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Lusimbo in seiner Küche. Das Haus traut er sich nicht mehr zu verlassen.
Lusimbo in seiner Küche. Das Haus traut er sich nicht mehr zu verlassen.(Foto: Nicole Macheroux-Denault)

Gehasst, geächtet, vogelfrei: Das bedrohte Leben des Richard Lusimbo

Von Nicole Macheroux-Denault, Kampala

Seit Februar hat sich Richard Lusimbos Leben radikal verändert. Damals beschloss Uganda ein drakonisches Anti-Homosexuellen-Gesetz, das lebenslange Haftstrafen für gleichgeschlechtliche Beziehungen vorsieht.

Er schält Kartoffeln. Akribisch. Richard Lusimbos Hände arbeiten flink. Eine Kartoffel nach der anderen plumpst in die Wasserschale. "Ich koche wirklich gern", sagt der 27-Jährige. In der kleinen Küche in dem Vorort der ugandischen Hauptstadt Kampala brutzelt auf dem Herd ein Topf mit in Tomaten und Zwiebeln eingelegter Leber. "Manche meiner Freunde behaupten, ich koche die besten Erbsen auf der Welt."

Wenn Richard Lusimbo über Dinge wie Erbsenkochen redet, ist klar, dass es eigentlich um mehr geht. "Ein leckeres Abendessen zu Hause ist etwas Wunderbares. Für jemanden wie mich ist es hier ja unmöglich auszugehen." Dabei ist Richard Lusimbo weder krank noch gebrechlich. Er ist schwul, und in Uganda ist deshalb sein Leben in Gefahr. Seit der Einführung des neuen drakonischen Anti-Homosexuellen Gesetzes im Februar hat sich Richard Lusimbos Leben radikal verändert.

"Wie wir schwul wurden": Die Zeitung "Red Pepper" zeigte ein Bild Lusimbos.
"Wie wir schwul wurden": Die Zeitung "Red Pepper" zeigte ein Bild Lusimbos.(Foto: Nicole Macheroux-Denault)

"Es ist schwierig geworden", meint der adrett gekleidete junge Mann. "Früher habe ich problemlos meine Lebensmittel selbst eingekauft. Jetzt geht das nicht mehr. In dieser Situation will ich nicht irgendwo hingehen, wo mich Leute komisch anschauen und vielleicht sogar beschimpfen." Denn ganz Uganda weiß inzwischen, dass Richard Lusimbo schwul ist. Die Boulevardzeitung "Red Pepper" hatte ihn mit Foto auf der Titelseite geoutet. "How we became Homos" ("Wie wir schwul wurden") lautete der Titel von "Red Pepper" am 28. Februar. Sechs Fotos und die Unterzeile: "Ugandas Top-Homosexuelle äußern sich."

Vier Tage vorher hatte Ugandas Präsident Yoweri Museveni das international heftig kritisierte Anti-Homosexuellengesetz unterschrieben. Dieses sieht nicht nur lebenslange Haftstrafen für gleichgeschlechtliche Beziehungen vor. Das Gesetz verpflichtet zudem unter Strafandrohung jeden Bürger dazu, Schwule und Lesben der Polizei zu melden. Jegliche Form der "Werbung" für Homosexualität ist verboten. Dazu gehören qua Gesetz auch Artikel und alle Veröffentlichungen, die so ausgelegt werden könnten, dass sie Homosexualität akzeptabel darstellen, um junge Menschen zu "überzeugen".

Präsident lange skeptisch

Dabei war die drakonische strafrechtliche Verfolgung von Homosexuellen kein Herzenswunsch der Regierung Musevenis. Im Gegenteil: Der Präsident hat sich lange gegen die Einführung des Gesetzes, das auf Initiative einer Minderheit extrem konservativer, religiöser Abgeordneter eingebracht wurde, gewehrt. Fast zwei Jahre sprach sich Museveni öffentlich gegen den Entwurf aus. Erst aufgrund des wachsenden innenpolitischen Drucks gab er nach. Denn die Unterstützung in der ugandischen Bevölkerung für die drastische Verfolgung Homosexueller ist riesig. Museveni, der wegen Korruptionsverwürfen immer unbeliebter ist, kann es sich nicht leisten, ein derartig populäres Gesetz abzulehnen - zumal das Thema auch von viel größeren Problemen in dem ostafrikanischen Land ablenkt.

