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Fühlte sich heimisch im bayerischen Bierzelt: SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück.
Fühlte sich heimisch im bayerischen Bierzelt: SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück.(Foto: dpa)

Steinbrück erobert Vilshofen: Bierzelt-Quatsch mit Peer

Von Christian Rothenberg

Beißenden Spott ist Peer Steinbrück inzwischen gewohnt. Letzter Auslöser ist die Aufregung um die Internetseite "Peerblog.de". Beim politischen Aschermittwoch keilt der SPD-Kanzlerkandidat nun ordentlich zurück. In Nebenrollen: "Mutti" Merkel und Jacqueline.

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Sie kommt ganz plötzlich: Peer Steinbrücks Fabel über den Sinn sozialdemokratischer Bildungspolitik. "'Jacqueline, mach dat Mä mal ei'. Was heißt das?", ruft der SPD-Kanzlerkandidat ins große Zelt. Das Publikum gröhlt. "Das heißt: Streichel mal das Schaf", sagt Steinbrück und legt gleich nach: "Das ist gar nicht zum Lachen." In der ersten Klasse sei ein Mädchen mit diesen Sprachkenntnissen "die vorprogrammierte Verliererin". Die Genossen im Bierzelt im niederbayerischen Vilshofen sind beeindruckt.

Der "norddeutsche Fischkopf", so nennt er sich selbst, hat die Einladung zum südlichsten Zipfel des Landes angenommen. Es ist politischer Aschermittwoch, der Tag, an dem in Bayern rhetorisch deftige Kost gefragt ist. Die Durstigen auf der Oktoberfestgarnitur wollen unterhalten werden. Wer schimpft am besten und lautesten - ein Format, das für Steinbrück wie gemacht zu sein scheint. Endlich darf er wieder reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Ohne jegliche Maulschellen. Es muss erlösend sein.

"Angela allein zu Haus"

Die erste Schlacht ist allerdings bereits gewonnen, da hat Steinbrück noch nicht einen Satz gesagt. Für die nicht gerade erfolgsverwöhnten Sozialdemokraten in Bayern ist es ein fantastischer Coup, der die politischen Kräfteverhältnisse in dem Bundesland auf den Kopf stellt. Der CSU-Alleinvertretungsanspruch scheint gebrochen. Tatsächlich sitzen fast 5000 Menschen im SPD-Zelt - und damit einige Hundert mehr als wenige Kilometer weiter bei den Christsozialen in Passau. "Das ist eine kleine radikale Minderheit", spottet Steinbrück und lacht sein Haifischlachen. Die Parole Angriff, die der 66-Jährige im Bundestag schon oft bewiesen hat, fällt ihm auch im bayerischen Zelt nicht schwer.

Genüsslich seziert der SPD-Kanzlerkandidat die Reihe der vorzeitigen Abgänge aus Merkels Kabinett: Guttenberg, Mappus, Wulff, Carstensen, von Beust, Röttgen, McAllister, Jung, Schavan – "Es läuft darauf hinaus, dass demnächst in Babelsberg der Film gedreht wird 'Angela allein zu Haus'." Die Genossen feixen am Maßkrug. Bayern und Steinbrück, das funktioniert offenbar. Und während Seehofer Deutschlands oberstem Genossen zeitgleich gerade die Narrenkappe aufsetzt, schießt Steinbrück mit heftigen Tiraden zurück. Seehofer, "dieser Zampano", lästert er, sei die größte lose Kanone auf dem politischen Deck der Bundesrepublik.

Der Gast aus Berlin redet frei und ohne Manuskript. Inhaltlich sitzen die wichtigen Sätze nach über vier Monaten als Kanzlerkandidat längst. Betreuungsgeld abschaffen, Solidarrente, Mindestlohn, Trennbanken, mehr Kinderbetreuung – "wir unterscheiden uns von den anderen", brüllt Steinbrück, dessen Gesichtsfarbe schon ganz rot ist.

