Politik
(Foto: REUTERS)

Ausländische Medien über den NSU-Prozess: Beate und die "Eleganz des kalten Führers"

Deutschland steht unter Beobachtung: Viele Medien aus der ganzen Welt verfolgen den NSU-Prozess. Während in der Türkei die ungerechte Behandlung der Opferfamilien Thema ist, schaut Italien lieber auf die Gestik der Angeklagten Beate Zschäpe.

Zschäpe zeigte sich den Kameras kaum - vor Verhandlungsbeginn drehte sie Fotografen meist den Rücken zu.
Zschäpe zeigte sich den Kameras kaum - vor Verhandlungsbeginn drehte sie Fotografen meist den Rücken zu.(Foto: REUTERS)

Vier Verhandlungstage ist der Prozess gegen den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) in München nun alt - und auch international sorgt das Verfahren gegen Beate Zschäpe und weitere Mitangeklagte für Schlagzeilen. Vor allem türkische Medien schauen ganz genau hin, denn acht der Opfer waren türkischer Herkunft. Für viele ausländische Beobachter sitzt Deutschland beim NSU-Prozess mit auf der Anklagebank. Ein Überblick:

TÜRKEI: "Wieder Show der Nazi-Braut", schrieb die Tageszeitung "Hürriyet" über Zschäpe schon nach dem zweiten Verhandlungstag im NSU-Prozess. Viele Medien beschäftigt weiterhin das Auftreten der Angeklagten, das als selbstbewusst und arrogant beschrieben wird. Zeitungen schlagen den Bogen zu einer grundsätzlichen Benachteiligung von Türken in Deutschland: Dass Zschäpe ohne Handschellen im Münchner Verhandlungssaal sitzt, türkischstämmige Angeklagten im Prozess um die tödliche Prügelattacke auf dem Berliner Alexanderplatz aber hinter einer Glasscheibe, das passt in dieses Bild. "Für Türken so, für Deutsche so", schrieb eine Zeitung. Von den Titelseiten ist der Prozess um die Morde an acht türkischstämmigen Männern inzwischen aber meist verschwunden.

FRANKREICH: Viele Medien räumten ihren Korrespondenten Platz ein für Berichte aus München oder Reportagen über Rechtsextremismus in Deutschland. "Nach Studien ist Fremdenfeindlichkeit tief verankert in der deutschen Öffentlichkeit", schrieb der konservative "Le Figaro". "Das NSU-Mördertrio zeigt, dass die extreme Rechte in der Lage ist zu organisierten kriminellen Aktivitäten." Für "Les Echos" wurde beim Streit um die Platzvergabe deutlich, wie "das Gericht - und vielleicht die Gesellschaft - die Aufmerksamkeit für die Neonazi-Problematik in Deutschland unterschätzt".

Rund um das Münchner Gerichtsgebäude herrschte ein gigantisches Medieninteresse.
Rund um das Münchner Gerichtsgebäude herrschte ein gigantisches Medieninteresse.(Foto: REUTERS)

GROSSBRITANNIEN: Die als aggressiv bekannte britische Presse geht auffallend nüchtern mit der pikanten Materie um. Die Kommentatoren fragen vor allem nach der Rolle des Staates. "Es gibt ein Gefühl in Deutschland, dass die Behörden die Morde nicht ernst genommen haben, weil die Opfer Ausländer waren, und dass das ganze Land blind war für die Gefahr von Neonazis", berichtete etwa die "Daily Mail" sachlich. Der "Guardian" kommentierte: "Auf der Anklagebank sitzen nicht nur Zschäpe und ihre Komplizen, sondern auch die deutschen Sicherheitsdienste (...)."

USA: Auch dort sind die Reaktionen eher nüchtern und distanziert. Die "New York Times" bezeichnete das Verfahren als "Test der Fähigkeit der Deutschen, mit ihrer modernen multikulturellen Identität zurechtzukommen". Die Nachrichtenseite "Christian Science Monitor" wunderte sich, wie eine mordende Neonazi-Zelle über viele Jahre unentdeckt bleiben konnte: "Selbst wenn die deutschen Behörden nicht mit den Neonazis konspiriert haben, die Vorwürfe des institutionellen Rassismus und der Nachlässigkeit bleiben bestehen."

ITALIEN: Vor allem Zschäpes Auftritt stand im Fokus der Berichterstattung, die sich eher auf den hinteren Seiten der Zeitungen fand. "Prozess gegen Beate 'die Schwarze', die Hitler sein wollte", schrieb "La Repubblica". Zschäpe habe "die Eleganz des kalten Führers" und wende "den Eltern der Opfer aus Verachtung den Rücken" zu. Aber schon nach dem Auftakt spielte das Thema keine Rolle mehr.

POLEN: Bisher ist das Verfahren kein großes Thema. Lediglich die linksliberale "Gazeta Wyborcza" kritisierte, die Gefahr durch rechtsextreme Terroristen sei in Deutschland jahrelang heruntergespielt worden sei. Besonders bezog sich die Zeitung auf die Passivität der Polizei etwa bei den ausländerfeindlichen Krawallen in Rostock vor 20 Jahren. Das habe möglicherweise auch die Basis für das Vertrauen des NSU gelegt, straffrei Ausländer angreifen zu können.

ISRAEL: Der NSU-Prozess löste bisher keine größere Aufmerksamkeit aus. Die Medien berichteten zwar von Anfang an über die Taten der Gruppe, die Ermittlungen, die Reaktionen in Deutschland und den Prozess - aber meist nur mit Texten internationaler Nachrichtenagenturen. Bezüge zwischen den Morden an Ausländern und dem Holocaust oder der Nazi-Diktatur wurden nicht hergestellt.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen