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Stumpfe Winkel, geneigte Seitenruder und vorgezogene Triebwerkseinlässe: die "Guying" bei ihrem Jungfernflug.
Stumpfe Winkel, geneigte Seitenruder und vorgezogene Triebwerkseinlässe: die "Guying" bei ihrem Jungfernflug.(Foto: REUTERS)

Aufholjagd mit Tarnkappentechnik: China führt neuen Kampfjet vor

Von Martin Morcinek

Für Spionage-Material sind die Aufnahmen erstaunlich klar: Gestochen scharfe Bilder eines neuen Kampfjets lösen rund um China Ängste vor einem beschleunigten Rüstungswettlauf aus. US-Militärs staunen. Die Silhouette des Jets erinnert stark an das derzeit modernste Tarnkappen-Waffensystem der Amerikaner.

Die Beschichtung und das Innenleben machen den Unterschied: Rein äußerlich ist die F-35 für Laien kaum von dem neuen chinesischen Militärflugzeug zu unterscheiden.
Die Beschichtung und das Innenleben machen den Unterschied: Rein äußerlich ist die F-35 für Laien kaum von dem neuen chinesischen Militärflugzeug zu unterscheiden.(Foto: picture alliance / dpa)

Kämpft China gegen eine undichte Stelle in der eigenen Rüstungsindustrie? Oder handelt es sich um einen genau geplanten PR-Coup der ? In den vergangenen Tagen haben ungewöhnlich deutliche Aufnahmen von einem neuen chinesischen Kampfjet Luftfahrtexperten in helle Aufregung versetzt und gleichzeitig die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf die Rüstungsanstrengungen in China gelenkt.

Was genau ist passiert? In Shenyang im Nordosten des Landes sei ein neues Militärflugzeug vom Typ "Guying" ("Kämpfender Falke") zu ersten Testflügen gestartet, berichten chinesische Medien. Die Bilder erregten unter westlichen Militäranalysten sofort Aufsehen. Bei der Maschine soll es sich um den Typ J-31 handeln, ein zweistrahliges Kampfflugzeug, das aufgrund seiner charakteristischen Formgebung und einer speziellen Oberflächenbeschichtung auf Radarschirmen wohl nahezu unsichtbar bleiben könne.

Wenn das zutrifft, dann wäre die Maschine bereits Chinas zweiter flugfähiger Tarnkappenjet. Bislang verfügen lediglich Washington und Moskau über Maschinen der sogenannten fünften Fighter-Generation: Hightech-Kampfjets, die auch unter voller Bewaffnung noch mehr oder weniger unerkannt von ihren Gegnern tief in feindliche Lufträume eindringen können. Während eines Besuchs des damaligen US-Verteidigungsministers Robert Gates im Januar 2011 waren bereits unscharfe Aufnahmen des ersten chinesischen Tarnkappenjets an die Öffentlichkeit gelangt.

Sorgen von Indien bis Japan: "Was wir hier (...) sehen, ist der langsame Aufstieg einer regionalen Militärmacht ersten Ranges."
Sorgen von Indien bis Japan: "Was wir hier (...) sehen, ist der langsame Aufstieg einer regionalen Militärmacht ersten Ranges."(Foto: REUTERS)

Schon der Prototyp J-20 erweckte den Eindruck einer recht gut getroffenen Kopie des US-Prestigejets . Auch im Fall der J-31 erinnern nun nicht nur die äußere Form, sondern auch zahlreiche der erkennbaren Details an ein mögliches US-Vorbild - an das derzeit modernste Kampfflugzeug aus amerikanischer Produktion, die . Umgehend spekulierten US-Medien über etwaige Zusammenhänge mit und anderen Fällen von .

Bisher kennt die Welt allerdings nur Bilder. Belegen lässt sich damit aus der Sicht des Pentagon nichts. Ob der neue Jet aus Shenyang tatsächlich über vergleichbare Flugeigenschaften und eine ähnlich niedrige Radarsignatur verfügt wie die mit viel Aufwand geschützten Stealth-Jets der US-Luftwaffe, ist nach Ansicht von Experten unklar. Probleme sollen die Chinesen insbesondere mit den Triebwerken und der Bordelektronik haben. Eindeutig sei bislang lediglich, dass die Aufnahmen nicht zufällig an die Öffentlichkeit gelangt sein könnten. "Es muss ein offizieller Fotograf gewesen sein", zitierte CNN einen Rüstungsexperten der US-Denkfabrik Global Security. "Niemand sonst wäre so nahe an das Flugzeug herangekommen."

Ein Signal an alle Nachbarn

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Die neue, demonstrative Offenheit im Umgang mit bislang hochgeheimen Rüstungsprogrammen löst bei Chinas Nachbarstaaten zunehmend Besorgnis aus. Das demonstrative Vorzeigen neuer Waffen dürfte in der Region und weit darüber hinaus eine neue Rüstungsspirale in Gang setzen. Schon jetzt investieren nicht nur Schwergewichte wie China, Japan oder Indien umfangreiche Milliardenbeträge in die Ausstattung ihrer Streitkräfte - . Auch kleinere Länder wie oder Singapur wollen militärisch nicht zurückfallen.

