Politik

Vom Postar bis zu AttacBunte Szene der Gipfel-Gegner

22.05.2007, 13:57 Uhr

Für die Gegner und Kritiker beginnt der G8-Gipfel bereits, bevor die Staats- und Regierungschefs im mecklenburgischen Heiligendamm zusammenkommen.

Für die Gegner und Kritiker beginnt der G8-Gipfel bereits, bevor die Staats- und Regierungschefs im mecklenburgischen Heiligendamm zusammenkommen. Schon Ende Mai und Anfang Juni gibt es rund um das Tagungsgelände an der Ostsee Gegenveranstaltungen. Zum offiziellen Beginn des Treffens am 6. Juni soll der Protest dann auf Hochtouren laufen. Mehr als 100 bundesweite Organisationen und Gruppen beteiligen sich, hinzu kommen zahllose lokale Bündnisse. Insgesamt werden zwischen 50.000 und 100.000 Demonstranten erwartet. Keine Frage, für die Gegner sind die Tage im Juni genauso ein Höhepunkt ihrer internationalen Darstellung wie für die Bundesregierung.

Doch der Protest soll nur weitab der tagenden Staats- und Regierungschefs skandiert werden dürfen. Viele G8-Kritiker macht das wütend. Zudem hat die groß angelegte Razzia der Bundesanwaltschaft gegen "Terrorverdächtige" Anfang Mai in der Protestszene für Unmut gesorgt. Selbst Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) mahnte: "Man darf nicht die vielen Menschen, die Fragen stellen, und die wenigen, die kriminell sind, in einen Topf werfen."

Das Spektrum der G8-Kritiker ist auch zu riesig dafür: Es reicht von christlichen Pazifisten und Menschenrechtlern über Popstars, Entwicklungshelfer, Umweltschützer und Gentechnik-Gegner bis zu Globalisierungskritikern, Linksradikalen und Anarchisten. Eine einheitliche inhaltliche Plattform der Proteste gibt es nicht, stattdessen konkurrierende Protestaufrufe und Positionspapiere. "Die Kritik am Neoliberalismus ist der kleinste gemeinsame Nenner", erklärt der Experte für soziale Bewegungen vom Wissenschaftszentrum Berlin, Simon Teune. Es sei aber ein Fortschritt, dass die Gruppen ihre Aktionen untereinander koordinierten und nicht in Konkurrenz zueinander organisierten. Beim letzten deutschen G8-Gipfel 1999 in Köln sei das anders gewesen - und die Proteste hinterher eher "als Misserfolg gewertet" worden.

Auf konkrete Forderungen an die G8-Regierungen verzichten viele Organisationen, darunter auch das globalisierungskritische Netzwerk Attac. Deren Protestkoordinator Peter Wahl erklärt, dass sich die Organisation als Brücke zwischen verschiedenen Strömungen versteht und ein Teil der Mitglieder die G8-Gipfel für illegitim hält, weil die acht Staats- und Regierungschefs von niemandem autorisiert sind, Entscheidungen für den Rest der Welt zu treffen. "Wer illegitim ist, von dem kann man kein konkretes politisches Handeln einfordern."

Demgegenüber haben sich 42 Nichtregierungsorganisationen -von der religiösen Entwicklungshilfegruppe ADRA bis zum Umweltschutzverband WWF - auf ein gemeinsames Positionspapier mit konkreten Forderungen geeinigt. Darin verlangen sie etwa eine Reduzierung des Treibhausgas-Ausstoßes bis 2020 um 30 Prozent oder die Einhaltung der Zusage des G8-Gipfels von Gleneagles 2005, die Entwicklungshilfe bis 2010 deutlich zu erhöhen.

Einig sind sich alle, dass die Proteste vielfältig und kreativ sein sollen. Neben Diskussionen, Demonstrationen und Sitzblockaden auf wichtigen Straßen sind Theatervorführungen und Konzerte geplant. Prominente wie Boris Becker und Claudia Schiffer unterstützen die Kampagne "Deine Stimme gegen Armut", die ein großes Konzert in Rostock plant. Die Hilfsorganisation Oxfam Deutschland forderte zusammen mit der britischen Band Faithless mehr Engagement für Entwicklungsländer. Und die Musiker Herbert Grönemeyer, Bono von der Band U2 und Bob Geldof warnten die G8-Staaten bei einer gemeinsamen Pressekonferenz davor, ihre Versprechen für Afrika zu brechen. "Frau Merkel, wir werden Sie beobachten!", sagte Grönemeyer, der selbst in Rostock spielen will. Er erkennt durchaus auch ein Gewaltpotenzial in der Protestszene: "Ich glaube, es ist ganz normal, wenn die Menschen in ihrer Ohnmacht wütend werden."

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) fürchtet zwar, dass es einigen der Demonstranten von vornherein nicht um die inhaltliche Auseinandersetzung, sondern um Krawall geht. Aber selbst er räumt ein: "Wir wollen ja mit diesem G8-Gipfel die Aufmerksamkeit der Welt auf die Probleme Afrikas, auf die Probleme des Klimaschutzes erzielen -da helfen auch die Demonstrationen."

Christian Andresen und Caroline Bock, dpa