Die Reaktionen der USA und Europas auf die schwierige Lage von Schwulen und Lesben in Uganda erweist sich dabei als problematisch. Zahlreiche westliche Nationen hatten Uganda gedroht, Entwicklungshilfe zu kürzen oder gar einzustellen, sollte das Gesetz verabschiedet werden. Derartig kolonial anmutendes Machtgehabe kommt in Afrika nie gut an. Erst recht nicht, wenn die kritisierten Maßnahmen die Unterstützung der breiten Bevölkerung genießen und als Einmischung in interne Angelegenheiten eines souveränen Staates ausgelegt werden können.

"Wir haben die Unterstützung westlicher Nationen und Aktivisten in Uganda immer geschätzt", sagt Richard Lusimbo, der für die Organisation SMUG, Sexual Minorities Uganda, den größte Lesben- und Schwulenverband in dem ostafrikanischen Land arbeitet. "Aber Sanktionen sind nicht unbedingt das beste Mittel, um hier in Uganda etwas zu verändern", meint er. "Aus zwei Gründen: Erstens treffen uns die Kürzungen auch, besonders im Gesundheitssektor. Und zweitens hilft es uns nicht, dafür verantwortlich gemacht zu werden, dass Ugander leiden, weil Unterstützung aus dem Ausland gekürzt wird. Wir sind dann die Buhmänner."

Enger Kontakt zu US-Außenministerium

Das haben Aktivisten wie Richard Lusimbo auch in Washington eindeutig klargestellt. Der Kontakt zwischen dem US-Außenministerium und den ugandischen Lesben- und Schwulenverbänden ist eng. Vielleicht sind auch deshalb die großen Warnungen Washingtons an Kampala zu "Sanktiönchen" mutiert, wie die "Tageszeitung" schreibt. Vergangene Woche gab Washington ein Einreiseverbot für eine Reihe von Ugandern bekannt, die in "ernste Menschenrechtsverletzungen" verwickelt sind. Namen der Betroffenen auf der sogenannten Watch-Liste wurden "aus Gründen des Datengeheimnisses" nicht veröffentlicht. Außerdem strich Washington Hilfsgelder für das ugandische Gesundheitsministerium (MOH). Man fühle sich der Unterstützung des ugandischen Volkes allerdings verpflichtet, besonders in Gesundheitsfragen. Deshalb würden die für das Gesundheitsministerium bestimmten Zahlungen nun an regierungsunabhängige Organisationen umgeleitet.

Kampala reagiert trotzig, verspottet die US Sanktionen gar. "Wir werden uns Hilfe von woanders holen", so Regierungssprecher Ofwono Opondo. Und wie zu erwarten: Uganda wolle sich ohnehin nicht mehr von Geberländern abhängig machen. Der eigene Haushalt sei zu 82 Prozent aus eigenen Mitteln finanziert.

Richard Lusimbo weiß, wie schwierig seine Lage ist: "Ich habe keine große Angst vor der ugandischen Regierung oder der Polizei", sagt er zwar. "Ich bin ein gesetzestreuer Bürger. Aber natürlich ist mein Job eine Gefahr, die mich ins Gefängnis bringen könnte, denn das neue Gesetz verbietet aufklärende Gespräche über Homosexualität." Trotzdem habe er weniger Angst vor Polizei und Regierung als vor den Priestern der in Uganda weit verbreiteten Pfingstbewegung, traditionellen Kirchen und Freikirchen, die in Tradition des Evangelikalismus stehen. Penetcostal Churches heißen sie hier in Uganda und stammen vornehmlich ausgerechnet aus den USA. Daher kommt auch ein Großteil ihrer finanziellen Unterstützung.