In den Docks von Dalian: Die "Liaoning", Chinas erster Flugzeugträger.
In den Docks von Dalian: Die "Liaoning", Chinas erster Flugzeugträger.(Foto: REUTERS)

China lasse mit der Vorführung des neuen Kampfflugzeugs die Muskeln spielen, kommentierte zum Beispiel die "Times of India" die Waffenschau der Chinesen. "Was wir hier seit den frühen 90er Jahren sehen, ist der langsame Aufstieg einer regionalen Militärmacht ersten Ranges", zitierte die auflagenstarke indische Tageszeitung einen Analysten.

Dabei gleicht der pazifische Raum schon jetzt einem geostrategischen : China steht mit mehreren Nachbarstaaten im Streit um Gebietsansprüche, darunter im Ostchinesischen Meer mit Japan, im Südosten mit den Philippinen und im Süden mit Vietnam. Dabei geht es nicht nur um Nationalismus, patriotische Gefühle oder die militärische Vorherrschaft über . Beobachter vermuten hinter den Streitigkeiten auch handfeste Rohstoffinteressen.

Droht ein zweiter Kalter Krieg?

Daneben zeichnet sich immer stärker auch ein wachsendes chinesisch-amerikanisches Konkurrenzdenken im Pazifik ab. Noch liegt Pekings militärische Schlagkraft weiter hinter den gewaltigen Kapazitäten der USA, die in der Region nicht nur mit eigenen Militärbasen in oder , sondern auch mit ihren Flugzeugträgerflotten auftrumpfen können. Doch China arbeitet allem Anschein sehr aggressiv daran, die eigene Stärke auszubauen und sich ein eigenes, schlagkräftiges Arsenal an modernsten Waffen aufzubauen.

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Zu dieser Strategie passt auch der Aufwand, mit dem die "Volksbefreiungsarmee" die Indienststellung einer eigenen Träger-Flotte vorantreibt. Erst kürzlich durfte die chinesische Marine ihren ersten Flugzeugträger offiziell entgegennehmen. Das Land rückt damit zum ersten Mal in seiner Geschichte auf. China steht damit in einer Reihe mit traditionellen Seemächten wie Frankreich, Spanien oder Großbritannien. Nur wenige Nationen leisten sich neben den USA die enormen Ausgaben, die mit dem Bau und Betrieb eines solchen Großkampfschiffes verbunden sind. Nicht umsonst sehen viele Beobachter in dem kostspieligen Strategiewechsel ein deutliches Vorzeichen für eine bevorstehende Expansion der künftigen Supermacht China.

Schwimmender Machtanspruch

Der gehöre nun offiziell zu den Seestreitkräften des Landes, teilte das Verteidigungsministerium in Peking Ende September mit. Ob das Kriegsschiff damit auch den aktiven Dienst aufnimmt, blieb zunächst offen. Benannt ist Flugzeugträger russischer Bauart nach einer nordöstlichen Provinz, in der zahlreiche Betriebsstätten der chinesischen Rüstungsindustrie beheimatet sind. Der Bau des Flugzeugträgers war noch in der heißen Phase des Kalten Krieges begonnen, aber beim Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 abgebrochen worden.

China erwarb den Rumpf des damals "Warjag" genannten Schiffs ohne Motor und elektrische Ausstattung 1998 von der Ukraine. In jahrelanger Arbeit haben chinesische Schiffbauer den Träger schließlich fertiggestellt. Offiziellen Angaben zufolge soll das Schiff vor allem für Ausbildungs- und Forschungszwecke dienen. Militärexperten gehen davon aus, dass sich die chinesische Marine damit auf den Einsatz zukünftiger Flugzeugträgerflotten vorbereitet.

Instrumente der Außenpolitik

Träger und Kampfjets sind dabei anscheinend fester Bestandteil eines größeren Plans: Der neue Tarnkappenflieger scheint deutlich kleiner und leichter zu sein als J-20. Westliche Luftfahrtexperten sahen darin einen Hinweis auf eine weitere detailgetreue Übernahme: In der chinesischen Strategieplanung sei dem größeren Flugzeug wohl eine Rolle als Luftüberlegenheitsjäger analog zur F-22 zugedacht, heißt es, während das kleinere und wendigere Modell wie der US-amerikanische Joint Strike Fighter F-35 die Aufgaben eines Mehrzweckkampflugzeugs übernehmen könne.

Die kompaktere Form der J-31 bietet dabei einen weiteren Vorteil: Offensichtlich haben die Planer auch die typischen Anforderungen eines Flugzeugträger-Einsatzes bedacht.

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Quelle: n-tv.de

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