Politik
Diese Karikatur veröffentlichte Thomas Plaßmann am Tag nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo".
Diese Karikatur veröffentlichte Thomas Plaßmann am Tag nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo".

Wie weit dürfen Karikaturisten gehen?: "Charlie Hebdo ist besonders scharf"

Thomas Plaßmann kannte einen der ermordeten Zeichner von "Charlie Hebdo". Im Interview spricht der deutsche Karikaturist über die Grenzen der Satire, religiöse Gefühle und das Attentat in Paris. "Das macht mir Angst", sagt Plaßmann.

n-tv.de: Nach dem Mordanschlag in Paris stellt sich die Frage: Wie weit dürfen politische Karikaturen gehen?

Thomas Plaßmann zeichnet seit Jahren Karikaturen und Cartoons, unter anderem für die "Frankfurter Rundschau", die "Berliner Zeitung" und die "Hannoversche Allgemeine Zeitung".
Thomas Plaßmann zeichnet seit Jahren Karikaturen und Cartoons, unter anderem für die "Frankfurter Rundschau", die "Berliner Zeitung" und die "Hannoversche Allgemeine Zeitung".

Thomas Plaßmann: Ich glaube an Tucholskys Spruch, Satire darf alles. Wir brauchen einen freien Raum, um Zustände zu beschreiben, die man für kritikwürdig hält. Die größte Schwierigkeit besteht darin, dass nicht für jeden Menschen dieselben Grenzen gelten. Am Ende muss jeder Zeichner mit sich selbst ausmachen, wie weit er bereit ist zu gehen.

Haben Sie sich Regeln auferlegt für Ihre Zeichnungen?

Ich will mit meiner Arbeit niemanden bewusst in seiner Würde verletzen. Ich achte auch darauf, mit meinen Zeichnungen Respekt vor religiösen Gefühlen zu wahren.

Haben Sie ein Beispiel?

Niemand lässt sich gern als mieses Arschloch bezeichnen. So etwas möchte ich auch nicht in meiner Arbeit tun. In der Sache darf eine Karikatur so scharf wie möglich sein, aber Respekt vor dem Einzelnen ist geboten.

Besonders trennscharf ist das nicht.

Das ist auch schwer, weil man nie weiß, ab wann sich jemand beleidigt fühlt. Einer sagt zu einer Karikatur: "War das alles?" Aber der Nächste reißt schon bei der vorsichtigen Andeutung die Hände hoch und ruft: "Bis hierhin und nicht weiter."

Kann man ohne Provokation überhaupt ein guter Karikaturist sein?

Es ist ein wesentliches Merkmal der Karikatur, mit der Provokation zu spielen. Denn sie ist vorzüglich geeignet, Widerspruch hervorzurufen und Gedanken in Bewegung zu setzen.

Im Januar 2014 zeigte die Titelseite von "Charlie Hebdo" eine Karikatur des französischen Präsidenten Hollande.
Im Januar 2014 zeigte die Titelseite von "Charlie Hebdo" eine Karikatur des französischen Präsidenten Hollande.

Kannten Sie die Kollegen von "Charlie Hebdo"?

Ja. Mich berührt das besonders, weil ich Tignous, einen der ermordeten Zeichner, persönlich kannte. Wir waren zusammen mal ein paar Tage bei einer Veranstaltung. Ich habe ihn sehr geschätzt und stehe immer noch unter Schock. Das, was dort passiert ist, ist ja auch meine Arbeit. Die Kollegen haben das getan, was ich jeden Tag mache und sind dafür hingerichtet worden. Das macht mir Angst.

Waren die Zeichnungen von "Charlie Hebdo" so scharf wie die in deutschen Zeitungen oder schärfer?

Charb und seine Kollegen sind schon besonders scharf rangegangen. Sie haben sehr bewusst mit der Provokation gespielt, was ja auch völlig legitim ist. Aber ich persönlich hätte bei manchen Zeichnungen Probleme gehabt. Da habe ich manchmal gedacht: "So würdest du das nicht tun."

Werden Sie in Zukunft vorsichtiger zeichnen?

Ich hoffe nicht, dass der Anschlag in Paris dazu führt, dass man die berühmte Schere im Kopf noch deutlicher spürt. Beim Karikaturenstreit 2005 sind wir Zeichner das erste Mal heftig auf diesen Punkt gestoßen worden. Jeder bringt seine Striche zu Papier und plötzlich steht die halbe Welt in Brand. Das bleibt nicht ohne Wirkung. Wir müssen jetzt darum kämpfen, dass diese Schere im Kopf nicht zu stark wird. Es ist aber schon so: Man schaut auf seine Karikaturen noch einmal zusätzlich drauf, bevor man sie zur Veröffentlichung rausschickt.

Kann man als Karikaturist überhaupt eine Zielgruppe verschonen?

Nein, das sollte man auch nicht. Religion ist genauso ein Thema für Karikatur und Satire wie Wirtschaft oder Politik. Es bekommt nur eine besondere Brisanz, weil die Religion vielen Menschen heilig ist. Aber uns geht es ja nicht darum, sie in den Schmutz zu ziehen. Wir Zeichner wollen Missstände aufspießen, dazu gehören auch Entwicklungen, die religiös motiviert sind und Menschen zu Opfern machen.

Wurden Sie auch schon mal bedroht?

Ich kenne einen Kollegen, der Drohungen erhalten hat und sich verstecken musste, ich persönlich habe das noch nicht erlebt. Kritik für das, was ich mache, bleibt natürlich nicht aus. Aber es wäre auch komisch, wenn alle Leute immer sagen würden: "Das haben Sie ja wieder nett gemacht." Es ist ja unsere Aufgabe, Widersprüche herauszukitzeln und dafür auch mal was aufs Maul zu kriegen.

Mit Thomas Plaßmann sprach Christian Rothenberg

Quelle: n-tv.de

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