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In Kindertagesstätten lernen Kinder besser als zu Hause, belegen Studien.
In Kindertagesstätten lernen Kinder besser als zu Hause, belegen Studien.(Foto: picture alliance / dpa)

Betreuungsgeld so schlecht wie sein Ruf: Besser nicht zu Hause bleiben

von Christoph Herwartz

Das Betreuungsgeld führt zu schlechterer Bildung und hält Frauen vom Arbeitsmarkt fern. Im Gegensatz zu anderen Reformen lässt sich das bei den Plänen von Kristina Schröder leicht vorhersagen. Denn das Betreuungsgeld gibt es schon, zum Beispiel in Thüringen.

Wissenschaftlich gesehen ist das geplante Jurist: Betreuungsgeld verfassungswidrig ein Ausnahmefall. Selten kann man vorhersagen, was passiert, wenn an den Steuern oder am Sozialsystem etwas geändert wird. Wie werden die Menschen reagieren, die nach einer Reform mehr oder weniger Geld in der Tasche haben? Wenn etwa die Einkommenssteuern gesenkt werden: Arbeiten dann die Menschen mehr, weil sie mehr von ihrem Lohn behalten dürfen? Oder arbeiten sie weniger, weil sie auch dann noch genug Geld zum Leben verdienen?

Theoretisch ist beides möglich und wenn Wirtschaftswissenschaftler versuchen, sich der Frage zu nähern, stoßen sie schnell an ihre Grenzen: Angenommen, sie beobachten eine Reform und danach entscheiden sich die Menschen, mehr zu arbeiten: Liegt das nun an der Reform? Oder an einer veränderten Konjunkturlage? Oder sogar an einer gesellschaftlichen Entwicklung oder dem Wetter?

Studie macht konkrete Vorhersagen

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Als die Arbeitsmarktforscherin Prof. Christina Gathmann von der Universität Heidelberg sich daran machte, die Wirkungen des Betreuungsgeldes zu erforschen, fand sie optimale Bedingungen vor. Denn eine Reform, wie sie jetzt Familienministerin Kristina Schröder vorbereitet, gab es in Deutschland bereits. Sie fand in Thüringen statt und ist gerade einmal sechs Jahre her. Damals führte die Landesregierung von Dieter Althaus das "Thüringer Erziehungsgeld" ein – 150 bis 300 Euro für jedes Kind, das nicht in einer öffentlich geförderten Kindertagesstätte betreut wird. Gleichzeitig blieb die Situation in den anderen Bundesländern gleich – hier gab es keine Reform. Die Konjunktur, die Gesellschaft oder das Wetter dürften sich hier ähnlich geändert haben wie in Thüringen. "Das sind beste Bedingungen, um die Auswirkungen von Sozialleistungen zu erforschen", sagt Gathmann.

Wie viele Frauen und Männer arbeiten gehen und wie viele Kinder zu Hause oder in Tagesstätten betreut werden, ist in Deutschland sehr gut erfasst. Es wird sogar festgestellt, was Kinder in ihren Betreuungseinrichtungen und was sie zu Hause lernen. Erfasst werden diese Daten im "Sozioökonomischen Panel" (SOEP) und im "Mikrozensus". Wenn man nun aus diesem Berg an Informationen die Daten für Thüringen heraussucht und mit den Daten anderer, in diesem Fall ostdeutscher, Bundesländer vergleicht, kann man die Effekte des Erziehungsgeldes gut beobachten.

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Genau das tat Christine Gathmann und fand heraus: Eltern, vor allem Mütter, lassen sich vom Erziehungsgeld durchaus beeinflussen: Obwohl es in Thüringen ausreichend Kita-Plätze gibt, melden viele ihr Kind nicht dort an, sondern betreuen es stattdessen selbst. Und das tun nicht nur Mütter, die ohnehin zu Hause geblieben wären: Die Zahlen zeigen eindeutig, so die Studie, dass wegen des Erziehungsgeldes weniger Frauen arbeiten gehen. Ähnliches hatte auch schon die Friedrich-Ebert-Stiftung für Studie weist Schwächen nach herausgefunden.

