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Wandgemälde in Belgrad: Karadzic wird seiner Verbrechen zum Trotz von Serben verehrt.
Wandgemälde in Belgrad: Karadzic wird seiner Verbrechen zum Trotz von Serben verehrt.(Foto: dpa)

Völkermord während Bosnienkrieg: Das Urteil gegen Karadzic versöhnt nicht

Von Johannes Graf

Mit dem Urteil gegen den bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic endet eines der letzten großen Kapitel in der Aufarbeitung der Verbrechen des Jugoslawienkriegs. Trotz des Schuldspruchs ist auf dem Balkan Aussöhnung fern.

Ein grotesker Akt symbolisiert, wie zerrissen das ehemalige Jugoslawien und wie gering das Schuldbewusstsein bei vielen auch Jahrzehnte nach dem Krieg ist: Am vergangenen Montag wurde in Pale vor den Toren Sarajevos ein neues Studentenwohnheim eingeweiht. Der Präsident der serbisch-stämmigen Teilentität Bosnien-Herzegowinas, Milorad Dodik, ist gekommen. Feierlich verlieh er dem Haus seinen Namen: Es wurde nach Radovan Karadzic benannt, für viele Serben bis heute ein Held. Doch international gilt er als einer der wohl schlimmsten Kriegsverbrecher der Jugoslawienkriege.

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Dass er dies ist, steht mit dem Urteil des Internationalen Strafgerichtshofs von Den Haag nun fest. Es lautet auf 40 Jahre. Karadzic ist des Völkermords und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Srebrenica und Sarajewo schuldig. Seine Verteidigungsstrategie, zwar Führer der bosnischen Serben gewesen zu sein, von Gräueltaten aber nichts gewusst zu haben, ist nicht aufgegangen. Die Beweise sind zu erdrückend: Es gab eine funktionierende Befehlskette zwischen Karadzic und der Armee der bosnischen Serben. Wenn die Militärs Muslime und Zivilisten töteten, hat Karadzic das nicht nur gewusst. Er hat es befohlen.

Karadzic verkörpert den Wahnsinn des Jugoslawiens der 90er Jahre. Als der sozialistische Staat zerfiel, stürzte dies das Gebiet auf dem Balkan ins Chaos. Mehrere Teilrepubliken strebten nach Unabhängigkeit. Diktator Slobodan Milosevic reagierte von Belgrad aus mit Härte. Er unterstützte und lenkte die bosnischen Serben. Deren politischer Führer war Karadzic. Der narzisstische Psychiater, der in der Freizeit Gedichte für Kinder schrieb, war der Inbegriff des brutalen serbischen Nationalismus'. Militärischer Oberbefehlshaber der bosnischen Serben war der ebenfalls vor dem Kriegsverbrechertribunal stehende General Ratko Mladic - der "Schlächter vom Balkan". Die drei vereinten ihre Ziele: Macht, die Vorherrschaft der Serben auf dem Balkan - und der Hass auf Muslime.

"Wunderheiler" Karadzic erst nach Jahren enttarnt

Gemeinsam mit weiteren ranghohen Militärs gelten diese drei Protagonisten als Hauptverantwortliche für Kriegsverbrechen während der Kämpfe. Und davon gab es viele. Mehr als 100.000 Menschen starben im Bosnienkrieg. Von April 1992 bis Februar 1996 ließen Karadzic und Milosevic das multiethnische Sarajevo belagern. Täglich schlugen Hunderte Granaten in der Stadt ein, von hohen Gebäuden und Hügeln aus terrorisierten Heckenschützen die Bevölkerung - 1425 Tage lang. Mindestens 10.000 Menschen verloren hier ihr Leben.

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Und dann kam Srebrenica. 1995 ignorierten serbische Einheiten unter Mladic die um die muslimische Hochburg eingerichtete Schutzzone der Vereinten Nationen. Tatenlos sahen niederländische Blauhelmsoldaten dabei zu, wie etwa 8000 muslimische Männer und Jungen abgemetzelt wurden. Überleben konnte nur, wer sich tot stellte oder unter den Leichenbergen versteckte. Zerstückelte Leichen warfen die Mörder achtlos in Massengräber. Es war eines der grausamsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit und - wie der Internationale Gerichtshof 2007 auch offiziell feststellte - ein Völkermord im Sinne des internationalen Rechts.

Doch die Aufarbeitung ist schwierig. In der Bevölkerung Serbiens und im serbischen Bosnien ist das Bewusstsein für die Gräueltaten schwach ausgeprägt. Karadzic wird hier bis heute als Kämpfer für die gerechte Sache gefeiert. Der serbische Geheimdienst hilft ihm dabei, nach Kriegsende zwölf Jahre unter falscher Identität unterzutauchen. Nachdem er 2008 in Belgrad - er lebt dort mit Bart und grauem, zum Dutt gebundenem Haar als "Wunderheiler - enttarnt und festgenommen wurde, wird bekannt, dass er regelmäßig seine Stammkneipe besuchte. Im "Narrenhaus", so der Name des Lokals, nahm er mit Vorliebe unter dem eigenen großformatigen Porträt Platz.

Viele Serben erkennen Unrecht nicht an

Dass sie ihn noch immer so verehren, hat vermutlich mit dem Selbstverständnis zu tun, das Karadzic den Serben einimpfte - und das ihm so viele so gerne glauben wollen. Er strebte nach einem Großserbien. Ein "heiliges Ziel" für ein "himmlisches Volk", das in seinem Verständnis jegliche Mittel rechtfertigt. Und zu dessen Durchsetzung habe Gott ihn als Führer der Serben auserwählt. Diese und ähnliche Sätze sagte Karadzic in dem sechs Jahre dauernden Verfahren gegen ihn. Der 70 Jahre alte selbst ernannte Staatsmann verzichtete auf einen Anwalt und nutzt den Gerichtssaal als Bühne. Nachzulesen ist das in den Gerichtsakten.

Und davon gibt es Unmengen. Es ist ein Prozess der Superlative, der in Den Haag nun zu Ende geht: 800.000 Seiten Beweismaterial, 586 gehörte Zeugen an fast 500 Prozesstagen - 1993 wurde das UN-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien gegründet. Es markierte den Beginn einer internationalen Strafgerichtsbarkeit, die um die Jahrtausendwende in der Gründung eines von den UN unabhängigen Internationalen Strafgerichtshofs gipfelte. Die Prozesse gegen Karadzic sowie jener gegen Mladic, der im kommenden Jahr zu Ende gehen wird, sind die letzten großen Verfahren des Tribunals. Dann soll die juristische Aufarbeitung der Jugoslawienkriege abgeschlossen sein.

Doch bedeutet das Gerechtigkeit für Srebrenica, für Sarajevo und all die anderen Massaker, die Vertreibungen, Vergewaltigungen und seelischen Wunden von Millionen Menschen? Viele Kriegsverbrecher sind noch ungestraft auf freiem Fuß. Serbiens früherer Diktator Slobodan Milosevic starb, bevor er sein Urteil erhielt. Nach dem Tod Milosevic' stufte der Internationale Strafgerichtshof Srebrenica zwar als Völkermord ein. Milosevic oder Serbien hätten sich dessen jedoch nicht schuldig gemacht, sondern die Gräueltaten lediglich nicht verhindert, so lautet die umstrittene Begründung. Es war ein Schlag ins Gesicht der vielen Opfer und deren Angehörigen. Denn viele Menschen sehen die Gräuel noch immer nicht als Unrecht an. Sie fühlen sich bestätigt. Auch das Urteil gegen Karadzic wird daran nichts ändern.

Quelle: n-tv.de

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