Politik
Eine frohe Kunde ist die Geburt des Jungen an Bord der "Mecklenburg-Vorpommern" einerseits. Doch sie macht auch nachdenklich.
Eine frohe Kunde ist die Geburt des Jungen an Bord der "Mecklenburg-Vorpommern" einerseits. Doch sie macht auch nachdenklich.(Foto: Issio Ehrich)
Samstag, 04. November 2017

Geburt auf Kriegsschiff: Das Kind ohne Namen

Von Issio Ehrich

An Bord der "Mecklenburg-Vorpommern" kommt ein Junge auf die Welt. Die Geburt inmitten der Tragik der Flüchtlingskrise ist ein schönes Symbol, sie wirft aber auch viele Fragen auf.

"Damit steht das Thema für deinen Tagebucheintrag ja wohl, oder?" Das habe ich nach der Geburt eines Jungen an Bord der "Mecklenburg-Vorpommern" immer wieder gehört. "Mensch, das ist doch was!" Jajaja.

Das Reporter-Tagebuch

Unser Reporter Issio Ehrich ist mit der Bundeswehr vor der Küste Libyens im Einsatz. In seinem Tagebuch berichtet er regelmäßig über seine Erlebnisse auf der Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern".

Das Kriegsschiff ist im Rahmen der EU-Operation "Sophia" vor Ort. Die Mission: Schleusernetzwerke auf der sogenannten zentralen Mittelmeerroute aufspüren, gegen den illegalen Waffenhandel vorgehen und Flüchtlinge aus Seenot retten.

Für gewöhnlich lösen solche Hinweise bei mir vor allem eines aus: ein Nein. Aus Prinzip, weil ich mich nicht gern bevormunden lasse. Schon gar nicht, wenn es um Journalismus geht. Aber vor allem, weil das offensichtlichste Thema nur ganz, ganz, ganz, ganz selten das Beste ist.

Um die Geschichte einer 25 Jahre alten Frau aus Nigeria, die auf einem Kriegsschiff ein Baby in die Welt setzt, komme ich aber einfach nicht herum. Ein Dilemma. Das für mich nur halbwegs erträglich erscheint, indem ich diejenigen, die mich hineingestürzt haben, dafür büßen lasse. Zumindest ein bisschen.

Also. Diese drei Namensvorschläge habe ich heute von Besatzungsmitgliedern der Fregatte gehört. "Christian". Weil es sich bei der Mutter des Kindes um eine nigerianische Christin handelt. Und der Kommandant des Schiffes auch so heißt. "Magnus Viktor Peter", kurz MVP oder... Mecklenburg-Vorpommern. "BH". Zwar ganz weltmännisch "Bie Etsch" ausgesprochen, das Kürzel soll trotzdem für das "Backbord Hangar" stehen, wo das Kind geboren wurde.

Nur damit nicht versehentlich die niederen Dienstgrade in Verruf geraten. Die Vorschläge stammen von Offizieren.

Zu müde zum Sprechen?

Als ich am Nachmittag kurz in das Backbord Hangar ging, um Mutter und Kind zu treffen, hab ich sie natürlich gefragt, ob sie schon einen Namen im Kopf hat. Der Blick der jungen Frau sank schüchtern herab. Vielleicht, weil sie schon 20 Mal gefragt wurde und keine Antwort geben konnte. Vielleicht aber auch, weil sie völlig erschöpft war – von ihrer Flucht. Wer weiß, was ihr dabei alles zugestoßen ist. Vom langen Warten auf dem Flugdeck. Und natürlich der Geburt.

Ich bat sie um ein Foto, dann ließ ich sie so schnell es geht in Ruhe. Wohl wissend, dass sie irgendwann sicher selbst auf einen passenden Namen kommt.

Mein siebter Tag an Bord der "Mecklenburg-Vorpommern" bewegt mich. Natürlich ist da die Freude für die Mutter. Und selbstverständlich bin ich dankbar für das Symbol, das dieser Junge darstellt. Bei aller Tragik der Flüchtlingskrise sucht sich das Leben auch hier seinen Weg - auch, weil es hilfsbereite Menschen in dieser Welt gibt. Die Geburt macht mich aber auch nachdenklich.

Ein Tag, der auch nachdenklich macht

Wir sind im Hafen von Tarent in Italien eingelaufen. Mutter und Kind werden das Schiff verlassen und den italienischen Behörden übergeben. Was wird aus den beiden? Ihre Aussichten auf Asyl in Europa sind schlecht. Nigeria ist ein chaotisches und gefährliches Land, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Die Anerkennungsquoten sind trotzdem gering. Selbst wenn die Mutter bleiben darf, ist damit nicht alles gut. Was wird dann aus ihrem Mann und ihren beiden älteren Kindern, die noch in Afrika feststecken?

Ich muss mir auch eingestehen, dass ich erst einmal recherchieren musste, was eigentlich aus "Sophia" geworden ist, dem Mädchen, das 2015 auf der deutschen Fregatte "Schleswig-Holstein" auf die Welt gekommen ist. Und hier an Bord geht das nicht nur mir so.

Der Tag, an dem ein namenloser Junge auf einem Kriegsschiff auf die Welt gekommen ist, ist ein Tag für Freude und Späße. Leider ist er aber nicht nur das.

"Mensch, das ist doch was!" Und: "Damit steht dein Thema, ja wohl." Während ich die letzten Zeilen dieses Tagebucheintrags schreibe, denke ich mir: Vielleicht ist es dieses Mal ganz gut, dass du dich nicht aus Trotz für ein anderes Thema entschieden hast.

Hier lesen Sie, was am 6. Tag auf See geschah.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen