Politik
Seit mehr als zehn Jahren ist die Bundeswehr in Afghanistan im Einsatz.
Seit mehr als zehn Jahren ist die Bundeswehr in Afghanistan im Einsatz.(Foto: picture-alliance/ dpa)

"Jeder ist hier verdächtig": Auf dem Dingo im Staub Afghanistans

Von Gudula Hörr

Überall kann ein Sprengkörper vergraben sein, ein Heckenschütze lauern. Für die deutschen Soldaten in Afghanistan ist die Gefahr allgegenwärtig. Ebenso die Angst, der Stumpfsinn, der Dreck, die Verzweiflung. Und nicht zuletzt die Frage: "Warum bin ich eigentlich hier?"

Kinder transportieren Feuerholz auf Eseln.
Kinder transportieren Feuerholz auf Eseln.(Foto: AP)

Die Sonne brennt über der kargen Landschaft. Stundenlang starrt Daniel Wild in die Einöde. Nichts regt sich. Gar nichts. Nur Staub und Leere. Jede halbe Stunde meldet er per Funk an den Gefechtsstand: "Süd. Ohne Meldung."

Für die Langeweile wird Wild gut bezahlt. Aber auch für das Risiko, jeden Moment von einer Mine zerfetzt, von einer Kugel getroffen zu werden. Überall können Sprengkörper vergraben sein, Angreifer lauern. Schließlich ist Wild Panzergrenadier und einer von tausenden Bundeswehrsoldaten, die Afghanistan befrieden sollen. Dabei ist das Land mehr als zehn Jahren nach dem Sturz der Taliban fern vom Frieden.

So ist denn auch die Angst allgegenwärtig in dem halben Jahr, in dem Wild bei der "Task Force Kundus" dient. Vom ersten bis zum letzten Tag des Einsatzes. Wilds Arbeitsplatz ist ein Dingo mit dem Namen "Foxtrott 4", Einsatzort der afghanische Norden. Hier sollen Wild und seine Kameraden zusammen mit der afghanischen Polizei und Armee Aufständische vertreiben und die freigekämpften Stellungen halten.

Mehr als 50 Bundeswehrsoldaten sind schon in Afghanistan gefallen.
Mehr als 50 Bundeswehrsoldaten sind schon in Afghanistan gefallen.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Wie das konkret aussieht, hat nun der Journalist Jonathan Schnitt in dem Buch "Foxtrott 4. Sechs Monate mit deutschen Soldaten in Afghanistan" beschrieben. Von Juli 2011 bis Anfang 2012 begleitete er Wild und seine Kameraden, schlief wie sie im Feldlager, unter Planen, marschierte durch die sengende Hitze und rollte im Dingo-Radpanzer mit dem Namen "Foxtrott 4" über staubige Straßen.

In Schnitts Buch geht es dabei weniger um die Lage in Afghanistan oder die Frage, wann ein Krieg Krieg genannt werden darf. Im Mittelpunkt stehen vielmehr diejenigen, die meist in den Diskussionen vergessen werden: die einfachen Bundeswehrsoldaten. Was treibt sie an? Wie schaut ihr Alltag aus? Wie sehen sie den Krieg?

"Unter richtig viel Stress"

Die afghanischen Soldaten übernehmen immer mehr Aufgaben.
Die afghanischen Soldaten übernehmen immer mehr Aufgaben.(Foto: AP)

Und ihre Ansicht unterscheidet sich durchaus von offiziellen Verlautbarungen der Bundeswehr. "Ich hab schon auch mal Momente, wo ich mich frage, warum bin ich eigentlich hier: Ich denke, das hat jeder Soldat erlebt", berichtet etwa Panzergrenadier Matthias Chill. "Das passiert in Augenblicken, wo man unter Stress steht. Unter richtig viel Stress. Wenn es nicht so läuft, wie man sich das eigentlich wünscht. Aber so ist das halt hier."

Auch wenn das zweite Halbjahr 2011, in dem Schnitt die Soldaten begleitet, im Norden Afghanistans relativ ruhig war, so ist doch auch klar: Frieden sieht anders aus. Mal entkommen die Dingos nur knapp einer Sprengstofffalle, mal schlägt eine Rakete neben dem Feldlager ein. Offenbar abgeschossen von lokalen Sicherheitskräften.

"Im Grunde genommen", so Chill, "ist hier jeder verdächtig". Als sich einmal ein Junge mit einem Gewehr einem Bundeswehrposten nähert und trotz Aufforderung nicht stehen bleibt, ist die Nervosität groß. Bis sich herausstellt: Es ist nur ein Spielzeuggewehr. Auch der Anblick lokaler afghanischer Sicherheitskräfte, die oft ehemalige Taliban sind und nun mit Kalaschnikows und Raketenwerfern an der Seite der Bundeswehr kämpfen sollen, bereitet manchen deutschen Soldaten Unbehagen. Zu tief sitzt die Angst, einer von ihnen könnte einen Anschlag verüben, wie am 18. Februar 2011, als ein afghanischer Soldat im OP North drei Bundeswehrsoldaten erschoss.

Am 18. Februar 2011 tötet ein afghanischer Soldat drei Bundeswehrsoldaten.
Am 18. Februar 2011 tötet ein afghanischer Soldat drei Bundeswehrsoldaten.(Foto: AP)

Hauptmann Paul, der in Afghanistan zuständig ist für Informationsgewinnung und militärische Aufklärung, sieht es so: "Afghanen kann man nicht kaufen, man kann sie nur mieten." Im Moment zahlen halt die westlichen Kräfte deutlich besser als die Taliban.

Was aber nach dem Abzug 2013 sein wird, ist höchst ungewiss. Viele Afghanen, insbesondere die lokalen Sicherheitskräfte, würden dann wieder zu den Taliban überlaufen, befürchtet Schnitt. Er vermutet wie viele, dass sich erst nach dem Abzug der westlichen Sicherheitskräfte zeigen wird, was der Einsatz gebracht hat . "Ob dieser Krieg verloren ist oder nicht, werden wir erst wissen, wenn wir aus diesem Land wieder raus sind", glaubt etwa der Berufssoldat Jan Uwe Schröder.

Selbst wenn der Krieg gewonnen werden sollte, so zeigt die Lektüre dieses Buches auch: Afghanistan ist groß, und über das Schicksal des Landes entscheiden vor allem die lokalen Kräfte. Oder, wie es der Chef einer Polizeigruppe in einer Anekdote ausdrückt, die Schnitt zitiert: "Der König schickte einen Lastwagen voller Schnee von Kabul nach Kundus. Doch in Kundus kam nach langer Reise nur noch eine Pfütze Wasser an." Kabul ist weit, der Westen noch viel weiter.

Die hehren Vorstellungen, die anfangs den Afghanistan-Einsatz schmückten, haben sich längst in Luft aufgelöst. Es ist nicht mehr vom Aufbau einer Demokratie westlichen Musters oder der Emanzipation der Frau die Rede. In einem Land, in dem viele Menschen nie einen Stift in der Hand gehalten haben und in dem seit Jahrzehnten der Bürgerkrieg tobt, geht es nunmehr um bescheidenere Ziele: um ein Mindestmaß an Frieden und Stabilität.

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Quelle: n-tv.de

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