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Politik

"Für die Wärter sind das nur Tiere": Das System Guantánamo

 
"Für die Wärter sind das nur Tiere": Das System Guantánamo

Abendstimmung in Guantnamo.

Noch weht die US-Flagge über dem US-Gefangenenlager, doch die Auflösung des Gefängnisses ist nur noch eine Frage der Zeit.

Das Team des künftigen US-Präsidenten Barack Obama bereitet die Schließung des Lagers vor.

Mit einer Auflösung käme die Regierung Obama den weltweiten Kritikern entgegen.

Als "Gulag unserer Zeit" bezeichnet Amnesty International das Lager auf kubanischem Boden, das nach US-Definition als exterritoriales Gebiet nicht zum amerikanischen Hoheitsgebiet gehört.

Anwälte und Menschenrechtsorganisationen sprechen von einem "rechtsfreien Ort".

Generalsekretär Ban Ki Moon forderte immer wieder, das Gefangenenlager zu schließen.

Die US-Regierung unter Präsident Georg W. Bush focht dies nicht an.

"Die Vereinigten Staaten sind der weltweiten Abschaffung der Folter verpflichtet, und wir gehen in diesem Kampf mit gutem Beispiel voran", so US-Präsident Bush im Juni 2003.

Im Gegensatz zu "notorischen Menschenrechtsverletzern", die seit langem versuchten, ihre Verstöße vor den Augen der Welt zu verstecken und internationalen Menschenrechtsbeobachtern den Zugang verweigerten, ...

... würden die USA der Welt zeigen, wo es langgeht.

Seit dem 11. Januar 2002 zeigen dies die USA in Guantnamo besonders deutlich.

Seit diesem Tag existiert das US-Gefangenenlager für die "feindlichen Kombattanten".

Noch immer sitzen rund 250 Gefangene in dem Lager ein. Nur rund 20 von ihnen wurden überhaupt je angeklagt.

Ihr Alltag entzieht sich einem normalen Vorstellungsvermögen.

Tagelange Verhöre, Schlafentzug, Beschallung durch laute Musik, Nahrungsentzug - ...

.... dies sind nur einige der Methoden, mit denen die Gefangenen gefügig gemacht werden sollen.

"Ab und zu bekamen alle Gefangenen irgendwelche Spritzen", berichtet der ehemalige Gefangene Ruahl Ahmed der "Süddeutschen Zeitung" (SZ).

"Wenn man sich dagegen wehrte, stürmten fünf Typen mit Helmen, kugelsicheren Westen, Schilden und schwarzen Knie- und Ellenbogenschonern in deine Zelle, sprühten dir Pfefferspray ins Gesicht und schlugen dich zusammen ...

Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft sie in meine Zelle kamen."

Nachdem er sich einmal über das Essen beschwert habe, sei er in Isolationshaft gesteckt worden, ...

... in einen Raum, dessen Decke, Seiten und Boden komplett aus Metall waren.

"Wenn man bei den Verhören kooperierte, kam man wieder zu den anderen Gefangenen. Man musste nur irgendetwas sagen, was sie hören wollten", so Ahmed weiter.

Im Dezember 2002 genehmigte der damalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld die uneingeschränkte Anwendung von Befragungstechniken.

Diese umfassen das Überstülpen von Kapuzen, Entkleiden, Minimierung bzw. Entzug von Sinnesreizen, Verharren in schmerzhaften Körperhaltungen und den Einsatz von Hunden zur Erzeugung von Angst.

Wenig später hob er die Pauschalgenehmigung wieder auf. Genehmigungen für den Einsatz derartiger Techniken müssen nun im Einzelfall untersucht werden.

Im März 2003 genehmigt Rumsfeld Befragungstechniken wie Isolierung, Verschärfung der Haftbedigungen durch extreme Hitze oder Kälte und Schlafentzug.

Weitere Techniken können von Fall zu Fall beantragt werden.

Amnesty International verweist auf den Fall von Mohamed al-Qahtani. Dieser wurde Ende 2002 drei Monate lang in extremer Isolation gefangen gehalten.

