Politik
IS-Flagge an einem zerstörten Gebäude im Irak. Von dem einst furchteinflößenden Kalifat ist nicht mehr viel geblieben.
IS-Flagge an einem zerstörten Gebäude im Irak. Von dem einst furchteinflößenden Kalifat ist nicht mehr viel geblieben.(Foto: REUTERS)
Dienstag, 14. November 2017

Terrormiliz IS vor dem Aus: Das Kalifat ist am Ende - was kommt jetzt?

Von Benjamin Konietzny

In einer furchterregenden Offensive überrannte der IS einst weite Teile Syriens und Iraks. Inzwischen sind die Dschihadisten in ein paar Dörfer und Kleinstädte zurückgedrängt. Der Sieg über das Kalifat steht kurz bevor. Doch was kommt danach?

Das Ende der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in seiner "Hauptstadt" Rakka kam mit einem Wimmern, nicht mit einem Knall. In ein Krankenhaus und das Stadion der Stadt wurden die letzten Dschihadisten zurückgedrängt, bevor sie getötet wurden oder sich ergaben und die Stadt in Richtung der letzten IS-beherrschten Landstriche verlassen durften. "Einst furchterregend, jetzt nur noch erbärmlich und ein hoffnungsloser Fall", twitterte der Sondergesandte der US-Regierung für den Kampf gegen den IS, Brett McGurk, am 17. Oktober, als Rakka offiziell zurückerobert wurde.

Solche Äußerungen aus US-Kreisen sind nichts Neues, seitdem die Vereinigten Staaten gegen den internationalen Terrorismus ins Feld ziehen. Sie waren 2002 zu hören, als die Taliban besiegt schienen, 2003, als Saddam Hussein gestürzt wurde und 2011, als sich die US-Armee aus dem Irak zurückzog. Auf die frohe Botschaft folgte in allen drei Fällen die Ernüchterung - der Feind war zwar besiegt, aber keinesfalls vernichtet. Und es ist wahrscheinlich, dass auch im Fall des IS die Verkündung des Sieges mit Vorsicht zu genießen ist. Der IS mag sein Territorium, sein Kalifat so gut wie verloren haben. Es ist jedoch äußerst unwahrscheinlich, dass auch der IS verschwindet.

Noch vor zwei Jahren war die Situation eine völlig andere: Der IS kontrollierte ein gigantisches Gebiet, das sich von der syrisch-türkischen Grenze bis kurz vor Bagdad und von Mossul bis knapp 90 Kilometer vor die syrische Hauptstadt Damaskus erstreckte. IS-Kämpfer konnten sich in einem Gebiet frei bewegen, das etwa halb so groß wie Italien war. Die Islamisten hatten in einer beispiellosen Offensive große Teile Syriens und des Iraks unter ihre Kontrolle gebracht. Sie plünderten Waffenlager der von den USA ausgestatteten irakischen Armee, zapften Ölquellen an und verdienten damit mehrere Millionen Dollar am Tag. Sie kontrollierten riesige Getreidesilos und allein der Ruf der mächtigsten Terrororganisation aller Zeiten ließ die irakische Armee beinahe kampflos kapitulieren, als sich das Kalifat 2014 die Millionenstadt Mossul im Norden des Landes einverleibte.

Die Illusion des funktionierenden Staates

Bilderserie

Extremistische Bewegungen seien dann am erfolgreichsten, wenn die Gruppe ein hohes Maß an "Entitativität" habe, schreibt der US-Terrorismusexperte J. M. Berger in der "Washington Post". Entitativität beschreibt, inwieweit eine Gruppe von Individuen als kohärente soziale Einheit wahrgenommen wird. Die Feindseligkeit, der Hass gegenüber dem Westen - den Ungläubigen - ist im islamischen Extremismus nichts Neues. Die Identifikation darüber, etwas gemeinsam abzulehnen und zu bekämpfen, gab es bereits. Der IS jedoch hatte mehr zu bieten: nämlich nicht nur etwas kollektiv zu hassen und zerstören zu wollen, sondern auch etwas aufzubauen, an etwas mitzuwirken, was scheinbar über das Wirken einer Terrororganisation hinausging. Der IS bot eine Alternative zur reinen Ablehnung, er hatte eine produktive Komponente: das Kalifat, einen eigenen Gottesstaat. Wovon andere Terrororganisationen höchstens gesprochen hatten, das schien der IS plötzlich umzusetzen.

Und diese Utopie wurde mit einem hochentwickelten Propagandaapparat unter die Menschen gebracht, der alles bisher Dagewesene in den Schatten stellte. In Videos, eigenen Magazinen, über soziale Medien wurden Szenen gezeigt und geschildert, in denen Anhänger des IS Straßen, Krankenhäuser und Schulen bauten, ein Steuersystem etablierten, ja, zwischenzeitlich sogar eine eigene Währung in Umlauf brachten. Ob all das wirklich jemals funktioniert hat, ist fraglich. Aber der IS perfektionierte die Illusion davon, dass es so war - unter dem Markenzeichen des schwarzen Banners. Durch diese inszenierte Utopie habe der IS ein Maß an Entitativität erreicht, an das andere islamistische Terrorgruppen nicht ansatzweise herangekommen seien, schreibt Berger. Die Folge: Tausende strömten aus aller Welt nach Syrien und den Irak, um sich den Dschihadisten anzuschließen.