Happy-End im Herbst?

Peer und Paul
Peer und Paul(Foto: dpa)

Vor ihm hat bereits der Münchener Oberbürgermeister Christian Ude gesprochen. Bei der Landtagswahl im Herbst will er Seehofer als Ministerpräsidenten ablösen. Doch die Umfragen sehen die SPD in Bayern bei mageren 20 Prozent, die CSU kratzt unterdessen an der Marke für eine absolute Mehrheit. Im Bund ist die Situation nicht ganz so schlecht, aber von einem Regierungswechsel sind die Genossen derzeit auch hier weit entfernt. Ude und Steinbrück: Im wichtigen Wahljahr bilden sie eine Schicksalsgemeinschaft. Einer kämpft für den anderen, so schlecht die Chancen derzeit auch sein mögen.

Es sind keine leichten Wochen für Steinbrück. Zwar gelang den Genossen in Niedersachsen ein prächtiger Start ins Wahljahr. Doch ansonsten herrscht vor allem Ernüchterung. Nach der Debatte um seine Nebeneinkünfte und seinen Äußerungen zum Kanzlergehalt ließ der nächste Lapsus nicht lange auf sich warten. Die angeblich unabhängige Webseite Peerblog.de wurde nach weniger als einer Woche wieder vom Netz genommen. Nach Kritik an den anonymen Unterstützern attackierten Hacker den Blog. Die Verantwortlichen beendeten daraufhin das Projekt. So viel steht zum jetzigen Zeitpunkt fest: Ein Happy-Ende bei der Bundestagswahl wäre für Steinbrück nach diesem Start eine große Überraschung.

"Es wird keinen Wellness-Wahlkampf geben"

Kaum ein Auftritt kommt daher derzeit ohne Selbstreflexion aus. Auch nicht seine Rede in Vilshofen. "Ich schieße manchmal über das Ziel hinaus", bekennt Steinbrück. "Aber ich bin sicher, ihr wollt keinen geölten Politprofi oder einen Dampfplauderer." In Merkels Kinderzimmer sei es gerade ziemlich leer, "da brauche ich mich nicht zu Muttis Liebling machen". Die Botschaft ist eindeutig: Dieser Mann will sich nicht verbiegen lassen und jeder soll es wissen. Stattdessen schickt er Warnungen in Richtung Union. "Es wird keinen Wellness-Wahlkampf geben. 2009 herrschte Ruhe über allen Wipfeln, aber diesen Fehler werden wir nicht wieder machen."

Steinbrück beschließt den Aschermittwoch mit Zoten und Pointen. "Die Bundesregierung ist so beliebt wie Blinddarmentzündung und eine Wurzelbehandlung auf einmal." Familienministerin Ursula von der Leyen sei eine "Talkshowqueen", Familienministerin Kristina Schröder habe "ein Weltbild zwischen Helmut-Kohl-Postern und Barbie-Puppenhaus". "Kabarettisten werden viel Freude an ihnen haben und das wird auch so bleiben", sagt Steinbrück, bemerkt dann aber den Bedeutungsspielraum und legt eilig nach: "Aber nur bis zur nächsten Bundestagswahl."

Am Ende machen die Genossen noch einmal ganz auf Familie. Steinbrück, Ude und der halbe Vilshofener Ortsverband stehen auf der Bühne. Bereit zum großen Abschiedsapplaus. Doch dann kommt Paul. Acht Jahre alt und um sechs Uhr aufgestanden, wie der Moderator ihn vorstellt, weil er ein Autogramm von Peer Steinbrück haben möchte. Schlussapplaus donnert durchs Bierzelt. Die Fotografen zielen auf das heitere Gruppenbild. Schwere Politiker-Hände liegen auf Pauls kleinen Schultern. Der kleine Kerl kommt wie gerufen.

Quelle: n-tv.de

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