"Es ist kurz vor zwölf"Dem Land gehen die Ärzte aus

Die Diagnose des Gesundheitsministers ist richtig: Hausärzten fehlt es an Nachwuchs. Rösler will deshalb den Numerus clausus für Medizin abschaffen und eine Landarztquote einführen. Doch nicht der NC ist das Problem, die Rezepte müssen andere sein. Und das Landleben muss attraktiver werden.
Landarzt zu sein ist wahrlich kein Traumjob. Das fängt schon mit der ständigen Bereitschaft an: 24 Stunden, 7 Tage die Woche – für die Patienten muss der Hausarzt im Zweifel und Notfall immer erreichbar sein. Die Hausbesuche brauchen mehr Zeit, allein schon wegen der Anfahrt. Zudem fehlt es in ohnehin strukturschwachen Regionen meist auch an kulturell vielfältigen Angeboten und für junge Familien an der nötigen Kinderbetreuung. Vom Papierkram und der Finanzierung einer eigenen Praxis ganz zu schweigen.
Für viele der derzeit rund 80.000 Medizinstudenten sind es diese Hürden, die sie von der Arbeit als Mediziner zwischen Feld und Wald abhalten. Sie bleiben lieber in der Stadt oder an einem Krankenhaus, wenn es sie nicht ins Ausland oder die freie Wirtschaft zieht, wo sie noch besser verdienen können. Mehr als 3600 Fach- und Allgemeinmediziner fehlen derzeit bereits. In den nächsten 10 Jahren gehen noch einmal gut 58.000 niedergelassene Mediziner in den Ruhestand, ohne dass jeder von ihnen auf einen Nachfolger hoffen kann. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und ihre regionalen Landesverbände, die für die medizinische Versorgung zuständig und in denen die Ärzte organisiert sind, schlagen deshalb schon seit Jahren Alarm. Nun hat auch Bundesgesundheitsminister Rösler seinen Finger in die Wunde gelegt: Er will der Ärzteknappheit mit einem Ende der Zugangsbeschränkung durch den Numerus clausus (NC) und einer Landarztquote beim Medizinstudium beikommen.
NC ist nicht das Problem
"Ich plädiere für eine Abschaffung des Numerus clausus und für eine stärkere Berücksichtigung von Auswahlgesprächen", hatte der FDP-Politiker gesagt. Dabei ist die NC-Beschränkung gar nicht das Problem, potenzielle Studenten gäbe es genug: 37.337 Bewerber gab es im Wintersemester 2009 auf 8512 Studienplätze im Bereich Medizin. Das sind 4,4 Bewerber pro Platz. Für 20 Prozent der Studienplätze gilt deshalb die beste Abitursnote, 20 Prozent werden über die Warteliste vergeben. Den Großteil der Studenten, 60 Prozent, dürfen sich die Universitäten selbst aussuchen und dabei neben der Note auch eigene Kriterien wie zusätzliche Tests, Auswahlgespräche oder Zusatzqualifikationen festlegen. Davon machen nach Angaben der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) auch die meisten Unis Gebrauch. Damit ist eine Forderung des Gesundheitsministers längst erfüllt.
Will Rösler also mehr Medizinstudenten bekommen, muss er das Angebot vergrößern – der NC würde damit ebenfalls sinken. Doch die Studienplätze im Bereich Medizin kosten Geld, rund 300.000 Euro sagt die Bundesärztekammer. Das müssen zudem die Bundesländer bezahlen, die über die Universitäten und ihre Ausgestaltung entscheiden. Das macht die Sache für Rösler so schwierig. Aber die wachsende Zahl der Studenten ist genauso wenig das Problem wie die wachsende Zahl der Ärzte: Die ist von 1991 bis 2008 nach Angaben Bundesärztekammer um mehr als 30 Prozent auf rund 320.000 gestiegen. Das zunehmende Alter und die regionale Verteilung der Mediziner geben vielmehr Anlass zur Sorge.
Ruheständler werden zurückgerufen
Mit den Ärzten ist es dabei wie mit dem Rest der Bevölkerung: "Die mangelnde Attraktivität des Landlebens gegenüber der Stadt ist ein Problem", erklärt Matthias Zänker von der Kassenärztlichen Vereinigung in Thüringen (KVT). Für das Bundesland ist der Ärztemangel und die zunehmende Überalterung eine große Herausforderung: 104 Hausärzte und 22 Fachärzte könnten dort sofort eingestellt werden. Das gilt selbst für die Landeshauptstadt Erfurt, wo 12 Stellen offen sind. Von den landesweit etwa 3700 Ärzten ist fast ein Viertel 60 Jahre oder älter, bei Allgemeinmedizinern beträgt der Altersdurchschnitt 54 Jahre. "Es ist kurz vor zwölf", sagt Zänker.
In Sachsen-Anhalt ist die Situation ähnlich, was den Altersdurchschnitt der 1461 Hausärzte betrifft. Seit 1997 ist ihre Zahl um fast 15 Prozent gesunken. Um 100 Prozent des Bedarfs abzudecken fehlen dort nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung 142 Allgemeinmediziner. Eine Stelle könnten derzeit sogar 252 Hausärzte finden, weil die Quote für Mediziner über 100 Prozent liegen kann.
Besonders deutlich wird der Ärztemangel am thüringischen "Sorgenkind" Gotha. In der Residenzstadt mit ihren knapp 45.000 Einwohnern sind allein 2008 zehn Hausärzte in den Ruhestand gegangen, neun Allgemeinmediziner werden noch gesucht. Weil einfach kein Nachwuchs zu finden ist, mussten die Ruheständler wieder ran: Sechs ehemalige Hausärzte teilen sich nun eine Praxis, die von der KVT in Eigenregie betrieben wird.
Praxis in Eigenregie
Die Kassenärztliche Vereinigung in Thüringen ist als erstes auf die Idee gekommen, eine Praxis in Eigenregie zu betreiben und Ärzte dort anzustellen, um den Versorgungsbedarf zu decken. Die Idee hat nun auch der Gesundheitsminister aufgegriffen, der als Betreiber auch die Kommunen ins Spiel gebracht hat. Warum dieses Modell eine Lösung sein kann? Für einen Arzt ist die Übernahme einer Praxis mit hohen Investitionskosten und dem Risiko verbunden, wirtschaftlich zu scheitern. In Thüringen bietet die Kassenärztliche Vereinigung Ärzten an, die Praxis zu betreiben und die Investitionskosten zu übernehmen. Die Mediziner haben bis zu zwei Jahre Zeit, sich zu entscheiden, ob sie die Praxis übernehmen.
Die Kassenärztlichen Vereinigungen lassen sich eine Vielzahl von Anreizen einfallen, um Ärzte in unterbesetzte Regionen zu locken. In Thüringen etwa gibt es Stipendien für Mediziner, wenn sie bleiben. In Sachsen-Anhalt und in Niedersachsen gibt es sogar Umsatzgarantien für Ärzte, mit denen der Durchschnittverdienst zugesichert wird. Die Wirtschaftlichkeit der Praxen ist in den meisten Regionen aber gar nicht das Problem. "Patienten gibt es genug, die das Einkommen sichern", sagt Detlef Haffke, Sprecher der KV Niedersachsen. Auch Haffke sieht die wichtigste Ursache eher in einem gesamtgesellschaftlichen Phänomen: Jungen Medizinern seien geregelte Arbeitszeiten und ein attraktives Umfeld wichtig.
In Niedersachsen, der Heimat des Bundesgesundheitsministers, ist der Ärztemangel zwar noch kein drängendes Problem. Doch hat die Kassenärztliche Vereinigung eine Prognose für 2020 erstellen lassen, die Anlass zur Sorge gibt: 1000 Hausärzte werden in zehn Jahren fehlen, wenn nichts unternommen wird. Um gegenzusteuern, bietet die KV deshalb neben der Umsatzgarantie und einer finanziellen Förderung für Fachärzte auch eine Beratung für Medizinstudenten an, um ihnen die Perspektive als Landarzt schmackhaft zu machen.
Unis benachteiligen Hausärzte
Die Universitäten sind nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung allerdings auch mitverantwortlich für den Mangel an Hausärzten. "Der Allgemeinmediziner kommt in der universitären Ausbildung zu kurz" sagt Haffke. Das Studium sei vor allem auf eine klinische Ausbildung ausgerichtet, die eine fachliche Spezialisierung fördere, was dem Bedarf der Krankenhäuser entspreche. "Es müsste mehr Lehrstühle für Allgemeinmedizin geben", fordert Haffke deshalb. Mit dem Beruf des Hausarztes kämen die meisten Studenten erst am Ende ihres eigentlichen Studiums in Berührung, wenn es an die fachliche Spezialisierung geht, sagt auch sein Kollege Zenker aus Thüringen.
Beide Vertreter begrüßen es, dass Gesundheitsminister Rösler die Debatte nun angestoßen hat. Niedersachse Haffke kann sich sogar mit der Idee einer Landarztquote für Studenten anfreunden, wenn das rechtlich machbar sei. Er schlägt aber auch vor, Medizinern die Studiengebühren zu erlassen oder Stipendien anzubieten, wenn sie als Arzt aufs Land gehen. Für den thüringischen Kollegen Zenker ist es einfach an der Zeit, möglichst viele Alternativen möglichst ohne Zwang auszuprobieren. "Die ganz große Lösung wird es nicht geben. Viele kleine Ansätze halte ich für sinnvoll."