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Eigenwilliger und autoritärer Staatslenker Nordkoreas: Kim Jong Un.
Eigenwilliger und autoritärer Staatslenker Nordkoreas: Kim Jong Un.(Foto: picture alliance / dpa)

Mehr Kooperation mit Deutschland?: "Das eigene Image ist Nordkorea wichtig"

Eine deutsche Delegation reiste nach Pjöngjang, Nordkorea will enger mit Deutschland zusammenarbeiten. Politisches Tauwetter in Fernost? Nein, reine PR-Strategie - sagt Nordkorea-Experte Rüdiger Frank. Doch es tue sich viel Positives im Land von Kim Jong Un.

n-tv.de: Eine deutsche Parlamentariergruppe war für sechs Tage in Pjöngjang. Nordkorea will offenbar enger mit Deutschland zusammenarbeiten. Überrascht Sie das?

Professor Rüdiger Frank ist Vorstand des Instituts für Ostasienwissenschaften an der Universität Wien und Autor des im September erschienenen Buches "Nordkorea: Innenansichten eines totalen Staates".
Professor Rüdiger Frank ist Vorstand des Instituts für Ostasienwissenschaften an der Universität Wien und Autor des im September erschienenen Buches "Nordkorea: Innenansichten eines totalen Staates".(Foto: Privat)

Rüdiger Frank: Das überrascht mich wenig. Die Nordkoreaner denken hierarchisch, ähnlich wie die Chinesen sind sie sehr machtorientiert. Sie haben begriffen, dass es schwierig ist, mit Brüssel zu reden, also suchen sie sich die europäischen Länder aus, die sie für am wesentlichsten halten. Es gibt nicht nur Kontakt mit Deutschland, sondern etwa auch mit Frankreich und Großbritannien.

Sogar in Fragen der Menschenrechte will man künftig angeblich kooperieren.

Sie hätten die Frage ja auch einfach ignorieren können. Aber dass man sich hier beweglich zeigt, demonstriert einmal mehr, dass entgegen unserem Stereotyp vom sich selbst isolierenden Land Nordkorea sein internationales Image wichtig ist. Kaum zu glauben, ich weiß, aber eben doch eine Tatsache. Man hat in Pjöngjang erkannt, dass die Frage der Menschenrechte ausgesprochen schädlich für das eigene Bild in der Welt ist. Ähnlich ist es übrigens vor Jahren bei der Frage des Drogenhandels und der Geldfälschung gelaufen.

Hat die Charmeoffensive noch andere, vielleicht innenpolitische Gründe?

Ich denke nicht, dass es darum geht, dass Kim Jong Un von innen Druck ausgesetzt ist und das tun muss. Ganz im Gegenteil: Das ist seine Initiative. Er hat Ende Februar eine wichtige Rede gehalten, in der er explizit Bezug auf die ideologische Arbeit genommen hat. Diese soll "offensiv" geführt werden. Das heißt: Neben dem, ich zitiere, "dichten Moskitonetz zum Schutz gegen die Viren der kapitalistischen Ideologie" käme es eben auch darauf an, "ideologische Raketen in großer Zahl" abzufeuern. Auch das Internet soll aktiv genutzt werden, um der vermeintlichen Propaganda des Feindes zu begegnen. Man will also nicht schweigend dastehen, während man, so sehen es die Nordkoreaner, international verunglimpft wird, und aktiv dagegen vorgehen.

Haben Sie Beispiele?

Seit Februar sind die Nordkoreaner offener, was zum Beispiel Interviews mit internationalen Medien angeht. Die Aussendungen der eigenen Standpunkte wurden intensiviert. Das ist ganz offensichtlich Teil einer PR-Offensive.

Die vermeintliche Annäherung ist also kein Anzeichen für politisches Tauwetter und eine politische Mäßigung Nordkoreas?

