Politik
Dan ist in Stendal als Hobbyfotograf unterwegs.
Dan ist in Stendal als Hobbyfotograf unterwegs.(Foto: Robert Dakin)
Mittwoch, 16. August 2017

Auf eine Wurst in Stendal: "Behinderung gleicht einem Todesurteil"

Von Julian Vetten, Stendal

Dan fotografiert für sein Leben gerne und hat dafür viel Zeit: Wegen seiner Schwerbehinderung findet der Hobbyfotograf in Stendal keinen Job. Obwohl seine Zukunftsaussichten alles andere als rosig sind, lehnt er ein Grundeinkommen ab.

In Deutschland leben mehr als 82 Millionen Menschen - und doch kommen viel zu oft nur die üblichen Verdächtigen oder die mit den lautesten Parolen zu Wort. Um das zu ändern, reisen wir bis zur Bundestagswahl am 24. September durch das Land und bitten Menschen um ihre Meinung, die sonst damit hinter dem Berg halten würden. Die Artikel erscheinen immer mittwochs. Diese Woche sind wir zu Gast in Stendal.

Die Türme der Marienkirche sind Stendals Wahrzeichen.
Die Türme der Marienkirche sind Stendals Wahrzeichen.(Foto: imago/Lem)

Stendal ist eine trockene Stadt, normalerweise jedenfalls: 98 Prozent aller deutschen Wetterstationen messen mehr Niederschlag als die 493 Millimeter, die pro Jahr im Norden Sachsen-Anhalts runterkommen. Aber weil der deutsche Sommer in diesem Jahr vor nichts haltmacht, tropft es eben auch in Stendal ständig. An diesem verhangenen Hochsommertag wäscht ein feiner Nieselregen die Straßen der Hansestadt noch sauberer, ohne dass sich das Leben auf der Straße davon stören ließe: In den Eisdielen der langgezogenen Fußgängerzone wird Eis geschleckt und Bratwurst-Tom verkauft wie jeden Tag im Schatten der Marienkirche Bratwürste, auch wenn das Dach seines Standes gerade einmal den Grill selbst vor Nässe schützt. Gut, dass gerade Dan auf einen Plausch vorbeischaut und den Bratwurstverkäufer mit seinem Schirm vor dem Schlimmsten bewahrt.

"Man gewöhnt sich an alles, selbst an einen deutschen Sommer", sagt der kräftige Mann mit der erstaunlich zarten Stimme und rückt sich die gestreifte Schirmmütze zurecht. Dan ist als Hobbyfotograf in Stendal und Umgebung unterwegs und weiß, was in seiner Heimat los ist: "Vielleicht nicht so viel wie anderswo, aber ich lebe gerne hier." Das, was passiert, dokumentiert er täglich mit seiner Kamera und teilt es auf einer Facebook-Seite, die sich als Online-Magazin für Stadt und Landkreis versteht: Fast 8000 Menschen folgen "Was los in Stendal?", immerhin fast ein Viertel der Stadtbevölkerung - die Autoren und Fotografen arbeiten ehrenamtlich. Dass Dan so viel Zeit in die Seite investieren kann, hat einen einfachen Grund: Er ist arbeitslos.

Grundeinkommen kommt für Dan nicht infrage

"Ich bin auf dem Papier schwerbehindert", sagt Dan und fügt traurig hinzu: "Auf dem Arbeitsmarkt kommt das einem Todesurteil gleich." Tatsächlich ist die Arbeitslosenrate bei Schwerbehinderten mit 13,4 Prozent gut doppelt so hoch wie bei Menschen ohne Behinderung, obwohl das eigentlich anders sein sollte: Laut Sozialgesetzbuch müssen Betriebe mit mindestens 20 Mitarbeitern 5 Prozent ihrer Arbeitsplätze für Schwerbehinderte reservieren; im Privatsektor werden aber gerade einmal 3,9 Prozent aller Arbeitsplätze mit Behinderten besetzt.

Das bekommt auch Dan zu spüren, der zwar keine schweren körperlichen Arbeiten mehr verrichten darf, aber im Kopf flexibel ist und auch sonst kompetent wirkt: "Ich habe mich nach allen möglichen Jobs umgesehen und ganz konkret nach Stellen als Medikamentenfahrer gesucht. Aber das können Sie hier echt vergessen: Irgendwo im Süden Baden-Württembergs hätte es etwas gegeben, aber ich möchte hier etwas finden, wo meine Wurzeln sind."

Dan hat die Hoffnung fast schon aufgegeben, auf absehbare Zeit in der Region einen Job zu bekommen, und investiert seine Zeit stattdessen in seine Leidenschaft: Am liebsten fotografiert er Blumen und Straßenszenen in Stendal und Umgebung. Geld fließt da zwar auch keines, aber nichts machen - das ist für Dan unvorstellbar. Wäre die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens dann nicht die perfekte Lösung für den arbeitslosen Hobbyfotografen? "Ach Quatsch, das hat für mich gar keinen Sinn: Irgendjemand muss ja arbeiten gehen, sonst geht hier alles vor die Hunde", sagt Dan und ergänzt: "Meine Freundin geht jeden Tag schuften und bringt auch grade mal 1000 Euro im Monat nach Hause. Wie sollte ich ihr denn jemals erklären, dass ich quasi fürs Nichtstun das Gleiche bekomme?"

Die Linke, die das Grundeinkommen in ihrem Wahlprogramm stehen hat, fällt also schon mal weg als Option zur Bundestagswahl. Wo Dan am 24. September sein Kreuzchen machen wird, weiß er deswegen noch nicht so genau: "Eigentlich müsste ich ja wählen gehen. Aber die Partei, der ich das letzte Mal meine Stimme geschenkt habe, hat ihre Versprechen nicht gehalten." Wahrscheinlich wird es am Ende dann aber doch wieder eine Partei aus der Mitte sein, "die sogenannten Alternativen sind ja keine". Dan blickt hilfesuchend zu Bratwurst-Tom rüber, aber der zuckt nur mit den Schultern: "Politik kann ich mir in meinem Job nicht erlauben", sagt er und wendet seine Würstchen.

Quelle: n-tv.de

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