Mehrfach wurde er dazu gezwungen, Frauenunterwäsche zu tragen, und an einer Hundeleine durch den Raum geführt, wobei er eine Reihe von Hundekunststücken vollführen musste.

Außerdem musste er mit einem männlichen Ermittler tanzen, während er auf dem Kopf ein Handtuch "wie eine Burka" tragen musste.

Entkleiden und Leibesvisitationen in Anwesenheit weiblicher Ermittlerinnen gehören in Guantnamo offenbar ebenso zu den angewandten Methoden wie sexuelle Erniedrigung und Beleidigungen sexueller Natur gegen weibliche Familienmitglieder.

Mohamed al-Qahatani wurden Kapuzen über den Kopf gezogen, er wurde lauten Geräuschen und extremer Hitze und Kälte ausgesetzt.

Er musste über lange Zeiträume stehen und war gezwungen, in die Wäsche zu urinieren, weil die Ermittler ihn nicht zur Toilette gehen ließen.

An 48 von 54 aufeinanderfolgenden Tagen wurde er verhört, 18 bis 20 Stunden am Tag. Während einer Scheinverschleppung wurden ihm Beruhigungsmittel gespritzt.

Eine Militäruntersuchung ergab später, dass die Behandlung von Mahamed al-Qahtani zwar insgesamt "erniedrigend und missbräuchlich" war, ...

... aber "nicht das Niveau der verbotenen unmenschlichen Behandlung" erreicht habe.

Auch der Bremer Türke Murat Kurnaz, der als "falscher Mann am falschen Ort" jahrelang unschuldig in Guantnamo einsaß, berichtete nach seiner Rückkehr nach Deutschland von schweren Misshandlungen.

"Sie haben uns gefoltert mit der Kälte in den Isolationszellen oder mit der Luftlosigkeit, so dass ich öfter in Ohnmacht gefallen bin." Schlaf- und Essensentzug seien an der Tagesordnung gewesen.

"Nach dem Gesetz im Lager durfte man sich nicht unterhalten mit den Nachbarn", so Kurnaz. Tat man es doch und es kam raus, sei man von speziellen Einsatzgruppen bestraft worden.

Gruppen von etwa sieben Mann seien mit Plexiglasschilden und in kugelsicheren Westen in die Käfige gestürmt und hätten dort K.o.-Gas versprüht.

"Sie schlagen zu, sie fesseln dich, dann lassen sie dich da circa zwölf Stunden liegen."

Ein ehemaliger muslimischer Militärgeistlicher in Guantanamo, James Yee, berichtet: "Ich habe selber mit angesehen, wie der Koran entweiht wurde.

Sie hielten ihn hoch und schüttelten die Seiten durch, weil sie dachten, sie fänden darin versteckte Messer. Danach warfen sie ihn in eine dreckige Zellenecke. Manchmal rissen sie auch Seiten heraus. ...

Die Wächter versuchen ständig, die Gefangenen zu provozieren, ...

... sie sprechen sie an, während sie beten, denn ein Muslim darf nicht reden, während er betet ...

... Wenn die Häftlinge dann nicht antworten, werden sie zusammengeschlagen", so der Militärgeistliche.

Viele der Soldaten in Guantnamo sind dabei offenbar schlecht ausgebildete Reservisten, denen vorher erzählt wurde, dass sie es mit den gefährlichsten Menschen der Welt zu tun hätten.

"Menschen", so beschreibt es der englische Journalist David Rose, "denen man nicht einmal Zahnbürsten geben dürfte, weil sie damit die Augen der Wärter ausstechen würden. Und dann müssen sie feststellen, dass in den Zellen völlig verzweifelte Männer hocken."

Die meisten US-Soldaten scheinen überzeugt von ihrer Arbeit. John Lonergan, Oberstleutnant der US-Armee, sagte der "SZ": "Einige der Gefangenen sind hochgefährliche Terroristen. Es ist ihr Job, Widerstand zu leisten und Zwischenfälle zu provozieren."

Ansonsten zeigt sich Lonergan zufrieden: "Die Freizeitmöglichkeiten in Guantnamo sind exzellent. Nach Dienstschluss habe ich mir immer sofort Short und T-Shirts angezogen.