"Prieste predigen Hass und Lügen"

"Diese Priester haben hier einen riesigen Einfluss auf die Bevölkerung. Sie predigen Hass und Lügen und Macht bis in die höchsten Etagen der hiesigen Medienhäuser", sagt Lusimbo. Die homophoben Kampagnen stoppen nicht in den erzkonservativen kleinen Kirchen. Sie setzen sich in der Berichterstattung der Zeitungen wie "Red Pepper" fort. Es sind erzkonservative Gedanken, die man auch aus den USA kennt: Der hohe Wert der Familie, die Angst vor der Sünde und Ausrottung der Menschheit durch irregeleitete homosexuelle Praktiken. Eine Verschwörungstheorie argumentiert sogar damit, junge Menschen ließen sich zu homosexuellen Akten verleiten, um so im Westen erfolgreicher Asylanträge stellen zu können.

In der überwiegend armen und schlecht ausgebildeten ugandischen Bevölkerung fällt der Samen der Prediger auf fruchtbaren Boden. "Das ist nicht Gottes Wille. Gott hat uns nicht geschaffen, damit Männer mit Männern schlafen", hört man an jeder Straßenecke - zum Entsetzen von Männern wie Lusimbo. "Ich habe Angst vor den Menschen auf der Straße. Die können mir alles antun. Ich habe gesehen, wie der Mob in Gewalt ausbricht und das Recht der Straße durchsetzt", so Lusimbo. "Die Gemeinden haben das Gesetz selbst in die Hände genommen", erklärt Lusimbo. "Sie fühlen sich jetzt in der Verantwortung. Priester rufen ihre Gemeindemitglieder auf, zu handeln". Und die ugandische Gesellschaft hört auf ihre religiösen Führer.

Für die Polizei bleibt da wenig zu tun. Schwule und Lesben in Kampala ziehen inzwischen alle paar Monate um. Sobald ein Vermieter auch nur vermutet, Homosexuelle könnten ihm oder ihr die Miete bezahlen, wird gekündigt. In den Läden werden Schwule und Lesben oder diejenigen, die für solche gehalten werden, nicht bedient. Am schlimmsten ist die Situation in den Krankenhäusern und Arztpraxen. "Man fühlt sich wie ein Aussätziger. Wie einer, der keine Rechte hat, noch nicht einmal das Recht, überhaupt in diesem Staat zu existieren", sagt Lusimbo.

Immer wieder Todesdrohungen

Das Bild auf der Titelseite war für Richard Lusimbo der Dolchstoß. Bis dahin wusste keiner von Richard Lusimbos sexuellen Vorlieben. Nach dem 28. Februar, dem Titelseiten-Tag, wurde alles anders. "Ich konnte gar nicht aus dem Haus gehen. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, was meine Familie, meine Freunde sagen würden." Richard Lusimbo ist sichtlich erregt, wenn er über diesen Tag redet. "Ich bin dann zuerst auf Facebook gegangen und da hagelte es hasserfüllte Nachrichten. Meine Freunde schrieben, sie hätten nicht gewusst, was für ein sündhafter Mensch ich bin." Todesdrohungen waren auch dabei, bis heute. An sie hat sich Richard Lusimbo inzwischen gewöhnt. Daran, dass er viele gute Freunde verloren hat, allerdings nicht.

Immerhin: Seine Familie hält zu ihm. "Sie hat sich die Mühe gemacht, sich meine Seite anzuhören, mich zu verstehen. Sie hat ihre Meinung geändert. Das lässt mich hoffen."

Der Lesben und Schwulenverband hat Verfassungsbeschwerde gegen das neue Gesetz eingereicht, und Aktivisten wie Richard Lusimbo reisen, wann immer möglich, ins Ausland, um dort über die Situation in Uganda zu berichten. Aber für die unter ihnen, die sich entschlossen haben, ihre Heimat nicht zu verlassen, ist das nicht der wichtige Teil des Kampfes. "Die meisten Menschen hier sind homophob, weil sie unwissend sind", meint Lusimbo. "Ich glaube, wenn Priester der Pfingstbewegung in Uganda an Einfluss verlieren würden, dann wäre dies ein anderes Land. Ich habe Hoffnung. Es ist ein langer Weg, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir alle wieder an einem Tisch in unserem wunderschönen Land Uganda sitzen können."

Quelle: n-tv.de

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