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6. November 1998, noch hielt der Schein: Kohl, Schäuble und Merkel vor Beginn einer Vorstandssitzung der CDU.
6. November 1998, noch hielt der Schein: Kohl, Schäuble und Merkel vor Beginn einer Vorstandssitzung der CDU.(Foto: picture-alliance / dpa)

Kohl, Schäuble, Merkel: Das Dreieck der Brüche

Von Hubertus Volmer

Wolfgang Schäuble und Angela Merkel haben eines gemeinsam: Sie waren zunächst so etwas wie Ziehkinder von Helmut Kohl und stellten sich später gegen ihn. Merkel vollzog den Bruch zuerst, Schäuble vollzog ihn radikaler. In beiden Fällen war die CDU-Spendenaffäre das auslösende Moment.

Hass und Intrige, Verachtung und Vatermord - das ist der Stoff, aus dem die jüngste Geschichte der Christlich-Demokratischen Union gemacht ist. Die Protagonisten sind die drei jüngsten Parteichefs der CDU: Helmut Kohl, Wolfgang Schäuble, Angela Merkel.

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Das alles ist dreizehn Jahre her. Im November 1999 kommt heraus, dass die CDU ein Geflecht von schwarzen Konten unterhält, die mit unversteuerten und damit illegalen Parteispenden gefüttert werden. Kohl selbst sagt, er habe zwischen 1993 und 1998 Spenden in Höhe von 1,5 bis 2 Millionen D-Mark angenommen. Dass er diese Spenden "am Rechenwerk der Schatzmeisterei vorbei in die Parteiarbeit gesteckt" habe, sei ein "Fehler" gewesen. Die Namen der Spender nennt er nicht, bis heute nicht; er habe ihnen sein "Ehrenwort" gegeben, ihre Identität geheim zu halten.

Am 22. Dezember 1999 veröffentlicht die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" einen Merkel-Text, in dem diese ihre Partei dazu aufruft, "ohne ihr altes Schlachtross, wie Helmut Kohl sich selbst oft gerne genannt hat, den Kampf mit dem politischen Gegner aufzunehmen". Der Artikel ist ein beispielloser Angriff auf den einstigen Übervater. Merkel will einen Schlussstrich ziehen, die CDU aus dem Spendensumpf ziehen. Merkel ist zu diesem Zeitpunkt CDU-Generalsekretärin, Schäuble ist Parteichef. Sein Bruch mit Kohl hat eine etwas längere Anlaufzeit.

Der blockierte Kronprinz

Schäuble gehört schon in den 70er Jahren zur "Kampfgruppe Kohl", er ist von 1984 bis 1989 Chef des Bundeskanzleramts und von 1989 bis 1991 Kohls Innenminister, danach Fraktionschef. Zu dieser Zeit gilt Schäuble als "Kronprinz". Im Oktober 1997 schiebt Kohl ihm diese Rolle ausdrücklich zu. Nach einem CDU-Parteitag sagt er, für Schäuble überraschend, in einem Interview: "Jeder weiß, ich wünsche mir Wolfgang Schäuble als Bundeskanzler." Gleichzeitig lässt Kohl keinen Zweifel daran, dass er - früheren Ankündigungen zum Trotz - bis 2002 im Amt bleiben will.

Zu ersten grundlegenden Konflikten zwischen Schäuble und Kohl kommt es, als vor der Wahl 1998 immer klarer wird, dass die CDU mit Kohl nicht gewinnen kann. Schäuble legt Kohl nahe, auf die Kanzlerkandidatur zu verzichten, Kohl lehnt ab. Öffentlich spricht Schäuble darüber, dass Kohl ja nicht für die vollen vier Jahre im Amt bleiben müsse. Kohls Antwort: "Ich kandidiere für diese Legislaturperiode. Punkt. Aus. Feierabend." Der Rest ist bekannt: Kohl wird abgewählt, Kanzler wird der Sozialdemokrat Gerhard Schröder.

"Ich verabscheue Herrn Kohl"

30. November 1999, der Bruch steht kurz bevor: Ex-Kanzler Kohl verlässt eine Pressekonferenz zur CDU-Spendenaffäre und lässt Schäuble und Merkel sitzen.
30. November 1999, der Bruch steht kurz bevor: Ex-Kanzler Kohl verlässt eine Pressekonferenz zur CDU-Spendenaffäre und lässt Schäuble und Merkel sitzen.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Anfang 2000 muss Schäuble einräumen, dass er 1994 eine illegale Geldspende von dem Waffenlobbyisten Karlheinz Schreiber angenommen hatte. Obwohl die 100.000 D-Mark, um die es dabei geht, Peanuts im Vergleich zur Schwarzgeldaffäre insgesamt sind, setzt der Vorfall Schäuble erheblich unter Druck. Am 18. Januar 2000 fordert Schäuble Kohl auf, die Namen der Spender zu nennen oder sein Bundestagsmandat niederzulegen. Kohl weigert sich, zeigt keinerlei Schuldbewusstsein und lässt sich -  so Schäuble später - zu der Bemerkung hinreißen, lediglich die Schreiber-Spende an Schäuble habe "diese Affäre zu einer so dramatischen Krise werden lassen". Schäuble beendet das Gespräch mit den Worten, er habe "schon zu viel meiner knapp bemessenen Lebenszeit" mit Kohl verbracht.

Einen Monat später gibt Schäuble sein Amt als Partei- und Fraktionschef auf. Tags darauf tritt sein Bruder Thomas Schäuble, Innenminister in Baden-Württemberg, vor die Presse und sagt: "Ich verabscheue Herrn Kohl, und da kann ich für die ganze Familie sprechen."

Die Beziehung ist "beendet"

Das Verhältnis von Schäuble und Kohl ist seither "beendet", wie Schäuble es ausdrückt. Kohl seinerseits stellt es so dar, als sei der Bruch von Schäuble ausgegangen. In seinem "Tagebuch" schreibt Kohl unter dem Datum "Weihnachten 1999", es werde "immer deutlicher", dass Schäuble und Merkel "ein abgesprochenes Spiel mit verteilten Rollen" spielten. Dass Schäuble, wie dieser betont, nichts von Merkels FAZ-Artikel gewusst hat, glaubt Kohl nicht. Er selbst wäscht seine Hände in Unschuld: "Ich weiß nicht, wer gegen ihn intrigieren sollte", schreibt er über Schäuble. "Weder kann ich eine Intrige feststellen, noch bin ich an einer beteiligt."

Jahre später bemüht Kohl sich um eine Versöhnung, bei der Feier zum 20. Jahrestag der Vereinigung von CDU-Ost und CDU-West schickt er Schäuble "mit großer Herzlichkeit" einen Gruß ins Krankenhaus. Schäuble ignoriert solche Gesten. Auf die Frage, ob er zur großen Kohl-Feier zum Jahrestag der Kanzlerwahl kommen werde, sagte Schäuble kürzlich: "Ich war schon bei den Koalitionsverhandlungen dabei, die 1982 zur Regierungsbildung geführt haben, und werde natürlich auch hier anwesend sein. Ich hatte das Glück, in diesen 16 Jahren einer von Kohls engsten Vertrauten gewesen zu sein - auch wenn unsere Beziehung inzwischen beendet ist." Für Schäuble ist das Ende seiner Beziehung zu Kohl kaum noch eine Erwähnung wert.

Dass auch Merkel und Schäuble ein schwieriges Verhältnis haben, ist heute allenfalls eine Fußnote. 2004 lässt Merkel Schäuble in dem Glauben, dass er Bundespräsident werden soll - und verhindert seine Nominierung dann zugunsten von Horst Köhler.

Mit Schäuble hat Merkel sich versöhnt, längst ist er ihr wichtigster Minister. Merkel und Kohl haben sich arrangiert, was abfällige Bemerkungen aus Ludwigshafen nicht ausschließt. "Die macht mir mein Europa kaputt", dieses Zitat trugen Kohl-Vertraute im Sommer 2011 in die Medien und machten damit Schlagzeilen. Wenig später gab Kohl ein Interview, in dem er hart mit der deutschen Außenpolitik ins Gericht ging. "Europa bleibt gerade auch für Deutschland ohne Alternative", sagte er darin. Doch seine Kritik bleibt abstrakt, einen Gegenentwurf hat Kohl nicht anzubieten. Sorgen muss Merkel sich nicht machen.

Quelle: n-tv.de

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