohl auch so ausgefallen wäre, wenn ein schwarzer Ordnungshüter einen unbewaffneten weißen Teenager erschossen hätte.

Fall Martin wird oft mit dem Fall Alexander verglichen

Die schwarze Community hat die deutlichen Worte Obamas begrüßt. "Bevor ich in ein öffentliches Amt gewählt wurde, habe ich selbst erlebt, wie Autofahrer ihre Türen verschlossen und Frauen ihre Taschen an sich pressten, wenn ich an ihnen vorbeiging", erläuterte der Präsident. Er wisse, dass Schwarze schnell als eine Gefahr betrachtet würden. Das seien eine Erfahrung und eine Geschichte, die nicht eben einfach verschwinden.

Bürgerrechtler hatten im Verlauf der Woche in diesem Zusammenhang noch einmal auf ein anderes Urteil aus Florida hingewiesen. Im Mai 2012 hatte eine Jury die farbige Marissa Alexander zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. In einem Familienstreit, in dem ihr damaliger Ehemann sie schlug und würgte, hatte sie sich mit einer Pistole verteidigt und einen Warnschuss in die Luft abgegeben. Die Kugel blieb in der Zimmerdecke stecken, verletzt wurde niemand. Das Urteil der Jury dennoch: 20 Jahre Haft wegen eines versuchten Angriffs mit einer Schusswaffe. Jesse Jackson stellte diese Entscheidung nun in eine Reihe mit dem Urteil im Fall Martin. "In einem Fall tötet Mr. Zimmerman einen jungen Mann und wird freigesprochen, in einem anderen hat Mrs. Alexander niemand erschossen, niemanden verletzt - und muss 20 Jahre ins Gefängnis." Für Jackson und andere ein klarer Beleg für den anhaltenden Rassismus in der amerikanischen Justiz.

Kommt nun noch einmal Bewegung in den Fall Trayvon Martin? Vielleicht.

Die sechsköpfige rein weibliche Jury, die den Freispruch erwirkte, ist knapp eine Woche später nicht mehr so einmütig, wies es zunächst schien. Eine Geschworene hatte anonym in einem CNN-Interview erklärt, dass die Hautfarbe bei dem Fall keinerlei Bedeutung gehabt habe. Vier der anderen Geschworenen haben sich, ebenfalls anonym, nun von der Aussage ihrer Kollegin distanziert.

Die Sache Trayvon Martin - sie wird Amerika wohl noch eine ganze Weile beschäftigen.

Quelle: n-tv.de

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