Politik

HIV-Infektionen in DeutschlandDas Risiko steigt

01.12.2009, 12:15 Uhr
imageFriedbert Baer
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In Amsterdam haben Aktivisten zum Weltaidstag einen symbolischen Friedhof angelegt, um für eine Stop-AIDS-Kampagne zu werben. (Foto: dpa)

In Deutschland infizieren sich so wenige Menschen mit HIV wie nirgendwo sonst in Westeuropa. Doch gebannt ist das Virus noch lange nicht. Experten bezweifeln die offiziellen Zahlen, beobachten eine steigende Sorglosigkeit und warnen vor einer wachsenden Ansteckungsgefahr.

Obwohl sich die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland auf dem Niveau des Vorjahres stabilisiert hat, wächst die Wahrscheinlichkeit, sich mit dem AIDS-Virus anzustecken. Verbesserte Therapiemöglichkeiten und ein zunehmend sorgloser Umgang mit dem Thema AIDS haben die Gefährdung in Deutschland eher steigen als sinken lassen. Das bestätigt Marita Völker-Albert, Sprecherin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), im Gespräch mit n-tv.de.

"Durch bessere Therapien ist die Lebenserwartung in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen. Das ist eine äußerst positive Entwicklung. Damit wächst aber auch die Wahrscheinlichkeit, auf einen Infizierten zu treffen und sich anzustecken", so die Sprecherin.

Die "gefühlte Bedrohung" sinkt

Zudem registriere die Bundeszentrale einen zunehmend sorgloseren Umgang mit der Krankheit. Von einem Trend will die Expertin noch nicht sprechen und auch kein pauschales Urteil abgeben. Aber vor allem in den Hauptgefährdungsgruppen - Homosexuelle und Drogenabhängige - scheine die "gefühlte Bedrohung" zu sinken. Und daraus könne auch wieder eine steigende reale Bedrohung werden, so Völker-Albert.

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) leben in Deutschland derzeit rund 67.000 Menschen mit dem Erreger HIV im Blut. Etwa 3000 von ihnen haben sich in diesem Jahr neu mit dem Immunschwächevirus infiziert – das sind etwa genauso viele wie im Vorjahr. Etwa 550 Menschen starben 2009 in Deutschland an AIDS.

30 Prozent wissen nichts von ihrer Krankheit

Unter den HIV-Infizierten sind homosexuelle Männer weiterhin die größte Gruppe. Den RKI-Schätzungen zufolge leben bundesweit rund 41.000 homosexuelle Männer mit dem Virus. Jedoch infizieren sich weiterhin auch zahlreiche heterosexuelle Menschen. Rund 20 Prozent der Neuinfektionen gehen nach RKI-Schätzungen auf heterosexuelle Kontakte zurück.

Einige Experten rechnen allerdings damit, dass die Dunkelziffer der Virusträger deutlich höher ist. So glaubt Jürgen Rockstroh, Professor an der Uniklinik Bonn, dass rund 30 Prozent der Infizierten in Deutschland nichts von ihrer Immunschwäche wissen – und das Virus weitergeben. Volker Mertens, Sprecher der Deutschen AIDS-Stiftung, hält diese Zahl für nachvollziehbar und realistisch. "Sie basiert auf der Tatsache, dass etwa ein Drittel der positiv getesteten Menschen schon länger mit dem Virus leben und sich nicht erst kurz vor dem Test angesteckt haben", so Mertens gegenüber n-tv.de.

Prekäre Lage

Dies bringe die Infizierten selber, aber auch ihr Umfeld in eine prekäre Lage. "Je später das Virus festgestellt wird, desto schlechter sind die Therapiemöglichkeiten. Und solange es nicht entdeckt wird, steigt die Gefahr, dass es ungewollt an andere weitergegeben wird", erklärt Mertens.

Er mahnt deshalb vor zu großer Gelassenheit. Wer glaube, sich in eine riskante Situation begeben zu haben, solle sich in jedem Fall testen lassen. "AIDS ist immer noch nicht heilbar und weiterhin tödlich – das scheinen manche vergessen zu haben." Er habe den Eindruck, dass das gerade auf jüngere Menschen zutreffe. Berichte über angeblich gefundene Impfstoffe ließen viele glauben, die Gefahr sei gebannt. "Die kleingedruckten Dementis ein paar Tage später liest dann keiner mehr", so Mertens.

Dabei gebe es weiterhin keine Möglichkeit, das Virus aus dem Körper zu entfernen. Mit Tabletten könnten Patienten nur dafür sorgen, dass sich das Virus nicht vermehrt und das Immunsystem nicht weiter geschwächt werde. "Dadurch verlängert sich die Lebenserwartung oftmals deutlich, aber viele Patienten müssen auch mit heftigen Nebenwirkungen oder Begleiterkrankungen leben", sagt Mertens. Das fange bei Kopfschmerzen und Übelkeit an und reiche bis zu Kreislauferkrankungen und Demenz.