Politik
Ein IS-Kämpfer verliest im syrischen Ar-Raqqa ein Urteil eines islamischen Gerichts: Auspeitschen als Strafe für Ehebruch.
Ein IS-Kämpfer verliest im syrischen Ar-Raqqa ein Urteil eines islamischen Gerichts: Auspeitschen als Strafe für Ehebruch.(Foto: AP)
Sonntag, 28. Juni 2015

Ein neuer Naher Osten entsteht: Das Kalifat bleibt unbesiegt

Von Nora Schareika

Ende Juni 2014 ruft die Terrormiliz IS ihr "Kalifat" aus. Ein Jahr später muss man feststellen: Selbst die Feinde des IS haben die Grenzen des neuen Staates de facto anerkannt. Sie feilen längst an einer neuen Kleinstaaterei im Nahen Osten.

Vor einem Jahr schrieb der Islamische Staat die Landkarte des Nahen Ostens neu. Die Terrormiliz rief am 29. Juni 2014 das "Kalifat des Islamischen Staates" in Teilen von Syrien und dem Irak aus. Damit waren die seit knapp hundert Jahren geltenden Staatsgrenzen der Kunstgebilde Irak und Syrien Geschichte. Jedenfalls muss man das jetzt so sehen. Denn Syrien und Irak wird es in ihrer alten Form wohl nicht mehr geben.

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In den ersten Wochen des Juni 2014 hatten die Dschihadisten in einem beispiellosen Eroberungssturm zunächst den Nordirak überrannt. In Syrien waren sie schon lange da, hatten unbemerkt ganze Dörfer und Städte unterwandert. Die Verkündung des Kalifats hielten viele im Westen für einen schlechten Witz. Doch das IS-Kalifat hat Fakten geschaffen und ist auf syrischem Boden – aus taktischen Erwägungen einiger Kriegsparteien – sogar in Teilen de facto anerkannt. Und das, obwohl alle anderen kämpfenden Parteien sich einig sind in diesem einen Punkt, dass der IS bekämpft werden müsse.

Selbst die USA und europäische Staaten, die sich aus den Kämpfen in Syrien ursprünglich heraushalten wollten, griffen zweieinhalb Monate nach Ausrufung des Kalifats ein, als im Nordirak Tausende von Jesiden ermordet oder versklavt wurden. Seit September bombardiert eine von den USA geführte Koalition Stellungen des IS im Irak, später wurde der Einsatz auch auf Syrien ausgeweitet. Das hat zwar zu einer merklichen Schwächung der Miliz geführt. Trotzdem konnte sie sich weiter ausbreiten wie ein Krebsgeschwür. Inzwischen beherrscht der IS fast die Hälfte des syrischen und ein Drittel des irakischen Staatsgebiets.

Ein verhängnisvoller Deal

In Syrien scheint es einzelnen Kriegsparteien geradezu gelegen zu kommen, dass sie das Kalifat bei ihrer Kriegsführung ausklammern können, als ob dessen Gebiet nichts mehr mit Syrien zu tun hätte. Das gilt insbesondere für das syrische Regime und die libanesische Hisbollah. Beider Hauptinteresse ist es, einen zukünftigen alawitischen Kernstaat zu halten, der Zugang zur Mittelmeerküste hat. Beide wissen den IS dafür sogar zu nutzen, indem sie einen unausgesprochenen Pakt mit ihm eingehen. Der geht so: Wenn ihr uns in Ruhe lasst, lassen wir euch in Ruhe. Beobachter halten es inzwischen für sehr wahrscheinlich, dass das Assad-Regime und seine geschwächte Armee sich auf die Teilung Syriens vorbereiten und den zukünftigen Alawitenstaat versuchen abzusichern.

Wo der IS gegen Rebellengruppen kämpft, erledigt er gleich die Arbeit für das Regime in Damaskus mit. Dass diese Logik, zu Ende gedacht, irgendwann einmal zur finalen Schlacht führen muss, scheint für den Moment ignoriert zu werden. Betrachtet man die Eroberung Palmyras im Mai dieses Jahres, sieht es für die syrische Armee für den Fall einer solchen Konfrontation allerdings schlecht aus. Das gilt auch für die vielgescholtene irakische Armee, die kampflos die nur Tage zuvor die Provinzstadt Ramadi den Dschihadisten überließ. Der IS hält sich nicht einmal an rudimentärste Kriegsregeln.

Kurden beweisen Mut

Bei den syrischen Oppositionellen, die in unterschiedlichsten Formationen auftreten und nur wegen ihrer gemeinsamen Feinde überhaupt so als Gruppe genannt werden können, hat der inoffizielle Pakt zwischen Regime und IS große Verbitterung hervorgerufen. Sie kämpfen an zwei Großfronten und vielen weiteren kleinen. Lediglich der Norden Syriens um die Stadt Idlib ist fest in Rebellenhand, wobei hier verschiedene Gruppen von Islamisten und (Nicht-IS-)Dschihadisten sowie die Freie Syrische Armee jeweils Gebiete kontrollieren. Nördlich von Aleppo verläuft die Frontlinie zum Gebiet des IS.

Interessant könnte noch die Rolle der Nusra-Front werden. Die "syrische Al-Kaida" versucht derzeit mithilfe von Unterstützern in Katar und anderswo, sich ein neues Image zu geben: als moderate Islamisten und Alternative zu IS und Assad-Regime. Insbesondere unter der einfachen sunnitischen Bevölkerung vom Land hat die Nusra-Front viele Anhänger.

Bemerkenswert erfolgreich gehen derzeit aber die Kurden in Nordsyrien und im Nordirak gegen den IS vor. Die syrischen Kurden mit ihren Volksschutzeinheiten (YPG) und die Peschmerga im Irak halten die Terror-Kämpfer in Schach. Zuletzt gelang es der YPG, den IS aus der syrisch-türkischen Grenzstadt Tal Abyad zu vertreiben und die IS-Hochburg Rakka herauszufordern. In einem seiner typischen Überraschungsschläge drang der IS vor wenigen Tagen aber wieder nach Kobane ein, das im Januar erst nach monatelangen Kämpfen vom IS befreit worden war und zu einem Symbol für den Anti-IS-Kampf wurde.

Wie die Peschmerga, die kurdischen Einheiten im Nordirak, 24 Stunden am Tag den IS abwehren, zeigte jüngst sehr eindrücklich der britische Journalist Aris Roussinos in einer Dokumentation für "Vice News". In einem Zermürbungskampf halten die Kurden dort am Sindschar-Gebirge ihr mühsam zurückerobertes Gebiet, das auch von der Anti-IS-Koalition freigebombt worden ist. Der Ausgang dieses Kampfes ist ungewiss.

Die Zivilbevölkerung ist der Schlüssel

Der Irak wird ebenso wie Syrien im Griff der skrupellosen Mittelalter-Islamisten bleiben, solange sunnitische Stämme den IS in ihren Siedlungsgebieten gewähren lassen. Das war neben geheimdienstlicher Unterwanderung einer der Hauptgründe für die Ausbreitung im Irak. Diese im Westirak beheimateten Stämme sehen im IS das kleinere Übel statt der schiitischen Regierung in Bagdad, die sie nicht als die ihre betrachten.

Was bedeutet all das für die Zukunft? Ein Dreivierteljahr dauern die Luftschläge gegen den IS nun an. Obwohl mehr als 6000 Kämpfer getötet wurden, hat der IS ein Jahr nach Ausrufung des Kalifats ein größeres Herrschaftsgebiet. Die Strategen der beteiligten Staaten sind zu der Erkenntnis gelangt, dass der Kampf Jahre dauern wird. Die Dschihadisten haben sich schnell der neuen Situation angepasst und machen sich nicht mehr so leicht zum Ziel der Kampfjets. Gegen Selbstmordattentäter in mit Sprengstoff vollbeladenen Lkw, die meist der Beginn eines neuen Sturms sind, kann die Allianz nichts ausrichten.

Der Schlüssel zum Sieg über den IS sind die sunnitischen Stammesführer und die Zivilbevölkerung im Kalifat. Es gibt auch kleine, zumeist vom Ausland aus unterstützte Initiativen und Projekte mit dem Ziel, auch im IS-Gebiet eine Art Untergrund-Zivilgesellschaft am Leben zu erhalten. Bibliotheken etwa oder Sportwettbewerbe, damit Kinder nicht vollends Opfer der IS-Gehirnwäsche werden. "Adopt a Revolution" aus Berlin ist eine davon. Denn solange die Bewohner des Kalifats keine Alternativen sehen und sich, ganz aufs pure Überleben konzentriert, pragmatisch durchwursteln, wird sich nichts ändern. Ganz im Gegenteil. Je länger der Islamische Staat sein Kalifat aufrechterhalten kann, desto mehr wird es das, was es nie hätte werden dürfen: ein Staat, dessen Außengrenzen keiner mehr ignorieren kann.

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Quelle: n-tv.de

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