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(Foto: Reuters)

Anwalt inszeniert Wikileaks-Informanten als Opfer: Bradley Manning - der naive "Verräter"

Von Issio Ehrich

Die letzten Worte vor Gericht sind gesprochen - jetzt erwartet Bradley Manning sein Urteil. Der erste große Prozess gegen einen Whistleblower in den USA steht vor dem Abschluss, die Strafe wird viel Symbolkraft haben. Dabei gerät aus dem Blick, was für ein Mensch in der blauen Uniform steckt.

Die Liste der Vorwürfe gegen den Wikileaks-Informanten Bradley Manning ist lang. Vom Diebstahl von Regierungseigentum bis hin zur Spionage - 21 Punkte umfasst die Anklage. Der schwerwiegendste Vorwurf heißt: "Unterstützung des Feindes".

Viel tiefer stapelte sein Anwalt David Coombs. Im abschließenden Plädoyer stellt er seinen Mandanten als jungen und naiven Mann mit guten Absichten dar - nicht als Verräter, wie die Staatsanwaltschaft zuvor betont hatte. Coombs zeigt vor Gericht noch ein Video, das Manning an die Plattform Wikileaks weitergeben haben soll. Brutale Kampfszenen aus dem Irak sind zu sehen, der Anwalt fragt: "Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie als 22-Jähriger ein solches Video sehen?"

Video

Dem Obergefreiten der US-Streitkräfte drohen mehr als 150 Jahre Haft, die Ankläger fordern lebenslang plus 154 Jahre. Mit weniger als 20 Jahren ist kaum zu rechnen. Ein verheerender Ausblick für einen 25-Jährigen. Wer ist der Mann, dem dieses Schicksal droht? Und was hat ihn zu seinen Taten angetrieben?

Bradley Edward Manning, Sohn einer gebürtigen Britin und eines US-Amerikaners, kam 1987 in dem 1000-Seelen-Ort Crescent in Oklahoma zur Welt. Die Umstände, in denen er groß wurde, waren trotzdem nicht idyllisch. Zwar wuchs er in einem zweistöckigen Haus auf, mit einem Swimmingpool im Garten, Schweinen und Hühnern auf den Feldern davor. Doch sein Vater war nur selten daheim. Als IT-Manager musste er viel reisen. Und auch seine Mutter kümmerte sich nicht um ihn. Sie war Alkoholikerin.

Gehänselt, verwirrt, allein

Mit 13, seine Eltern hatten sich gerade geschieden, wurde sich Manning langsam seiner Homosexualität bewusst. Offen ausleben sollte er sie erst Jahre später. Und als wäre das nicht genug Verwirrung für einen Teenager, zog seine Mutter nach der Scheidung mit ihm in ihre frühere Heimat Wales.

Als einziger Amerikaner machten sich seine Klassenkameraden über seinen Akzent lustig. Für viele fiel der 1,57 Meter große begeisterte Programmierer zudem in die Kategorie des klassischen Computer-Nerds. So beschreibt ihn sein Biograf Denver Nicks. Er erkennt ihn ihm aber auch einen Jugendlichen mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn. Obwohl selbst ein Mobbingopfer, setzte er sich laut Nicks immer wieder für andere gehänselte Mitschüler ein.

Vermeintlicher Ausweg Armee

Nach seinem Schulabschluss und der Rückkehr in die USA 2005 schlug Manning sich jahrelang mit Aushilfsjobs durch, wohnte teils bei seinem Vater, teils bei seiner Tante. Die US-Army erschien wie ein Ausweg. Doch als ziemlich kurz geratener, in sich gekehrter Homosexueller sollte er es auch hier nicht leicht haben. Ein Kamerad erzählte dem "Guardian" wie man mit ihm während des Grundwehrdienstes in Fort Leonard Wood umging: "Er war ein Wicht, also gib's ihm. Er war verrückt, gib's ihm. Er war eine Schwuchtel, gib's ihm."

Trotzdem hielt Manning durch, als Nachrichtenanalyst sicherte er sich 2009 einen Posten in der Militärbasis "Hammer", rund 50 Kilometer östlich von Bagdad. Er war befugt, auch mit Dokumenten der höchsten Geheimhaltungsstufen zu arbeiten, die das Potenzial hatten, dem Ruf der USA in der Welt nachhaltig zu schaden. Und dieses Potenzial nutzte er aus.

Cablegate und Killervideos

Im Jahr 2011 wird Manning bereits angehört - das Gesicht blass, der Blick unschuldig.
Im Jahr 2011 wird Manning bereits angehört - das Gesicht blass, der Blick unschuldig.(Foto: dpa)

Manning lieferte der Enthüllungsplattform Wikileaks etliche Datensätze. Zunächst sorgte im April 2010 das Video "Collateral Murder" für Aufsehen. Es zeigt den tödlichen Angriff eines Apache-Kampfshubschraubers auf vermeintlich bewaffnete Aufständische im Irak. Tatsächlich handelt es sich dabei aber um Zivilisten und Reporter mit Kameras.

Im November 2010 folgte die sogenannte "Cablegate-Affäre". Wikileaks veröffentlichte mehr als 250.000 diplomatische Depeschen der USA, die die Plattform ebenfalls von Manning erhielt. Und die umfassten nicht nur Material, das aus Sicherheitsgründen als  geheim eingestuft war. Sie gaben auch die spöttischen Kommentare von US-Botschaftern aus aller Welt über Regierungsmitglieder anderer Länder preis. Durch einen unachtsamen Chat verriet sich Manning als Informant. Noch 2010 verhafteten ihn die USA.

Jung und naiv oder vergrämt und egoistisch

Der Obergefreite erklärt sich in einer Reihe von Anklagepunkten für schuldig, räumt ein, 700.000 Dokumente an Wikileaks weitergeleitet zu haben. Allein diese Punkte reichen für 20 Jahre Haft. Die Kollaboration mit dem Feind und andere schwere Vorwürfe weist er zurück. Er habe eine Debatte über die Außenpolitik und den Krieg der Vereinigten Staaten anstoßen wollen.

Die Anklage dagegen glaubt, in dem 25-Jährigen einen Egoisten auf einem Rachefeldzug zu erkennen. Und auch für sie ist die Biografie Mannings ein Argument. Staatsanwalt Ashden Fein sagt über den Jungen, der immer auf sich gestellt war und selten Anerkennung fand für seine Leistungen: "Er war nur daran interessiert, es zu etwas zu bringen." Er sei "keine bedrängte, junge Seele", er sei "ein Verräter", der ohne Rücksicht auf andere in Kauf nahm, dass auch die Feinde der USA von seinen Enthüllungen profitieren.

Wenn Richterin Denise Lind an diesem Wochenende ihr Urteil fällt, geht es also im doppelten Sinne um ein Menschenleben. Um das Leben, das Bradley Manning dazu brachte, die Regierung seines Landes bloßzustellen. Und um das Leben danach.

In der öffentlichen Debatte geht das beinahe unter. Fast alles dreht sich um die Wirkung des bevorstehenden Prozessendes. Schließlich ist die Bedeutung des Falles jenseits dieses Einzelschicksals gewaltig. Trifft das Urteil Manning mit voller Härte, könnte es andere potenzielle Whistleblower abschrecken. Sollte die Richterin Manning schonen, drohen der US-Regierung wohl etliche weitere belastende Enthüllungen. Das Urteil wird einen Präzedenzfall schaffen - so oder so.

Quelle: n-tv.de

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