Dann kann man fischen gehen, tauchen oder zum Bowlen, an den Strand, ins Fitnessstudio oder ins Lyceum, das kostenlose Freiluftkino."

Für die Gefangenen sieht Guantnamo anders aus. Kaum ein Häftling übersteht die Zeit dort ohne größeren Schaden.

Nach Angaben des Psychiaters Daryl Matthews, der die psychiatrische Abteilung bewerten sollte, sind die meisten Gefangenen depressiv, leiden unter Persönlichkeitsstörungen und Angstanfällen.

Der ehemalige Gefangene Nizar Sassi berichtete, wie er in Camp Delta selber fast wahnsinnig geworden wäre.

"Mein Nachbar ist total durchgedreht, er hat sich nackt ausgezogen und mit seinen eigenen Exkrementen eingeschmiert. ...

... Camp Delta ist ein Ort, um Leute in den Wahnsinn zu treiben."

Amnesty International berichtet von dutzenden Suizidversuchen -

... die die US-Behörden mit allen Mitteln zu verhindern suchen.

Am 10. Juni 2006 musste die Lagerleitung bekannt geben:

Drei Gefangene haben sich erhängt.

Der Lagerkommandant, Konteradmiral Harry Harris, kommentierte dies mit den Worten: "Sie haben keine Achtung vor dem Leben, weder vor unserem noch vor ihrem. ...

... Ich glaube, es war kein Akt der Verzweiflung, sondern ein Akt der asymmetrischen Kriegsführung gegen uns."

Den Vorwurf mangelnder Aufmerksamkeit weist die Lagerleitung zurück. Die Selbstmörder hätten ihre Aktion listig verborgen.

Eine leitende Mitarbeiterin des US-Außenministeriums tat die Todesfälle als "guten PR-Schachzug" ab.

Der "PR-Schachzug" fand Nachahmer. Zwei weitere Häftlinge nahmen sich 2006 und 2007 ebenfalls in dem Lager das Leben.

Eine Studie unter 500 Gefangenen ergab: Nur 5 Prozent wurden von US-amerikanischen Streit- und Sicherheitskräften gefangengenommen.

Der Großteil der Gefangenen, 86 Prozent, wurde von Angehörigen der pakistanischen Sicherheitskräfte bzw. Angehörigen der Nord-Allianz in Afghanistan festgenommen und in US-Haft überstellt, oftmals gegen eine Belohnung von mehreren tausend US-Dollar.

Mehr als ein Dutzend Inhaftierte waren bei ihrer Verhaftung noch keine 18 Jahre alt.

Von den einst 775 Gefangenen, die seit dem 11. Januar 2002 in Gewahrsam gehalten wurden, ...

... sind inzwischen alle europäischen Gefangenen wieder auf freiem Fuß. Kurnaz war der letzte gefangene Europäer.

Die übrigen Inhaftierten sprechen nach Angaben der Anwältin Gitanjali Guitierrez fast nur noch Arabisch, Urdu, Paschtu oder Farsi.

"Die Wärter können jetzt gar nicht mehr mit den Gefangenen kommunizieren. ...

... Für die meisten sind das nur noch Tiere. Die Zustände im Lager werden schlimmer statt besser", sagte Guitierrez.

Die Hoffnung für die Gefangenen ist nun Barack Obama.

Der Demokrat hatte schon mehrfach die Schließung der Einrichtung in Aussicht gestellt.

Etwa 80 der Gefangenen sollen dann vor ein Militärtribunal gestellt werden. Ungewiss ist das Schicksal der anderen.

Amnesty International rief Deutschland und die anderen europäischen Staaten auf, im Falle einer Schließung Häftlinge von dort aufzunehmen.

Dabei geht es nach Amnesty-Angaben um 50 Menschen, die bei einer Freilassung nicht in ihre Heimat zurückkehren können, weil ihnen dort Folter und andere Menschenrechtsverletzungen drohen.

Auch nach einer Freilassung aus Guantnamo ist der Alptraum nicht beendet.

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