All das wird nicht einfach verschwinden, wenn das Kalifat vernichtet ist. Dazu hat der IS mit seinem Propaganda-Dauerfeuer zu viele junge Menschen elektrisiert. Die Idee des Kalifats, da sind sich Analysten weltweit einig, wird in die Diaspora gehen, sich dezentralisieren. In den Tiefen des Internets könne der IS als "Cyber-Kalifat" weiter existieren, hieß es bereits in zahllosen Analysen. Die Geheimdienste im Westen fürchten, nun wo die Dschihadisten kein Territorium mehr haben, könne es in Europa und den USA erst richtig gefährlich werden. Weil die kriegserfahrenen Islamisten in ihre Heimatländer zurückkehren.

Warum ist das Kalifat in die Defensive geraten?

Russischer Bomber über Syrien: Ohne die Unterstützung Russlands wäre Assad wohl niemals in der Lage gewesen, so weite Teile des Landes zurückzuerobern.
Russischer Bomber über Syrien: Ohne die Unterstützung Russlands wäre Assad wohl niemals in der Lage gewesen, so weite Teile des Landes zurückzuerobern.(Foto: imago/ITAR-TASS)

Es ist ungewiss, ob diese Annahme richtig ist. Seit der IS in die Defensive geraten ist, gab es zwar mehr Anschläge im Westen, die von der Organisation für sich beansprucht wurden. Sie waren aber auch weniger aufwändig geplant und tödlich als etwa die Attacken von Paris im November 2015, als der IS seine Kämpfer noch in eigenen Camps ausbilden konnte und über genug Geld verfügte, um die Hardware für solche blutigen Orgien zu stellen. Die Idee des IS mag in vielen Köpfen weiterleben. Doch ohne Millioneneinnahmen und eigenes "Staatsgebiet" wird die Organisation zwangsläufig an Schlag- und Anziehungskraft verlieren.

Doch warum wurde aus der angsteinflößenden Offensive des IS, in der ganze Landstriche in Windeseile eingenommen wurden, plötzlich eine Defensive? Inzwischen ist das Kalifat auf einen einige Dutzend Kilometer langen Streifen an den Ufern des Euphrat in Syrien zusammengeschrumpft. Der IS hat all seine Hochburgen verloren: Mossul, Palmyra, Rakka, Deir Ezzor, Tal Afar - die Islamisten wurden aus allen größeren Städten vertrieben. Vergangene Woche wurde Al Qaim an der irakisch-syrischen Grenze von irakischen Soldaten zurückerobert. Zuvor warnten französische Militärs, in der Stadt mit einst rund 100.000 Einwohnern könnten sich bis zu 7000 IS-Kämpfer aufhalten. Doch davon war keine Spur: Die irakische Armee überrannte Al Qaim innerhalb eines Tages. Das Kalifat umfasst nun noch einige Dörfer und Kleinstädte. Nach Angaben von US-Militärs wurden seit 2014 mehr als 60.000 IS-Kämpfer getötet. Die Schlagkraft von einst ist pulverisiert. Warum?

  • Erstens brauchte der IS kontinuierliche Siege. Das war der Beweis, dass die Gruppe Gottes Willen durchsetze. Die Eroberung neuer Gebiete war außerdem ein Quell neuer Rekruten, neuer Waffen. Die Islamisten konnten neue archäologische Funde verhökern, Dörfer plündern oder wichtige Geldquellen wie Raffinerien oder Ölquellen einnehmen. Doch als der IS das sunnitische Kernland im Irak und in Syrien eingenommen hatte, blieben die Erfolge aus. Der Widerstand im Westen Syriens oder im schiitisch geprägten Süden des Irak war zu groß. Und auch die Grenzen zu stärkeren Nachbarstaaten wie Jordanien, der Türkei oder Israel zu überwinden, war völlig unmöglich.
  • Zweitens brach intern die Unterstützung für das IS-Regime zusammen. Die schnelle Expansion beruhte zu weiten Teilen darauf, dass die Dschihadisten von vielen sunnitischen Stämmen in Syrien und dem Irak unterstützt wurden. Als der IS auf dem Durchmarsch war, sahen viele Menschen deutliche Vorteile in einer streng religiösen Führung mit brutalen, aber klaren Regeln gegenüber den vergangenen despotischen und korrupten Herrschern in Syrien und dem Irak. Doch als der IS in die Defensive geriet, richtete sich die Gewalt zunehmend gegen die eigenen Leute: Familien wurden als menschliche Schutzschilde missbraucht, Kinder an die Front gezwungen und jeder, der nur im Verdacht stand, mit den Feinden zu kollaborieren, hingerichtet. Die Unterstützung in der eigenen Bevölkerung erodierte schnell und sie beschleunigte sich, wie im Schneeballprinzip, immer weiter.
  • Drittens: Der IS versuchte ein Staat zu sein. Das hat für viele Anhänger seinen Reiz ausgemacht. Doch militärisch war er so chancenlos. Dass terroristische Organisationen mit begrenzten Mitteln lange existieren können und vergleichsweise große Anschläge verüben können, verdanken sie ihrem Dasein im Untergrund - der Tatsache, dass sie von Nichtkombattanten oft nicht unterschieden werden können. Indem der IS für sich Staatlichkeit reklamierte, spielte er auch militärisch in einer Liga mit anderen Staaten. Das mag im Fall des Iraks oder Syriens einige spektakuläre Siege ermöglicht haben. Als jedoch die Streitkräfte der USA, Russlands, des Irans und Europas eingriffen, war der IS auf Dauer chancenlos. Die erplünderte Kriegsausrüstung des IS mag für eine Terrororganisation beeindruckend gewesen sein. Im Vergleich zu der Schlagfähigkeit militärischer Großmächte ist sie unbedeutend.
Nach dem Krieg der Wiederaufbau: Die Innenstadt Rakkas ist nach der Befreiung vom IS fast vollständig zerstört.
Nach dem Krieg der Wiederaufbau: Die Innenstadt Rakkas ist nach der Befreiung vom IS fast vollständig zerstört.(Foto: REUTERS)