Nein. Es ist in den letzten Monaten auch nichts geschehen, was sie dazu hätte zwingen können. Nordkorea ist wirtschaftlich erfolgreicher als noch vor einigen Jahren. Insbesondere die Nahrungsmittelproduktion scheint sich einigermaßen zu erholen. Es wird mehr gebaut und investiert, wenngleich in bescheidenem Maße. Kim Jong Un kann das Land eines Tages in eine Reform führen, aber diesen Schritt ist er noch nicht gegangen. Ich sehe derzeit keine allzu große Bewegung in Nordkorea, aber so etwas wie Konsolidierung und eine Art Atemholen in Vorbereitung für große Schritte.

Der CSU-Politiker Hartmut Koschyk, der mit der deutschen Delegation in Nordkorea war, sagt: "Es herrscht Entwicklung." Entspricht das auch Ihrem Eindruck?

Ja. Jemand, der das Land wie ich regelmäßig besucht, merkt das relativ deutlich. Das Nordkorea von heute ist nicht mehr das von gestern oder vorgestern. Wenn man von Entwicklung spricht, heißt das natürlich nicht, dass Nordkorea bereits das Level von China, Singapur oder Hongkong erreicht hat. Aber nach den eigenen Maßstäben tut sich einiges. Es gibt sichtbare Zeichen des wirtschaftlichen Aufschwungs. Das gilt auch für das Erscheinungsbild der Nordkoreaner insgesamt. Die Menschen sind selbstbewusster geworden, die Gesellschaft differenzierter. Es gibt Inseln des Fortschritts. Eine, die mir besonders aufgefallen ist, war die Sonderwirtschaftszone in Rason im Nordosten, wo fast schon eine geschäftsmäßig pragmatische Offenheit herrscht, die man in Nordkorea sonst so nicht kennt. Es ist schon viel passiert. Daher kann man von Entwicklung sprechen und zwar im positiven Sinne. Auch wenn noch sehr viel Wegstrecke zurückzulegen ist, bevor all die Probleme, die es mit Nordkorea gibt, als beigelegt gelten können.

Zuletzt gab es viele vor allem gesundheitliche Gerüchte um Kim Jong Un. Steckt mehr dahinter?

Diese Gerüchte sagen mehr über unsere Medien aus als über Nordkorea. Am 15. Oktober war der wiedergekehrte Kim Jong Un auf den Titelseiten vieler Zeitungen. Und all das nicht, weil er die Lager aufgelöst oder das Atomprogramm abgeschafft hat, sondern weil er eine kleine Baustelle in Nordkorea besucht hat. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glatt von Hofberichterstattung sprechen. Der Umgang der nordkoreanischen Medien mit Kims Gesundheitsproblemen passt übrigens auch gut in das Bild der geschilderten offensiven PR-Politik. Kim Jong Un ist in seinem Auftreten ein ganz anderer Mensch als sein Vater. Er gibt viel mehr von sich preis, und zwar ganz bewusst. Er lässt es "menscheln" und das scheint bislang tatsächlich anzukommen. Er macht sich allerdings auch angreifbarer.

Sitzt er an der Spitze des Staates nach wie vor fest im Sattel?

Ja, davon kann man ausgehen. Es gibt jedenfalls keinen Anlass, das Gegenteil zu glauben. In den nordkoreanischen Medien und auf den Losungen überall im Land wird er eindeutig als der einzige Führer dargestellt. Selbst seine Vorgänger rücken immer mehr in den zeremoniellen Hintergrund. Das System könnte ohne Kim in seiner jetzigen Form auch nicht weiter existieren. Jemand in der oberen Führungsschicht, der sich mit dem Gedanken eines Putsches beschäftigt, würde sich dadurch letztlich ins eigene Fleisch schneiden und kaum Unterstützer finden. Kim Jong Un ist eine Person, mit der man rechnen und, so meine ich, auch reden muss, um vorwärts zu kommen.

Mit Rüdiger Frank sprach Christian Rothenberg

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Quelle: n-tv.de

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