Schlechtere Bildungschancen vor allem für Mädchen

Das Ergebnis ist eigentlich nicht sonderlich überraschend. Wer dafür bezahlt wird, zu Hause zu bleiben, macht das eben auch. Vielleicht ist es dennoch der Punkt, den die Befürworter des Betreuungsgeldes übersehen: Es führt nicht nur dazu, dass Familien mehr Geld haben, es hat auch eine Steuerungswirkung.

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Und ist das schlimm? Auch das wurde untersucht. Die Studie belegt dabei, was schon viele andere herausgefunden haben und was als Konsens in der Wissenschaft gilt: Kinder, die in Kitas betreut werden, lernen besser und schneller. Kinder, die zu Hause bleiben, entwickeln sich dagegen langsamer, lernen etwa schlechter Deutsch. Das gilt besonders für Kinder mit einkommensschwachen Eltern oder mit Migrationshintergrund und für Mädchen. Was sie in der Kita verpassen, können sie später kaum wieder aufholen. "Wie soll ein Kind, das zu Hause kein gutes Deutsch gelernt hat, später in der Grundschule schreiben lernen?", fragt Gathmann. Viele andere Studien zeigen, was aus den kleinen Defiziten wird, die Kinder in ihrer frühen Entwicklung ansammeln: In der Jugend werden sie zu eklatant schlechteren Bildungschancen.

Die Ergebnisse ihrer Untersuchung seien durchaus auf ganz Deutschland und das Betreuungsgeld übertragbar, schreibt Gathmann in ihrer Studie. In Westdeutschland, wo es höhere Löhne und weniger Kita-Plätze gebe, wäre der Effekt wahrscheinlich etwas schwächer. Im Prinzip aber sei genau das Gleiche zu erwarten: Mütter, besonders die mit wenig Geld, entscheiden sich für die Familie und gegen ihre Arbeitsstelle. Mehr Kinder werden zu Hause betreut. Für die Kinder, vor allem für die mit Migrationshintergrund und für Mädchen, bedeutet das schlechtere Bildungschancen.

Arbeiten würde sich noch weniger lohnen

Die CSU lässt sich dadurch von ihrer Forderung nach einem Betreuungsgeld nicht abbringen und auch in Thüringen gibt es keine Bestrebungen, das Erziehungsgeld wieder abzuschaffen. Die dortige Große Koalition hat sich darauf geeinigt, die Leistung nicht zu streichen. "Die CDU-Regierung hat die Einführung 2006 mit der Wahlfreiheit begründet", sagt ein Sprecher des nun SPD-geführten Familienministeriums. Die SPD vermutete dahinter eher das konservative Familienbild der CDU und kritisierte aus der Opposition heraus die Leistung. Am Koalitionsvertrag will man trotz der kritischen Studie nicht rütteln. Nun werde erst einmal abgewartet, wie das Bundes-Betreuungsgeld ausgestaltet wird.

Neben Thüringen gibt es noch in drei weiteren Bundesländern Erziehungsgelder:

  • In Sachsen wurde bereits 1993 ein Modell eingeführt, das ganz ähnlich ist wie das in Thüringen.

  • Eltern in Bayern bekommen auch ein Erziehungsgeld – dieses ist aber unabhängig zum Kita-Besuch.

  • In Baden-Württemberg bekommen diejenigen Eltern Erziehungsgeld, bei denen Mutter oder Vater zu Hause bleibt. Entscheidend ist also nicht der Kita-Besuch des Kindes, sondern die Erwerbstätigkeit der Eltern.

Im Herbst will die baden-württembergische Regierung von Grünen und SPD die Leistung reformieren: Geld sollen dann vor allem Die Tricks der Konservativen bekommen, weil diese von der letzten Elterngeld-Reform im Bund benachteiligt wurden, sagt ein Sprecher des Familienministeriums. Sollte es nur bei den angekündigten Änderungen bleiben, wären Erwerbstätige weiter von der Leistung ausgeschlossen und würden kein Geld bekommen.

Das beträfe dann vor allem die "Aufstocker", die arbeiten gehen, aber trotzdem nicht viel mehr als den Hartz-IV-Satz zur Verfügung haben. Für sie würde sich das Arbeiten dann noch weniger lohnen. Für die Wissenschaftlerin Gathmann ist das unverständlich: "Warum sollte man Menschen, die ohnehin schlecht in den Arbeitsmarkt kommen, auch noch dafür belohnen, dass sie ihm fern bleiben?"

Quelle: n-tv.de

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