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Eine Kirche in Hannover.
Eine Kirche in Hannover.(Foto: picture alliance / dpa)

"Die Kirche ist eine Thermoskanne": Das Gott verzeiht auch das Banale

"Ehrfurchtlosigkeit und Banalisierung greifen um sich", beklagt Erzbischof Kardinal Meisner und bezeichnet die Kirche als Thermoskanne: innen warm und außen kalt. Experten gehen ohnehin davon aus, dass sich der Glaube immer individueller zusammensetzt - bis er zur einsamen Privatsache wird.

Deutschland hat kurz vor Weihnachten ein Thema gefunden, das von einem Vatikan-Berater als "dd" bezeichnet wird - als dumm und dreist. Die Rede ist von "das Gott". Die Äußerungen von Bundesfamilienministerin Kristina Schröder brachte der Unionspolitikerin beißende Kritik aus der katholischen Kirche ein. Von "erschreckendem religiösem Analphabetismus" ist die Rede, auch von einem "hemmungslosen Opportunismus".

Meisner hat am Samstag sein Goldenes Priesterjubiläum gefeiert. Er war vor 50 Jahren zum Priester geweiht worden.
Meisner hat am Samstag sein Goldenes Priesterjubiläum gefeiert. Er war vor 50 Jahren zum Priester geweiht worden.(Foto: dapd)

Mitten in dieser Diskussion warf der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner der Kirche einen Mangel an Ausstrahlungskraft vor. Ihn erinnere die Kirche "an eine Thermoskanne". "Die hält die Wärme nach innen fest und strahlt sie nicht aus", sagte Meisner der Zeitung "Die Welt". Er beklagte die Ehrfurchtslosigkeit und, dass viele Christen gar nicht mehr auf ihren Glauben angesprochen werden wollten. Sie könnten den Glauben "nicht mehr zur Deckung bringen mit ihrer gegenwärtigen Situation", sagte der Kardinal. "Viele von uns Christen sind sogar froh, wenn sie niemand mehr danach fragt."

Die Schuld an der Entwicklung gab Meisner auch den Neuerungen in der katholischen Kirche. "Wir haben das eucharistische Fasten abgeschafft, wir haben die Kommunionbänke abgeschafft, wir knien nicht mehr nieder - und haben nichts dagegen getan, dass damit auch Ehrfurchtlosigkeit und Banalisierung um sich griffen", sagte er. "Das konnte nicht gut gehen." Der "Entsakralisierung" des Lebens müsse ein Ende gemacht werden, hierbei sei jeder Gläubige gefragt.

"Das" geht zu weit

Die "Kirche als Thermoskanne" reiht sich in die theologischen Betrachtungen dieser Tage, zu der auch Kristina Schröders Geschlechterdebatte zählt. Die Bundesfamilienministerin hatte mit dem Begriff "Das Gott" für Aufregung gesorgt. Regierungssprecher Steffen Seibert musste schließlich päpstliche und göttliche Weisheit bemühen, um die Wogen zu glätten.

Kristina Schröder hatte gar keine Geschlechterdebatte anstoßen wollen.
Kristina Schröder hatte gar keine Geschlechterdebatte anstoßen wollen.(Foto: dpa)

Mit solcherlei Sprachsensibilitäten hat Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer nichts am Hut. "Dieser verkopfte Quatsch macht mich sprachlos", sagte die CSU-Politikerin der "Bild"-Zeitung. Ihr Parteikollege, der Innenpolitiker Stephan Mayer, sagte: "Anstatt immer wieder völlig sinnlose Debatten anzuzetteln, sollte die Ministerin einfach mal ihre Arbeit machen." Und der parlamentarische Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Stefan Müller, nannte die Äußerungen der Ministerin "unabhängig von der Weihnachtszeit unpassend".

Noch beißender äußerte sich der Vatikan-Berater und Direktor des bayerischen Wallfahrtsorts Maria Vesperbild, Prälat Wilhelm Imkamp. "Die Äußerungen von Frau Schröder zeugen von einem erschreckenden religiösen Analphabetismus, sie kennt die Grundrechenarten des Glaubens nicht. Sie sind 'dd', dumm und dreist, und zeugen auch von einem hemmungslosen Opportunismus." Imkamp berät unter anderem die Selig- und Heiligsprechungskongregation des Vatikan.

Papst: Sexuelle Identität keine persönliche Entscheidung

Benedikt XVI. beim Empfang in Vatikan.
Benedikt XVI. beim Empfang in Vatikan.(Foto: REUTERS)

Auch dort wird dieser Tage von Stress berichtet: So kritisiert Papst Benedikt XVI. eine Verwässerung des klassischen Familienbildes und stellt damit indirekt gleichgeschlechtliche Beziehungen an den Pranger. Ohne die Homo-Ehe ausdrücklich zu erwähnen, warnte der Pontifex bei einem Weihnachtsempfang für die Kurie im Vatikan vor einem "Angriff auf die wahre Gestalt der Familie aus Vater, Mutter, Kind". Der Papst beklagte die "tiefe Unwahrheit" moderner Theorien über die sexuelle Identität, wonach das Geschlecht eine persönliche Entscheidung sei. Auf das Geschlecht Gottes ging der Papst nicht genauer ein. In seinem Jesus-Buch, Band 1, Seite 174 steht indes geschrieben: "Natürlich ist Gott weder Mann noch Frau."

Sodom und Gomorra

Experten sind ohnehin der Meinung, dass in Deutschland der Trend zunimmt, sich seinen Glauben individuell zusammenzusetzen. Mit Blick auf das Christentum sei es zwar immer schon so gewesen, dass der einzelne Gläubige nicht zwingend auch sämtliche offizielle Glaubensinhalte akzeptiert habe, sagte der Theologe und Ethiker Michael Bongardt in Berlin. Aber: "Früher bewegte sich die individuelle Glaubenshaltung noch im Rahmen der eigenen Religion. Heute glauben mehr Menschen über Religionsgrenzen hinweg." Bestes Beispiel sei der Einzug der ostasiatischen Meditation. Dadurch werde das Glauben individueller, aber auch mehr zur einsamen Privatsache.

Der Trend zur Individualisierung des Glaubens habe auch Folgen für die großen Kirchen: "Sie haben nicht nur stark sinkende Mitgliederzahlen, sondern auch immer weniger aktive Gemeindemitglieder. Die Kritischeren gehen, die Konservativen bleiben." Und das kann - wie Meisner sagt - "nicht gut gehen".

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Quelle: n-tv.de

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