De facto ist der IS bereits geschlagen und in ein Gebiet zurückgedrängt, das nur noch einem Bruchteil seines einstigen Herrschaftsgebietes entspricht. Möglicherweise wird es nur noch Wochen dauern, bis das Kalifat völlig von der Landkarte verschwindet. Dadurch wird der IS deutlich an Schlagkraft verlieren. Das hat zwei Gründe.

  • Zum einen, argumentiert Terror-Experte Berger, sei der Nachschub an "entitativem Material", Medien also, die den Gruppenzusammenhalt stärken, zusammengebrochen. Noch Mitte 2015 habe mehr als die Hälfte der vom IS verbreiteten Propaganda utopischen Charakter: funktionierende Märkte, Straßenbau, Krankenhäuser, in denen IS-Ärzte scheinbar ganz normale Leute behandeln. Diese alltäglichen Szenen, die einst große Anziehungskraft auf Menschen in aller Welt hatten, sind nahezu verschwunden. Weniger als zehn Prozent der IS-Veröffentlichungen haben laut Berger noch diesen Charakter. Auch grundsätzlich hat der Strom von Propagandamaterial deutlich nachgelassen.
  • Außerdem ist der IS nicht mehr der Protostaat, der er zwischenzeitlich war. Mit dem Verlust des Staatsgebietes fallen die Dschihadisten zurück in die Riege der "gewöhnlichen" Terrororganisationen. Es gibt kein utopisches Projekt mehr, keine Alternative, die der IS gegenüber anderen radikalen Gruppen bieten kann. Der Verlust des Kalifats wird dramatische Folgen für das Rekrutierungspotenzial der Organisation haben – und hatte sie bereits. Die Massenbewegung junger Muslime nach Syrien und in den Irak, ins Herrschaftsgebiet des IS, gibt es längst nicht mehr. In einem Cyber-Kalifat lässt sich nicht leben, es ist kein Ort, an dem man ein Haus bauen und eine Familie ernähren kann.

Ohne das "Mutterland" werden auch die Außengebiete des IS, etwa in Libyen, auf dem Sinai, in Nigeria, Somalia, Jemen, Afghanistan oder den Philippinen, geschwächt. Keines dieser Wilayate (Verwaltungsbezirke im islamischen Kulturraum) hat jemals eine derart stabile Machtstellung erreichen können wie der IS in Syrien und dem Irak. Und es ist auch höchst unwahrscheinlich, dass in einer dieser Provinzen die Organisation ihr neues Kerngebiet etabliert. Weder Nordafrika noch der Jemen, Afghanistan und erst recht nicht die Philippinen haben das historisch-religiöse Fundament, das die Islamisten in Syrien und dem Irak fanden.

Aber wie gefährlich könnte ein Kalifat im Internet, eine dezentrale Terrororganisation werden? Viele junge Menschen, die sich in Europa zu Terroranschlägen anstiften ließen, waren keine religiösen Puristen. Die meisten hatten eine kriminelle Vergangenheit, waren Kiffer, Kokser, orientierungslos. Ihnen bot der IS vieles von dem, was junge Menschen auch zu Straßengangs treibt: Status, Abenteuer, vielleicht finanzielle Vorteile, vielleicht auch sexuelle. Der IS mit seiner gewaltigen Macht hat dieses Klientel lange wirkungsvoll angesprochen. Mit seinen anhaltenden Niederlagen und dem fast vollständigen Gebietsverlust verschwindet auch dieser Reiz. Der IS ist - zumindest für Muslime in Europa - nicht mehr die größte und böseste Gang da draußen.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen